Foto von Maarten van der Duijn Schouten
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Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 46 – Salisbury Plain – ein Ort, den es gar nicht mehr geben kann

Wenn man diesen Ort erreicht, wähnt man sich in einer dieser BBC-Produktionen, in denen es wimmelt vor Tieren, Orte, die man nie gesehen hat und die man sich überhaupt nicht vorstellen kann. Tatsächlich sprengt Salisbury Plain jede Vorstellungskraft, wie sagenhaft wundervoll die Welt sein kann. Wenn man sie einfach Welt sein lässt.

Jahrelang habe ich das Schwärmen von Südgeorgien gehört. Viele der Schiffsmenschen, die im nordischen Sommer in der Arktis arbeiten, arbeiten im südlichen Sommer in der Antarktis, besser gesagt, pendeln zwischen Ushuaia und der Antarktischen Halbinsel hin und her, was mir nicht so gefällt. Aber auf einigen Reisen, den langen Antarktis-Reisen, besucht man außerdem die Falklandinseln und Südgeorgien. Als ich 2015 zum ersten Mal selbst in Südgeorgien war, verstand ich dieses Schwärmen. Wieder einmal hat sich ein ganz neues Universum für mich eröffnet. South Georgia, das sturmumtoste Eiland der Subantarktis, ist schon ganz für sich einfach nur fantastisch anzusehen. Saftiges Gras und leuchtende Gletscher, spitze Berge und tiefe Fjorde. Es ist ein Traumland.

Aber was es dann wirklich ausmacht: Dieses Eiland ist ganz und gar nicht unbewohnt. In Südgeorgien gibt es Orte, die so überfüllt sind, dass man Mühe hat, überhaupt an Land zu kommen. Überfüllt mit Tieren. Einen solchen Anblick hatte ich zuvor nie gesehen und werde ihn wohl auch niemals mehr sehen – nie werde ich vergessen, wie wir mit dem Zodiac zur Salisbury Plain kamen, ein flacher Abschnitt zwischen dem Grace und Lucas Gletscher an der Nordküste Südgeorgiens. Das sandige Areal war schwarz vor Tieren.

Etwa 60.000 Königspinguin-Paare brüten hier, sie stehen dicht an dicht auf der gesamten Fläche, an den Stränden, zwischen dem Tussock Gras, entlang eines Flussbetts, einfach überall. Damit ist diese Kolonie die zweitgrößte Südgeorgiens und eine der größten der Welt.

An den Stränden liegen dazu noch die gewaltigen See-Elefanten, die größte Robbenart, die es gibt. Dazwischen die in diesen Breiten unvermeidlichen Pelzrobben, possierlich nur anzusehende Tiere. Sie starren den menschlichen Besucher, der in ihr Territorium eintritt, mit rotunterlaufenen Augen erst fies an und dann pfeifen sie röchelnd, bevor sie auf ihren Flossen erstaunlich schnell auf einen zuhoppeln und durchaus auch zubeißen, wenn man sie nicht schreiend abwehrt.

Sehr hilfreich hat sich für mich hier erwiesen, ihr mit dem Atmen rhythmisches Pfeifen nachzuahmen, was einem recht gut gelingt. Die Robben sind dann so verdutzt, dass sie stehenbleiben und erstmal zu überlegen scheinen, ob das Bunte da doch auch eine Robbe ist, die vielleicht zurückbeißt.

Entdeckt hat diesen wunderbaren Ort einst James Cook auf der zweiten seiner abenteuerlichen Reisen von 1772 – 1775, benannt ist er nach der gleichnamigen, allerdings pinguinlosen Ebene in England.

Dieser Ort ist magisch. Die 70 bis 100 Zentimeter großen Köngspinguine – die zweitgrößte Art nach den Kaiserpinguinen – mit ihrer wunderschönen Zeichnung stehen hier und schnattern, einfach jeder Platz ist voll mit Tieren, es sieht aus wie in einem Großstadt-Freibad am heißesten Tag des Jahres. So muss unsere Welt auch an anderen Orten ausgesehen haben, bevor der Mensch sich weiter entwickelte, was man eigentlich nicht so nennen kann, und alles andere dezimierte. Salisbury Plain ist ein Blick in eine Welt, wie sie einmal war und wie sie ohne Menschen aussehen würde.

Und wenn nicht irgendwo eine Lücke ist, in der man die vorgeschriebenen Meter Abstand zur Tierwelt einhalten kann, dann kann man tatsächlich wegen zu vieler Tiere nicht an Land gehen. Man stelle sich das in der Arktis vor. Ein anderer Landungsverhinderungsgrund ist hier wie überall natürlich der Seegang. Allzuoft branden hohe Wellen an und es ist selbst für Südgeorgien-Verhältnisse zu gefährlich, mit Booten an Land zu gehen.

Wenn es aber gelingt, so begibt man sich am besten ein Stück weit in die Ebene hinein, relativ am Rand der Kolonie, denn mitten hinein darf man verständlicherweise nicht, und sucht sich einen schönen Beobachtungsplatz. Dann setzt man sich und versucht, zu begreifen, wo man da ist.

Immer wieder sieht man dann die imposanten Kämpfe der See-Elefanten, die ihre gewaltigen Körper aufbäumen und, wie das Männchen so tun, ihre Brustkörbe gegeneinander rammen, um zu sehen, wer der Stärkere ist. Manchmal nehmen sie dazu Anlauf, oder ein Männchen beschließt urplötzlich, ein anderes, das 20 Meter entfernt liegt, anzugreifen. Dann wird alles, aber alles, was da dazwischen liegt, einfach umgemäht, und wenn das andere Männchen dann flieht, dann donnern zwei Kolosse von bis zu sechs Tonnen über den Strand hintereinander her, und dann steht man wirklich besser nicht im Weg, denn dann zittert die Erde. Vielleicht hat mich diese Demonstration von Kraft dort am meisten berührt, dieses vollkommen Wilde, Ungezähmte, inmitten dieses Überflusses an Leben.

Man sitzt dann dort im Gras und kann kaum fassen, wo man ist, denn dieser Ort ist schon ohne Tiere so wunderschön. Und während ich das hier schreibe und es später gelesen wird, schnattert es über Salisbury Plain, die See-Elefanten kämpfen und die Pelzrobben pfeifen.

Wie wundervoll ist doch die Welt!

Bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz

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Jahrelang habe ich das Schwärmen von Südgeorgien gehört. Viele der Schiffsmenschen, die im nordischen Sommer in der Arktis arbeiten, arbeiten im südlichen Sommer in der Antarktis, besser gesagt, pendeln zwischen Ushuaia und der Antarktischen Halbinsel hin und her, was mir nicht so gefällt. Aber auf einigen Reisen, den langen Antarktis-Reisen, besucht man außerdem die Falklandinseln und Südgeorgien. Als ich 2015 zum ersten Mal selbst in Südgeorgien war, verstand ich dieses Schwärmen. Wieder einmal hat sich ein ganz neues Universum für mich eröffnet. South Georgia, das sturmumtoste Eiland der Subantarktis, ist schon ganz für sich einfach nur fantastisch anzusehen. Saftiges Gras und leuchtende Gletscher, spitze Berge und tiefe Fjorde. Es ist ein Traumland.

Aber was es dann wirklich ausmacht: Dieses Eiland ist ganz und gar nicht unbewohnt. In Südgeorgien gibt es Orte, die so überfüllt sind, dass man Mühe hat, überhaupt an Land zu kommen. Überfüllt mit Tieren. Einen solchen Anblick hatte ich zuvor nie gesehen und werde ihn wohl auch niemals mehr sehen – nie werde ich vergessen, wie wir mit dem Zodiac zur Salisbury Plain kamen, ein flacher Abschnitt zwischen dem Grace und Lucas Gletscher an der Nordküste Südgeorgiens. Das sandige Areal war schwarz vor Tieren.

Etwa 60.000 Königspinguin-Paare brüten hier, sie stehen dicht an dicht auf der gesamten Fläche, an den Stränden, zwischen dem Tussock Gras, entlang eines Flussbetts, einfach überall. Damit ist diese Kolonie die zweitgrößte Südgeorgiens und eine der größten der Welt.

An den Stränden liegen dazu noch die gewaltigen See-Elefanten, die größte Robbenart, die es gibt. Dazwischen die in diesen Breiten unvermeidlichen Pelzrobben, possierlich nur anzusehende Tiere. Sie starren den menschlichen Besucher, der in ihr Territorium eintritt, mit rotunterlaufenen Augen erst fies an und dann pfeifen sie röchelnd, bevor sie auf ihren Flossen erstaunlich schnell auf einen zuhoppeln und durchaus auch zubeißen, wenn man sie nicht schreiend abwehrt.

Sehr hilfreich hat sich für mich hier erwiesen, ihr mit dem Atmen rhythmisches Pfeifen nachzuahmen, was einem recht gut gelingt. Die Robben sind dann so verdutzt, dass sie stehenbleiben und erstmal zu überlegen scheinen, ob das Bunte da doch auch eine Robbe ist, die vielleicht zurückbeißt.

Entdeckt hat diesen wunderbaren Ort einst James Cook auf der zweiten seiner abenteuerlichen Reisen von 1772 – 1775, benannt ist er nach der gleichnamigen, allerdings pinguinlosen Ebene in England.

Dieser Ort ist magisch. Die 70 bis 100 Zentimeter großen Köngspinguine – die zweitgrößte Art nach den Kaiserpinguinen – mit ihrer wunderschönen Zeichnung stehen hier und schnattern, einfach jeder Platz ist voll mit Tieren, es sieht aus wie in einem Großstadt-Freibad am heißesten Tag des Jahres. So muss unsere Welt auch an anderen Orten ausgesehen haben, bevor der Mensch sich weiter entwickelte, was man eigentlich nicht so nennen kann, und alles andere dezimierte. Salisbury Plain ist ein Blick in eine Welt, wie sie einmal war und wie sie ohne Menschen aussehen würde.

Und wenn nicht irgendwo eine Lücke ist, in der man die vorgeschriebenen Meter Abstand zur Tierwelt einhalten kann, dann kann man tatsächlich wegen zu vieler Tiere nicht an Land gehen. Man stelle sich das in der Arktis vor. Ein anderer Landungsverhinderungsgrund ist hier wie überall natürlich der Seegang. Allzuoft branden hohe Wellen an und es ist selbst für Südgeorgien-Verhältnisse zu gefährlich, mit Booten an Land zu gehen.

Wenn es aber gelingt, so begibt man sich am besten ein Stück weit in die Ebene hinein, relativ am Rand der Kolonie, denn mitten hinein darf man verständlicherweise nicht, und sucht sich einen schönen Beobachtungsplatz. Dann setzt man sich und versucht, zu begreifen, wo man da ist.

Immer wieder sieht man dann die imposanten Kämpfe der See-Elefanten, die ihre gewaltigen Körper aufbäumen und, wie das Männchen so tun, ihre Brustkörbe gegeneinander rammen, um zu sehen, wer der Stärkere ist. Manchmal nehmen sie dazu Anlauf, oder ein Männchen beschließt urplötzlich, ein anderes, das 20 Meter entfernt liegt, anzugreifen. Dann wird alles, aber alles, was da dazwischen liegt, einfach umgemäht, und wenn das andere Männchen dann flieht, dann donnern zwei Kolosse von bis zu sechs Tonnen über den Strand hintereinander her, und dann steht man wirklich besser nicht im Weg, denn dann zittert die Erde. Vielleicht hat mich diese Demonstration von Kraft dort am meisten berührt, dieses vollkommen Wilde, Ungezähmte, inmitten dieses Überflusses an Leben.

Man sitzt dann dort im Gras und kann kaum fassen, wo man ist, denn dieser Ort ist schon ohne Tiere so wunderschön. Und während ich das hier schreibe und es später gelesen wird, schnattert es über Salisbury Plain, die See-Elefanten kämpfen und die Pelzrobben pfeifen.

Wie wundervoll ist doch die Welt!

Bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz