Foto: Birgit Lutz
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Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 70 – Das wunderweiche arktische Spätsommerlicht

Fotos von: Birgit Lutz

Nirgendwo sonst entfalten sich die Jahreszeiten so schnell und mit solcher Wucht, wie in der Arktis. Seinen ganz eigenen Reiz hat hier der Herbst, des Lichtes wegen.

Gerade komme ich aus Spitzbergen zurück, den ganzen August und Septemberbeginn habe ich dort verbracht. Was in unseren Breiten der Hochsommer ist, ist dort schon der Herbst. Während es hier in den Abendstunden wunderbare Lichtstimmungen gibt, ist dieses Licht in Spitzbergen den ganzen Tag zu bestaunen. Zu keiner Jahreszeit fällt es dort so schwer, ins Bett zu gehen, wie in diesem Lichtherbst.

Wenn man Ende August durch die Inselwelt Spitzbergens fährt, spürt man noch den Sommer verhallen. Man spürt noch die Geschäftigkeit, die aber schon am Vergehen ist. Ähnlich, wenn an einem italienischen Badestrand langsam die Liegestühle eingeklappt werden in tiefstehender Sonne. Dann ist der Sommer vorbei, aber all der Trubel liegt noch immer in der Luft. Nur, dass der Spitzbergen-Trubel nicht von Menschen gemacht ist, hier beleben die Tiere die nur karg erscheinenden Inseln.

Dieses Gefühl hatte ich auf dieser letzten Reise, die gerade erst zu Ende ging. War vor kurzem noch Hochbetrieb an den Vogelfelsen, kreischten die Dickschnabellummen und schwirrten die Krabbentaucher in riesigen Scharen durch die Lüfte, kehrt nun Ruhe ein. Die meisten Lummen sind fort, die Jungen paddeln mit ihren kleinen Füßchen fleißig gen Grönland, nur einige Nachzügler sitzen noch zwischen den Felsen, die eifrig von Polarfüchsen abgesucht werden. Was ein Fest für die Füchse ist – all die vergessenen oder ungeschlüpften Eier oder verlassene Junge aufzuspüren – ist für uns wieder ein anderes Abenteuer, denn nun sehen wir die jungen weißen Füchse in ihrem ersten Winterfell die Felsen auf und ab springen, schnuppernd und tänzelnd, aufgeregt suchend. Und sogar einen Jagderfolg beobachten wir: Das kleine Füchslein schnappt sich eine ausgewachsene Dreizehnmöwe! Und wie schnell er sie packt und mit seinem Fang schnell davonläuft! Das ganze Schiff schrie auf, als er diese fette Beute machte. Was für ein Erlebnis.

Die Tundra hat nun ihre Herbstfärbung. Die Blumen sind verblüht, nur vereinzelt findet man noch die winzigen Blüten eines Steinbrechs oder eines Leimkrauts. Rot und gelb färben sich manche Täler, wie bei uns die Blätter der Bäume. Manche Ebene sieht aus, als habe man mit zwei kräftigen Pinseln über sie hinweg gestrichen, einmal rot, einmal gelb.

Der erste Schnee fällt schon, die Berge sind nicht mehr sommerlich einheitsbraun oder schwarz, sondern angezuckert. Man sieht ihre Konturen, Einschnitte und Erosionen dadurch viel deutlicher, sie wirken so viel weniger klobig und sehen durch den Schneezucker viel freundlicher aus.

All das ist beschienen von einer warmen, tiefstehenden Sonne. Während im Sommer die Sonne den ganzen Tag und die ganze Nacht beinahe gleichmäßig unentwegt vom Himmel prallt, gleicht die Herbstsonne einer alten Dame, die gnädig noch einige Strahlen aussendet, tiefstehend und golden. Und obwohl die Temperaturen nun langsam sinken und manchmal ein polarer Wind um uns bläst, erwärmt uns dieses Licht wie ein knisternder Kamin.
Stundenlang hängt die Sonne gerade mal über dem Horizont, in einem nicht endenden Sonnenuntergang, denn sie geht noch nicht unter – je nachdem, wo man ist in Spitzbergen! Wir sind auf der letzten Reise einige Male aus dem Polartag heraus und wieder hineingefahren. Auch das ein Erlebnis, wie ein bisschen weiter im Norden oder im Süden die Nächte dann doch dunkler werden oder noch hell bleiben.

Der Boden ist trocken, die Schmelzzeit lange vorbei, lange Wanderungen sind dadurch möglich, und oft bleibt man stehen auf diesen Touren. Eine neue Wolke wird angestrahlt, ein anderer Fels leuchtet nun, der Farbton hat sich schon wieder verändert. Viele, viele Fotos macht man von derselben Landschaft, doch keines ist wie das andere. Sogar wir sehen besser aus in diesem Licht, obwohl sich die Müdigkeit eines Schiffsmonats irgendwann doch breit macht, aber diese goldene Sonne ist doch die beste Retusche der Welt.

Und zwischendurch kommen die ersten Stürme, dann heult der Wind um das Schiff und an Land ist es laut in unseren Kapuzen, und auch diese Stürme halten ungeheuer Schönes bereit für uns, wenn die über den Himmel jagenden Wolken von unten golden angestrahlt werden, blau leuchtender Himmel hindurch blitzt, Felsen gelbrotgolden strahlen und gleichzeitig Regentropfen auf uns peitschen. Dann spüren wir, wie sehr wir Teil dieser Natur, wie großartig doch diese Welt ist.

Einen schönen Herbst wünsche ich Euch auch hier.
Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

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Gerade komme ich aus Spitzbergen zurück, den ganzen August und Septemberbeginn habe ich dort verbracht. Was in unseren Breiten der Hochsommer ist, ist dort schon der Herbst. Während es hier in den Abendstunden wunderbare Lichtstimmungen gibt, ist dieses Licht in Spitzbergen den ganzen Tag zu bestaunen. Zu keiner Jahreszeit fällt es dort so schwer, ins Bett zu gehen, wie in diesem Lichtherbst.

Wenn man Ende August durch die Inselwelt Spitzbergens fährt, spürt man noch den Sommer verhallen. Man spürt noch die Geschäftigkeit, die aber schon am Vergehen ist. Ähnlich, wenn an einem italienischen Badestrand langsam die Liegestühle eingeklappt werden in tiefstehender Sonne. Dann ist der Sommer vorbei, aber all der Trubel liegt noch immer in der Luft. Nur, dass der Spitzbergen-Trubel nicht von Menschen gemacht ist, hier beleben die Tiere die nur karg erscheinenden Inseln.

Dieses Gefühl hatte ich auf dieser letzten Reise, die gerade erst zu Ende ging. War vor kurzem noch Hochbetrieb an den Vogelfelsen, kreischten die Dickschnabellummen und schwirrten die Krabbentaucher in riesigen Scharen durch die Lüfte, kehrt nun Ruhe ein. Die meisten Lummen sind fort, die Jungen paddeln mit ihren kleinen Füßchen fleißig gen Grönland, nur einige Nachzügler sitzen noch zwischen den Felsen, die eifrig von Polarfüchsen abgesucht werden. Was ein Fest für die Füchse ist – all die vergessenen oder ungeschlüpften Eier oder verlassene Junge aufzuspüren – ist für uns wieder ein anderes Abenteuer, denn nun sehen wir die jungen weißen Füchse in ihrem ersten Winterfell die Felsen auf und ab springen, schnuppernd und tänzelnd, aufgeregt suchend. Und sogar einen Jagderfolg beobachten wir: Das kleine Füchslein schnappt sich eine ausgewachsene Dreizehnmöwe! Und wie schnell er sie packt und mit seinem Fang schnell davonläuft! Das ganze Schiff schrie auf, als er diese fette Beute machte. Was für ein Erlebnis.

Die Tundra hat nun ihre Herbstfärbung. Die Blumen sind verblüht, nur vereinzelt findet man noch die winzigen Blüten eines Steinbrechs oder eines Leimkrauts. Rot und gelb färben sich manche Täler, wie bei uns die Blätter der Bäume. Manche Ebene sieht aus, als habe man mit zwei kräftigen Pinseln über sie hinweg gestrichen, einmal rot, einmal gelb.

Der erste Schnee fällt schon, die Berge sind nicht mehr sommerlich einheitsbraun oder schwarz, sondern angezuckert. Man sieht ihre Konturen, Einschnitte und Erosionen dadurch viel deutlicher, sie wirken so viel weniger klobig und sehen durch den Schneezucker viel freundlicher aus.

All das ist beschienen von einer warmen, tiefstehenden Sonne. Während im Sommer die Sonne den ganzen Tag und die ganze Nacht beinahe gleichmäßig unentwegt vom Himmel prallt, gleicht die Herbstsonne einer alten Dame, die gnädig noch einige Strahlen aussendet, tiefstehend und golden. Und obwohl die Temperaturen nun langsam sinken und manchmal ein polarer Wind um uns bläst, erwärmt uns dieses Licht wie ein knisternder Kamin.
Stundenlang hängt die Sonne gerade mal über dem Horizont, in einem nicht endenden Sonnenuntergang, denn sie geht noch nicht unter – je nachdem, wo man ist in Spitzbergen! Wir sind auf der letzten Reise einige Male aus dem Polartag heraus und wieder hineingefahren. Auch das ein Erlebnis, wie ein bisschen weiter im Norden oder im Süden die Nächte dann doch dunkler werden oder noch hell bleiben.

Der Boden ist trocken, die Schmelzzeit lange vorbei, lange Wanderungen sind dadurch möglich, und oft bleibt man stehen auf diesen Touren. Eine neue Wolke wird angestrahlt, ein anderer Fels leuchtet nun, der Farbton hat sich schon wieder verändert. Viele, viele Fotos macht man von derselben Landschaft, doch keines ist wie das andere. Sogar wir sehen besser aus in diesem Licht, obwohl sich die Müdigkeit eines Schiffsmonats irgendwann doch breit macht, aber diese goldene Sonne ist doch die beste Retusche der Welt.

Und zwischendurch kommen die ersten Stürme, dann heult der Wind um das Schiff und an Land ist es laut in unseren Kapuzen, und auch diese Stürme halten ungeheuer Schönes bereit für uns, wenn die über den Himmel jagenden Wolken von unten golden angestrahlt werden, blau leuchtender Himmel hindurch blitzt, Felsen gelbrotgolden strahlen und gleichzeitig Regentropfen auf uns peitschen. Dann spüren wir, wie sehr wir Teil dieser Natur, wie großartig doch diese Welt ist.

Einen schönen Herbst wünsche ich Euch auch hier.
Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz