Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 52 – Silvester im Eis

Wieder ist ein Jahr vorbei! Kinder, wie die Zeit vergeht! 

Und deswegen knüpfe ich hier an meine Weihnachtsgeschichten der vergangenen Woche an. Vergangene Woche haben wir ja erfahren, wie Fridtjof Nansen auf seiner drei Jahre währenden Fram-Reise Weihnachten verlebt hat. Was liegt also näher, als nun auch noch zu schauen, wie denn Nansens Silvester im Eis so waren?

Der erste Jahreswechsel fand, wir erinnern uns, ja noch auf der Fram statt. Nach dem opulenten Weihnachtsfest ging es Silvester nicht weniger feierlich zu:

Donnerstag, 28.Dezember. Fast schäme ich mich des Lebens, das wir hier führen, ohne alle jene so düster geschilderten Leiden der langen Winternacht, die von einer arktischen Expedition unzertrennlich sein sollten. Wir werden darüber nichts zu schreiben haben, wenn wir wieder nach Hause kommen.
Auch meine Gefährten sehen sämtlich gesund und wohl genährt aus und sind es auch. Da ist keins jener blassen, hohlwangigen Gesichter, da ist keine Niedergeschlagenheit. Und wer es bezweifelt, müsste nur das Gelächter im Salon hören und uns beim Kartenspiel zusehen.
Woher sollte auch wohl Krankheit kommen? Bei der allerbesten Nahrung, die so abwechslungsreich ist, dass selbst der Wählerischste nicht überdrüssig wird; bei guter Wohnung, guter Kleidung, Bewegung in der freien Luft nach Belieben, bei Arbeit, die eher Vergnügen als Anstrengung ist, bei lehrreichen und fesselnden Büchern, bei Karten-, Schach-, Domino- und Halma-Spiel, bei Musik und Geschichtenerzählen – wie könnte da wohl jemand krank werden? Hin und wieder höre ich eine Bemerkung, dass man vollauf mit dem Leben zufrieden ist. Das ganze Geheimnis liegt in der vernünftigen Anordnung der Dinge.
Sonntag, 31. Dezember. Letzter Tag des Jahres. Es ist ein langes Jahr gewesen und es hat Gutes und Schlimmes gebracht. Es fing mit Gutem an, es schenkte mir mit Klein-Liv ein Glück, so neu, so seltsam, dass ich anfangs gar nicht daran glauben mochte. Schwer war dann der Abschied: Seitdem ist mir die ganze Zeit ein einziges, sehnsüchtiges Verlangen gewesen.
Endlich bist Du doch abgetan, altes Jahr! Du hast uns nicht so weit gebracht, wie Du hättest sollen, und doch hättest Du es noch schlimmer machen können, du bist trotz alledem nicht so ganz schlecht gewesen. Sind nicht unsere Hoffnungen und Berechnungen gerechtfertigt worden und treiben wir jetzt nicht gerade da, wo ich es gewünscht und gehofft hatte? Nur eins war verkehrt – ich hatte nicht gedacht, dass die Drift in so vielen Zickzack-Zügen vor sich gehen würde.
Einen schöneren Silvesterabend hätte es nicht geben können. Das Nordlicht erstrahlt in wundervollen Farben und Lichtstreifen über dem ganzen Himmel, namentlich aber im Norden. Tausende von Sternen funkeln zwischen dem Nordlicht am blauen Firmament. Nach allen Seiten dehnt sich das Eis endlos und schweigend in den Abend hinaus, die reifbedeckte Takelung der Fram hebt sich scharf und dunkel gegen den leuchtenden Himmel ab.
Montag, 1. Januar 1894. Es ist schönes, klares Wetter, 38°C unter Null.
Ich liege in meiner Koje, schreibe, lese und träume. Es ist immer ein seltsames Gefühl, wenn man zum ersten Mal die Zahl des neuen Jahres schreibt. Dann erst erfasst man die Tatsache, dass das alte Jahr der Vergangenheit angehört, dass das neue Jahr da ist und man bereit sein muss, sich mit ihm herum zu balgen. Wer weiß, was es bringen wird? Gutes und Schlimmes ohne Zweifel, aber meist Gutes, und das kann doch nur sein, dass wir unserem Ziel und der Heimat entgegen gehen. Ja, führe uns, wenn nicht an unser Ziel ¬ das würde noch zu früh sein – so doch wenigstens in eine Richtung! Stärke unsere Hoffnung, aber vielleicht – nein, kein vielleicht! – Meine wackeren Jungen verdienen Erfolg. In ihren Gedanken herrscht kein Zweifel. Sie vertrauen mir und meinen Theorien. Bis jetzt habe ich unter einem glücklichen Stern gelebt. Soll sein Licht verdunkelt werden? Ich bin nicht abergläubisch, aber ich glaube an meinen Stern.

So verlief also das erste Silvester an Bord der Fram, mit vielen Gedanken und in guter Stimmung. Das zweite Silvester wurde ähnlich begangen, und Nansen befand sich dann schon in sehr gespannter Erwartung und Freude auf das Verlassen der Fram.

Das dritte Silvester schließlich – unvorstellbar für mich, eine so lange Zeit unterwegs! – beging er mit Johansen in der Erdhütte auf Jackson Island in Franz- Joseph Land.

Und hier schrieb er:

Dienstag, 31. Dezember. Auch dieses Jahr geht zu Ende. Es ist merkwürdig gewesen, aber trotz allem eigentlich gut. Zu Hause läuten sie das alte Jahr zu Ende. Unsere Kirchenglocke ist der eisige Wind, der über Gletscher und Schneefeld pfeift und wütend heult, wenn er den Schnee in Wolken hoch emporjagt und vom Berggrat auf uns herunterfegt. Weit den Fjord hinauf sieht man die Schneewolken, von den Windstößen getrieben, über das Eis jagen und der Schneestaub glitzert im Mondlicht. Ruhig und schweigsam zieht der Vollmond von dem einen Jahr ins andere hinüber. Er scheint auf Gute und Böse herab und achtet nicht des Jahreswechsels, der Entbehrungen, der Sehnsucht. Einsam, verlassen, Hunderte von Meilen fern von allem, was uns teuer ist; aber die Gedanken fliegen rastlos auf ihren stillen Bahnen. Wieder wendet sich ein Blatt im Buch der Ewigkeit, eine neue weiße Seite ist aufgeschlagen und niemand weiß, was darauf geschrieben werden wird.
Mittwoch, 1. Januar 1896. -41,5°C. Das neue Jahr ist gekommen, das Jahr der Freude, der Heimkehr. Mit hellem Mondschein schied 1895, mit hellem Mondschein beginnt 1896; aber es ist bitterkalt; es waren die kältesten Tage, die wir bis jetzt kennengelernt haben. Ich habe das gestern gefühlt, als ich mir die Fingerspitzen erfror.“

So also waren sie, die Jahreswechsel im Eis, bei Fridtjof Nansen und Hjalmar Johansen.
Und auch bei uns wird heute Abend eine neue weiße Seite aufgeschlagen, und niemand weiß, was darauf geschrieben werden wird.

Auf dass es „mehr Gutes als Schlimmes“ sein wird!

Von Herzen ein glückliches 2022!
Eure
Birgit Lutz

(alle Textstellen sind Fridtjof Nansens Buch „In Nacht und Eis“ entnommen.)

… und noch ein Hinweis in eigener Sache: Von Januar an erscheint die Kolumne 14-tägig.

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Der erste Jahreswechsel fand, wir erinnern uns, ja noch auf der Fram statt. Nach dem opulenten Weihnachtsfest ging es Silvester nicht weniger feierlich zu:

Donnerstag, 28.Dezember. Fast schäme ich mich des Lebens, das wir hier führen, ohne alle jene so düster geschilderten Leiden der langen Winternacht, die von einer arktischen Expedition unzertrennlich sein sollten. Wir werden darüber nichts zu schreiben haben, wenn wir wieder nach Hause kommen.
Auch meine Gefährten sehen sämtlich gesund und wohl genährt aus und sind es auch. Da ist keins jener blassen, hohlwangigen Gesichter, da ist keine Niedergeschlagenheit. Und wer es bezweifelt, müsste nur das Gelächter im Salon hören und uns beim Kartenspiel zusehen.
Woher sollte auch wohl Krankheit kommen? Bei der allerbesten Nahrung, die so abwechslungsreich ist, dass selbst der Wählerischste nicht überdrüssig wird; bei guter Wohnung, guter Kleidung, Bewegung in der freien Luft nach Belieben, bei Arbeit, die eher Vergnügen als Anstrengung ist, bei lehrreichen und fesselnden Büchern, bei Karten-, Schach-, Domino- und Halma-Spiel, bei Musik und Geschichtenerzählen – wie könnte da wohl jemand krank werden? Hin und wieder höre ich eine Bemerkung, dass man vollauf mit dem Leben zufrieden ist. Das ganze Geheimnis liegt in der vernünftigen Anordnung der Dinge.
Sonntag, 31. Dezember. Letzter Tag des Jahres. Es ist ein langes Jahr gewesen und es hat Gutes und Schlimmes gebracht. Es fing mit Gutem an, es schenkte mir mit Klein-Liv ein Glück, so neu, so seltsam, dass ich anfangs gar nicht daran glauben mochte. Schwer war dann der Abschied: Seitdem ist mir die ganze Zeit ein einziges, sehnsüchtiges Verlangen gewesen.
Endlich bist Du doch abgetan, altes Jahr! Du hast uns nicht so weit gebracht, wie Du hättest sollen, und doch hättest Du es noch schlimmer machen können, du bist trotz alledem nicht so ganz schlecht gewesen. Sind nicht unsere Hoffnungen und Berechnungen gerechtfertigt worden und treiben wir jetzt nicht gerade da, wo ich es gewünscht und gehofft hatte? Nur eins war verkehrt – ich hatte nicht gedacht, dass die Drift in so vielen Zickzack-Zügen vor sich gehen würde.
Einen schöneren Silvesterabend hätte es nicht geben können. Das Nordlicht erstrahlt in wundervollen Farben und Lichtstreifen über dem ganzen Himmel, namentlich aber im Norden. Tausende von Sternen funkeln zwischen dem Nordlicht am blauen Firmament. Nach allen Seiten dehnt sich das Eis endlos und schweigend in den Abend hinaus, die reifbedeckte Takelung der Fram hebt sich scharf und dunkel gegen den leuchtenden Himmel ab.
Montag, 1. Januar 1894. Es ist schönes, klares Wetter, 38°C unter Null.
Ich liege in meiner Koje, schreibe, lese und träume. Es ist immer ein seltsames Gefühl, wenn man zum ersten Mal die Zahl des neuen Jahres schreibt. Dann erst erfasst man die Tatsache, dass das alte Jahr der Vergangenheit angehört, dass das neue Jahr da ist und man bereit sein muss, sich mit ihm herum zu balgen. Wer weiß, was es bringen wird? Gutes und Schlimmes ohne Zweifel, aber meist Gutes, und das kann doch nur sein, dass wir unserem Ziel und der Heimat entgegen gehen. Ja, führe uns, wenn nicht an unser Ziel ¬ das würde noch zu früh sein – so doch wenigstens in eine Richtung! Stärke unsere Hoffnung, aber vielleicht – nein, kein vielleicht! – Meine wackeren Jungen verdienen Erfolg. In ihren Gedanken herrscht kein Zweifel. Sie vertrauen mir und meinen Theorien. Bis jetzt habe ich unter einem glücklichen Stern gelebt. Soll sein Licht verdunkelt werden? Ich bin nicht abergläubisch, aber ich glaube an meinen Stern.

So verlief also das erste Silvester an Bord der Fram, mit vielen Gedanken und in guter Stimmung. Das zweite Silvester wurde ähnlich begangen, und Nansen befand sich dann schon in sehr gespannter Erwartung und Freude auf das Verlassen der Fram.

Das dritte Silvester schließlich – unvorstellbar für mich, eine so lange Zeit unterwegs! – beging er mit Johansen in der Erdhütte auf Jackson Island in Franz- Joseph Land.

Und hier schrieb er:

Dienstag, 31. Dezember. Auch dieses Jahr geht zu Ende. Es ist merkwürdig gewesen, aber trotz allem eigentlich gut. Zu Hause läuten sie das alte Jahr zu Ende. Unsere Kirchenglocke ist der eisige Wind, der über Gletscher und Schneefeld pfeift und wütend heult, wenn er den Schnee in Wolken hoch emporjagt und vom Berggrat auf uns herunterfegt. Weit den Fjord hinauf sieht man die Schneewolken, von den Windstößen getrieben, über das Eis jagen und der Schneestaub glitzert im Mondlicht. Ruhig und schweigsam zieht der Vollmond von dem einen Jahr ins andere hinüber. Er scheint auf Gute und Böse herab und achtet nicht des Jahreswechsels, der Entbehrungen, der Sehnsucht. Einsam, verlassen, Hunderte von Meilen fern von allem, was uns teuer ist; aber die Gedanken fliegen rastlos auf ihren stillen Bahnen. Wieder wendet sich ein Blatt im Buch der Ewigkeit, eine neue weiße Seite ist aufgeschlagen und niemand weiß, was darauf geschrieben werden wird.
Mittwoch, 1. Januar 1896. -41,5°C. Das neue Jahr ist gekommen, das Jahr der Freude, der Heimkehr. Mit hellem Mondschein schied 1895, mit hellem Mondschein beginnt 1896; aber es ist bitterkalt; es waren die kältesten Tage, die wir bis jetzt kennengelernt haben. Ich habe das gestern gefühlt, als ich mir die Fingerspitzen erfror.“

So also waren sie, die Jahreswechsel im Eis, bei Fridtjof Nansen und Hjalmar Johansen.
Und auch bei uns wird heute Abend eine neue weiße Seite aufgeschlagen, und niemand weiß, was darauf geschrieben werden wird.

Auf dass es „mehr Gutes als Schlimmes“ sein wird!

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