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Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 115 | Der Moschusochse

Moschusochsen sind imposante Tiere. Die Chancen, tatsächlich welche zu sehen, stehen auf einigen Grönlandreisen gar nicht so schlecht.

Meinen ersten Kontakt mit Moschusochsen werde ich so schnell nicht vergessen: Wir wanderten im Osten Grönlands munter über eine Bergkuppe. Als wir das letzte Hügelchen erklommen hatten und einen freien Blick in das nächste Tal hatten, stand da: eine Herde Moschusochsen. Die Tiere mussten uns schon lange gehört haben, denn sie machten einen deutlich weniger überraschten Eindruck als wir alle miteinander.

Sie standen da und schauten auf uns, vielleicht 30 Exemplare. 200 Meter waren sie ungefähr entfernt, was ich sofort als eine gute Entfernung einschätzte, die meinetwegen nicht wesentlich geringer werden musste. Denn auch aus dieser Entfernung konnte man sehr gut sehen, was für unglaublich bullige Körper mit beeindruckend bulligen Köpfen und Hörnern da auf sehr massigen Beinen herumstanden. Wenn sich diese in Bewegung setzten, das war einem sofort klar, dann stand man besser nicht im Weg.

Wir pirschten uns dennoch näher an die Tiere heran, so lange, bis einer der Ochsen, ich schwöre, mit einem Vorderbein auf genau die Weise in den Boden stampfte, wie man das in Comics bei Stieren sieht, bevor sie irgendjemanden aufspießen. Den Kopf senkte das Tier dabei. Es sah alles in allem nicht freundlich aus, dieser Ochse wollte keine Gesellschaft, und so zogen wir uns dezent zurück. Eines jener Erlebnisse also, nach denen es einem ein bisschen schwindlig ist, weil man so wenig geatmet hat. Und Fotos habe ich auch keine davon.

Sind Moschusochsen aber überhaupt mit Stieren verwandt, wenn sie schon so ähnlich scharren und überdies Ochsen heißen? Überraschung: Nein. Der Moschusochse (Ovibos moschatos) ist ein Verwandter der Ziegen! Zweifelsohne einer der beeindruckendsten: Die Männchen werden 1,50m hoch, bis 2,50m lang und wiegen bis 400Kilo, auch die Weibchen sind nicht gerade schmächtig mit 1,30m Höhe, 2,30 m Länge und immerhin noch bis 300 Kilo Gewicht. Hörner haben beide Geschlechter, sie geben der Moschusochsen-Erscheinung einen zusätzlich furchteinflößenden Touch, denn ihre Enden sind nach außen gebogen. Käme es zu einem direkten Aufeinandertreffen mit einem grantigen Ochsen, würde ein einfaches Hansaplast nicht mehr ausreichen.

Moschusochsen gefällt es in der arktischen Tundra, in der wenig Niederschläge fallen. Heute gibt es größere Moschusochsenherden in Grönland, Kanada, Sibirien und Alaska sowie als kleinere Herden in Norwegen und Schweden. Natürlichen Ursprung haben aber nur die Herden im Nordosten Grönlands und im Norden Kanadas, alle anderen sind Wieder- oder Neuansiedlungen. Die Herden in Norwegen und Schweden beispielsweise stammen aus Grönland. Insgesamt gibt es wohl noch etwa 145.000 Tiere.

Weil mit dem Moschusochsen ein Tier entdeckt war, das mit der wilden Natur Grönlands gut zurechtkam, wollten auch die im Westen der Insel lebenden Menschen Mochusochsen ansiedeln. Im Herbst 1962 verschiffte man also 27 Moschusochsen aus Nordostgrönland erst nach Island. Dort überwinterten die Tiere, bevor sie 1963 auf eine weitere Schiffsreise gehen durften, von Island Richtung Süden, um Grönland herum und an der Westküste hinauf bis nach Kangerlussuaq. Dort konnten die Ochsen wieder an Land gehen.

Da neben dem Klima der einzige Feind der Moschusochsen der Mensch ist, konnten die Tiere dort gut gedeihen – die Population ist hier mittlerweile auf etwa 22.000 Exemplare angewachsen. Und weil das Klima in der Region um das weiter südlich liegende Kangerlussuaq etwas weniger lebensfeindlich ist, bekommen die Moschusochsen dort sogar im Schnitt zwei Kälber pro Jahr, während es im Nordosten ein Kalb alle zwei Jahre ist.

Moschusochsen sind für den Menschen eine leichte Beute, solange er ein Gewehr hat – deswegen wurden Moschusochsen eine Zeitlang so intensiv bejagt, dass sich ihre Bestände drastisch reduzierten. Die Tiere flüchten nämlich nicht, sondern stellen sich in einen Verteidigungsring – außen also die Hörner. Was gegen Wölfe eine sehr gute Wirkung hat, ist gegen Kugeln aber leider nutzlos. In Teilen Grönlands sind Moschusochsen seit 1974 unter Schutz gestellt.

Wenn es Moschusochsen gibt, sieht man häufig auch noch andere Tierarten. Schneeammern, die kleinen arktischen Singvögel beispielsweise, polstern ihre Nester mit der weichen Moschusochsenwolle aus, die die Ochsen überall in der Tundra verteilen. Im Winter folgen Schneehasen und Schneehühnern den Paarhufern, die sich ja von auch von Kräutern, Moosen und Flechten ernähren. Wenn sie diese im Winter freischarren, lassen sie immer auch etwas übrig, was dann noch für Hase und Huhn ausreicht.

Tatsächlich sahen wir bei jener ersten Begegnung mit Moschusochsen wenig später noch einen gemütlich vor sich hin mümmelnden Schneehasen. Vor diesem mussten wir uns zwar deutlich weniger in Acht nehmen, aber Abstand hielten wir trotzdem, damit er wegen uns nicht weg hoppeln musste. Ein wunderbarer Landgang war das!

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

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Sie standen da und schauten auf uns, vielleicht 30 Exemplare. 200 Meter waren sie ungefähr entfernt, was ich sofort als eine gute Entfernung einschätzte, die meinetwegen nicht wesentlich geringer werden musste. Denn auch aus dieser Entfernung konnte man sehr gut sehen, was für unglaublich bullige Körper mit beeindruckend bulligen Köpfen und Hörnern da auf sehr massigen Beinen herumstanden. Wenn sich diese in Bewegung setzten, das war einem sofort klar, dann stand man besser nicht im Weg.

Wir pirschten uns dennoch näher an die Tiere heran, so lange, bis einer der Ochsen, ich schwöre, mit einem Vorderbein auf genau die Weise in den Boden stampfte, wie man das in Comics bei Stieren sieht, bevor sie irgendjemanden aufspießen. Den Kopf senkte das Tier dabei. Es sah alles in allem nicht freundlich aus, dieser Ochse wollte keine Gesellschaft, und so zogen wir uns dezent zurück. Eines jener Erlebnisse also, nach denen es einem ein bisschen schwindlig ist, weil man so wenig geatmet hat. Und Fotos habe ich auch keine davon.

Sind Moschusochsen aber überhaupt mit Stieren verwandt, wenn sie schon so ähnlich scharren und überdies Ochsen heißen? Überraschung: Nein. Der Moschusochse (Ovibos moschatos) ist ein Verwandter der Ziegen! Zweifelsohne einer der beeindruckendsten: Die Männchen werden 1,50m hoch, bis 2,50m lang und wiegen bis 400Kilo, auch die Weibchen sind nicht gerade schmächtig mit 1,30m Höhe, 2,30 m Länge und immerhin noch bis 300 Kilo Gewicht. Hörner haben beide Geschlechter, sie geben der Moschusochsen-Erscheinung einen zusätzlich furchteinflößenden Touch, denn ihre Enden sind nach außen gebogen. Käme es zu einem direkten Aufeinandertreffen mit einem grantigen Ochsen, würde ein einfaches Hansaplast nicht mehr ausreichen.

Moschusochsen gefällt es in der arktischen Tundra, in der wenig Niederschläge fallen. Heute gibt es größere Moschusochsenherden in Grönland, Kanada, Sibirien und Alaska sowie als kleinere Herden in Norwegen und Schweden. Natürlichen Ursprung haben aber nur die Herden im Nordosten Grönlands und im Norden Kanadas, alle anderen sind Wieder- oder Neuansiedlungen. Die Herden in Norwegen und Schweden beispielsweise stammen aus Grönland. Insgesamt gibt es wohl noch etwa 145.000 Tiere.

Weil mit dem Moschusochsen ein Tier entdeckt war, das mit der wilden Natur Grönlands gut zurechtkam, wollten auch die im Westen der Insel lebenden Menschen Mochusochsen ansiedeln. Im Herbst 1962 verschiffte man also 27 Moschusochsen aus Nordostgrönland erst nach Island. Dort überwinterten die Tiere, bevor sie 1963 auf eine weitere Schiffsreise gehen durften, von Island Richtung Süden, um Grönland herum und an der Westküste hinauf bis nach Kangerlussuaq. Dort konnten die Ochsen wieder an Land gehen.

Da neben dem Klima der einzige Feind der Moschusochsen der Mensch ist, konnten die Tiere dort gut gedeihen – die Population ist hier mittlerweile auf etwa 22.000 Exemplare angewachsen. Und weil das Klima in der Region um das weiter südlich liegende Kangerlussuaq etwas weniger lebensfeindlich ist, bekommen die Moschusochsen dort sogar im Schnitt zwei Kälber pro Jahr, während es im Nordosten ein Kalb alle zwei Jahre ist.

Moschusochsen sind für den Menschen eine leichte Beute, solange er ein Gewehr hat – deswegen wurden Moschusochsen eine Zeitlang so intensiv bejagt, dass sich ihre Bestände drastisch reduzierten. Die Tiere flüchten nämlich nicht, sondern stellen sich in einen Verteidigungsring – außen also die Hörner. Was gegen Wölfe eine sehr gute Wirkung hat, ist gegen Kugeln aber leider nutzlos. In Teilen Grönlands sind Moschusochsen seit 1974 unter Schutz gestellt.

Wenn es Moschusochsen gibt, sieht man häufig auch noch andere Tierarten. Schneeammern, die kleinen arktischen Singvögel beispielsweise, polstern ihre Nester mit der weichen Moschusochsenwolle aus, die die Ochsen überall in der Tundra verteilen. Im Winter folgen Schneehasen und Schneehühnern den Paarhufern, die sich ja von auch von Kräutern, Moosen und Flechten ernähren. Wenn sie diese im Winter freischarren, lassen sie immer auch etwas übrig, was dann noch für Hase und Huhn ausreicht.

Tatsächlich sahen wir bei jener ersten Begegnung mit Moschusochsen wenig später noch einen gemütlich vor sich hin mümmelnden Schneehasen. Vor diesem mussten wir uns zwar deutlich weniger in Acht nehmen, aber Abstand hielten wir trotzdem, damit er wegen uns nicht weg hoppeln musste. Ein wunderbarer Landgang war das!

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz