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Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 102 – Der Ruf der Orcas

Manchmal gelingen Begegnungen mit Tieren, die man nie, nie wieder vergisst.

Wir waren schon auf dem Weg zu unserem Ankerplatz, als wir noch einmal eine Schule Orcas erspähten. Langsam fuhren wir darauf zu, im fast glatten Wasser des Fjords. Nordnorwegen im November und Dezember wartet mit einer Magie auf, die beinahe unübertrefflich ist: Die Heringe kommen aus der Barentssee in die Fjorde, und ihnen folgen Buckel-, Schwert- und Finnwale hinterher. Viele Tiere in einem einzigen Fjord, in dem glücklicherweise einige Inseln liegen, den man also nicht ganz überblicken kann, das lässt ihn größer wirken, als er ist.

Diese Gruppe Orcas hatte einen Heringsschwarm gefunden und war mit Fressen beschäftigt. Die bis zwei Meter hohen Rückenfinnen der männlichen Tiere schoben sich wie Messer aus dem Wasser und versenkten sich wieder darin, ein Weibchen zog behutsam von Ost nach West, sein Kalb immer ganz nah bei sich. Als wir näherkamen, fraßen die Tiere erst ungestört weiter, unser Schiff blieb auf Abstand stehen, Motor aus, driftete neben ihnen, still.

Auf einmal schien es, als haben sie jetzt erst dieses große Ding neben sich entdeckt, einige von ihnen änderten die Richtung, schwammen auf uns zu, um unser Achterdeck herum; es wirkte so, als blieben sie bei ihren gleichmäßigen Bewegungen extra lange über der Wasseroberfläche, weil sie uns anschauen wollten. Sie wollten sehen, wer wir sind.
Wer das nicht erlebt hat, mag nun lächeln, aber zwei dieser Orcas schauten mich an, ihre Augen trafen meine. In so einem Moment werden einem die Knie weich.

Sie schwammen an der Backbordseite zum Bug, am Bug vorbei erneut zu ihrem Buffett und tauchten wieder unter. Sie fraßen und fraßen und fraßen, 20 Tiere waren es vielleicht. Wir hörten sie atmen und pfeifen, quiekend trillern. Vielleicht hatte dieses Trillern den Sinn, einen anderen Teil der Familie, ein bisschen weiter entfernt, darüber zu informieren, dass es hier Futter gab, wer weiß. Auf jeden Fall tauchen urplötzlich jenseits unseres Schiffs noch mehr Orcas auf, in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Fünf, sechs, sieben große Tiere und mehrere kleinere sprangen fast aus dem Wasser, so schnell waren sie unterwegs, direkt auf die Backbordseite unseres Schiffs zu. Ein paar Momente lang sah das durchaus unheimlich aus, doch das Wissen um den dicken Stahl unseres Schiffs wirkte beruhigend. Dennoch wirkte dieses schnelle und gezielte Herankommen so, als hätten es die Tiere auf uns abgesehen und einen Moment lang fühlten wir uns wie Beute.

Orcas in Freiheit, muss man wissen, haben noch nie einen Menschen getötet oder verletzt. Nur die eingesperrten zeigen deutlich anderes Verhalten.

Natürlich wollten diese wild und frei lebenden Orcas hier nur zum Futter auf unserer Steuerbordseite. Wir standen einfach im Weg, was für einen Orca nicht schlimm ist – in einigem Abstand tauchten sie unter und erst auf der anderen Seite wieder auf. Sie mischten sich unter die Fressenden.

Bis ein Pfiff ertönte, man kann es nicht anders sagen, ein klarer, aus allen anderen Geräuschen herausstechender Pfiff. Plötzlich schwammen die Orcas viel dichter aneinander, auch die etwas weiter entfernten Tiere kamen ganz nah an die Gruppe. Dann ertönte noch einmal ein hohes Pfeifen, Fiepen, wie immer man einen langgezogenen hellen Wal-Ton nennen möchte. Was passierte nun wohl? Die Orcas hatten genug gefressen; es war Zeit, weiterzuziehen. Ein Weibchen nahm Kurs knapp an unserem Achterdeck vorbei und der ganze Pod folgte ihr. Wir hielten alle den Atem an. Sie schwammen an uns vorbei, wir hörten sie atmen, die Wellen plätschern, schnauben. Alles war still, wir hörten nur die Wale, sonst nichts. Wir blickten ihnen nach, bis sie in dem diffusen graublauen Licht der einbrechenden Nacht langsam immer weniger auszumachen waren und schließlich verschwanden.

Auch dann blieb der Motor noch eine Weile aus, wir wollten alle nachhören, was wir da eben erlebt hatten. Es gehört viel Glück und noch mehr Geduld dazu, zur Hochsaison solche Momente zu erleben, in denen man allein ist, Motor aus, kein anderes Boot heran rast und den Frieden stört. Glücklicherweise gelingt es uns immer wieder, weil wir Gäste haben, die diese Geduld mit uns aufbringen. Ich bin so dankbar für diese Erlebnisse!

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

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Diese Gruppe Orcas hatte einen Heringsschwarm gefunden und war mit Fressen beschäftigt. Die bis zwei Meter hohen Rückenfinnen der männlichen Tiere schoben sich wie Messer aus dem Wasser und versenkten sich wieder darin, ein Weibchen zog behutsam von Ost nach West, sein Kalb immer ganz nah bei sich. Als wir näherkamen, fraßen die Tiere erst ungestört weiter, unser Schiff blieb auf Abstand stehen, Motor aus, driftete neben ihnen, still.

Auf einmal schien es, als haben sie jetzt erst dieses große Ding neben sich entdeckt, einige von ihnen änderten die Richtung, schwammen auf uns zu, um unser Achterdeck herum; es wirkte so, als blieben sie bei ihren gleichmäßigen Bewegungen extra lange über der Wasseroberfläche, weil sie uns anschauen wollten. Sie wollten sehen, wer wir sind.
Wer das nicht erlebt hat, mag nun lächeln, aber zwei dieser Orcas schauten mich an, ihre Augen trafen meine. In so einem Moment werden einem die Knie weich.

Sie schwammen an der Backbordseite zum Bug, am Bug vorbei erneut zu ihrem Buffett und tauchten wieder unter. Sie fraßen und fraßen und fraßen, 20 Tiere waren es vielleicht. Wir hörten sie atmen und pfeifen, quiekend trillern. Vielleicht hatte dieses Trillern den Sinn, einen anderen Teil der Familie, ein bisschen weiter entfernt, darüber zu informieren, dass es hier Futter gab, wer weiß. Auf jeden Fall tauchen urplötzlich jenseits unseres Schiffs noch mehr Orcas auf, in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Fünf, sechs, sieben große Tiere und mehrere kleinere sprangen fast aus dem Wasser, so schnell waren sie unterwegs, direkt auf die Backbordseite unseres Schiffs zu. Ein paar Momente lang sah das durchaus unheimlich aus, doch das Wissen um den dicken Stahl unseres Schiffs wirkte beruhigend. Dennoch wirkte dieses schnelle und gezielte Herankommen so, als hätten es die Tiere auf uns abgesehen und einen Moment lang fühlten wir uns wie Beute.

Orcas in Freiheit, muss man wissen, haben noch nie einen Menschen getötet oder verletzt. Nur die eingesperrten zeigen deutlich anderes Verhalten.

Natürlich wollten diese wild und frei lebenden Orcas hier nur zum Futter auf unserer Steuerbordseite. Wir standen einfach im Weg, was für einen Orca nicht schlimm ist – in einigem Abstand tauchten sie unter und erst auf der anderen Seite wieder auf. Sie mischten sich unter die Fressenden.

Bis ein Pfiff ertönte, man kann es nicht anders sagen, ein klarer, aus allen anderen Geräuschen herausstechender Pfiff. Plötzlich schwammen die Orcas viel dichter aneinander, auch die etwas weiter entfernten Tiere kamen ganz nah an die Gruppe. Dann ertönte noch einmal ein hohes Pfeifen, Fiepen, wie immer man einen langgezogenen hellen Wal-Ton nennen möchte. Was passierte nun wohl? Die Orcas hatten genug gefressen; es war Zeit, weiterzuziehen. Ein Weibchen nahm Kurs knapp an unserem Achterdeck vorbei und der ganze Pod folgte ihr. Wir hielten alle den Atem an. Sie schwammen an uns vorbei, wir hörten sie atmen, die Wellen plätschern, schnauben. Alles war still, wir hörten nur die Wale, sonst nichts. Wir blickten ihnen nach, bis sie in dem diffusen graublauen Licht der einbrechenden Nacht langsam immer weniger auszumachen waren und schließlich verschwanden.

Auch dann blieb der Motor noch eine Weile aus, wir wollten alle nachhören, was wir da eben erlebt hatten. Es gehört viel Glück und noch mehr Geduld dazu, zur Hochsaison solche Momente zu erleben, in denen man allein ist, Motor aus, kein anderes Boot heran rast und den Frieden stört. Glücklicherweise gelingt es uns immer wieder, weil wir Gäste haben, die diese Geduld mit uns aufbringen. Ich bin so dankbar für diese Erlebnisse!

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz