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Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 6 – Natur auf der Haut

Die Luft ist dünn. Beim Einatmen kleben die Nasenflügel kurz zu. Die Augen tränen. Der Himmel ist blau und der Schnee schimmert ebenso bläulich. Um die Sonne ein Halo. So sind Tage, wie ich sie liebe, in Deutschland sind sie kostbar geworden, es ist nicht mehr oft so kalt. Wenn die Temperaturen unter zehn Grad minus fallen, wird es für mich immer schöner. Die Luft wird immer trockener und fühlt sich so an, als würde man mit jedem Atemzug die doppelte Menge Sauerstoff in die Lungen pumpen können, der Atem dampft und färbt die Wimpern und Haarspitzen weiß, man muss sich bewegen, um warm zu bleiben, und doch ist diese Kälte anders, sie kriecht nicht in die Knochen wie die 5-Grad-Plus-Nebelkälte, die die schlimmste Kälte überhaupt ist. 20 Grad Minus in einer Schneelandschaft sind tausendmal besser als 5 Grad Plus in einer Stadt, die Luft, das Licht, die Kälte werden dann ein Genuss.

Um sie wirklich einen Genuss sein zu lassen, ist es gut, wenn man richtig angezogen ist.
Richtig anziehen bei Kälte bedeutet vor allem: So viel es geht, aus Natur. Meine Socken, Unterwäsche, mittleren Lagen, all das ist bei mir aus Merinowolle, lediglich die äußerste Schicht ist aus einer windabweisenden Kunstfaser.

Was ist das besondere an Merinowolle? Wenn ich eines auf meinen arktischen Skitouren gelernt habe, dann das: Je kälter es ist, umso besser helfen Naturfasern wie Wolle oder Filz und umso weniger kommen noch Kunstfasern mit den Anforderungen zurecht. Merinowolle ist ein solch fantastischer Stoff, dass es sich wirklich lohnt, ihn einmal genauer anzuschauen. Denn ich höre immer noch häufig die Befürchtung, Merinowolle würde kratzen, man würde zu sehr schwitzen darin und dergleichen – dabei ist das schon lange nicht mehr so.

Merinowolle kann sehr viel Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich klamm anzufühlen oder seine Isolationsfähigkeit zu verlieren. Das heißt, selbst wenn man schwitzt, bleibt einem warm, wenn man kurz stehenbleibt. Wer Merinoklamotten auf einer Skitour trägt, muss sich am Gipfel nicht unbedingt umziehen, denn Merino kann man gut mit seiner eigenen Körperwärme trocknen, ohne dass es sich unangenehm anfühlt. Das schafft keine Kunstfaser.

Merinowolle stinkt nicht. Das ist besonders auf längeren Touren in Zelten ein nicht zu unterschätzender sozialer Faktor, wenn man nur begrenzt Kleidung dabeihat, und auch auf Schiffen sammelt man so viele Pluspunkte bei Kabinengenossen. Wer hier tagelang das gleiche Kunstfaseroberteil anhat, züchtet sich einen pestilenzartigen Gestank heran, und ich weiß, wovon ich rede!

Merinowolle ist umweltfreundlich. Kunstfasern sind Chemie, es braucht Chemie um sie herzustellen und bei jedem Tragen und jedem Waschen sondern sich Fasern oder Beschichtungen in unsere Umwelt ab. Am schlimmsten sind Fleece-Kleidungsstücke, bei denen sich bei einem Waschen Millionen kleine Fasern auswaschen, die alle in unser Abwasser gelangen und häufig nicht ausgefiltert werden. Schon aus diesem Grund trage ich keine Kunstfaser-Sportkleidung mehr und versuche auch bei Alltagskleidung Kunstfasern so oft es geht, zu vermeiden. Es gibt mittlerweile auch „Fleece“-Kleidung aus Merinowolle! Es fühlt sich an wie Fleece, ist aber keines.

Merinowolle gibt es in verschiedenen Dicken – mit etwas Übung bekommt man auch sehr schnell heraus, welche Stärke man wann braucht und wie sich die Teile für das beste Körpergefühl kombinieren lassen.

Worauf man allerdings achten muss bei Merinowolle: Leider ist der Mensch, wie er ist. Deswegen gibt es Merinowolle, bei deren Herstellung die Schafe keine Freude hatten. Es gibt Schafzüchter, die das sogenannte Mulesing anwenden. Dabei wird die Hautoberfläche der Schafe größer gezüchtet, damit sie möglichst viel Wolle geben. In die dadurch entstehenden Hautfalten aber legen dann Fliegen ihre Eier und es kommt zu ganz bösen Entzündungen, Infektionen, dergleichen mehr. Das ist Ausbeutung und Tierquälerei.

Die Produkte, die aus dieser Wolle entstehen, findet man dann beim Discounter, wo man sich über den niedrigen Preis wundert. Niedrig ist der Preis aber nur für uns, die Tiere zahlen einen sehr hohen. Es ist einfach so: Merinowolle ist ein tierisches Erzeugnis – damit das Tier ein würdiges Leben haben kann, muss das Produkt einen gewissen Preis haben. Der Vorteil: Kauft man hochwertige Merinowolle und pflegt sie richtig, dann hat man auch lange was davon, sie ist ihr Geld also auch wert.

Wie erkennt man nun, dass die Hersteller aufs Tierwohl achten? Es gibt mittlerweile sehr viele Produzenten, bei denen man sein Shirt bis zum Schaf zurückverfolgen kann. Icebreaker oder smartwool haben damit angefangen, viele sind nachgezogen.

Vor einigen Jahren traf ich in München auf der Internationalen Sportartikelmesse in München den Erfinder von Icebreaker, den Neuseeländer Jeremy Moon. Er erzählte, dass er gerne kayaken geht, und dass er es genießt, mit seinem Boot ganz mit der Natur zu verschmelzen, tagelang draußen unterwegs zu sein. Bei einer dieser Touren sei ihm dann aufgefallen, dass er zwar dauernd in der Natur, aber komplett in Plastik angezogen war – in den typischen atmungsaktiven Kunstfasern eben. Die auch entsprechend stanken. Das erschien ihm widersinnig, und wenig später sah er einen Schafzüchter in einem Woll-Shirt. Und damit war die Idee geboren, Kleidung aus Merinowolle herzustellen.

Seine ersten Oberteile sahen aus wie Schlafanzüge, erzählte er mir, er hatte es anfangs auch sehr schwer, Menschen von seiner Idee zu überzeugen. Jahrelang hatte man den Menschen erklärt, keine Baumwolle beim Sport anzuziehen, sondern atmungsaktive Kunstfaser, nun sollten sie wieder Wolle anziehen. Aber nach und nach wurden seine Kreationen deutlich schöner und die Kunden aufgeschlossener. Jeremy Moon hat seine Firma mittlerweile verkauft, aber ihm verdanken wir es, dass wir heute diesen fantastischen Stoff in so vielen Varianten anziehen können, uns darin besser fühlen und unserer Umwelt damit unendlich viele Plastikfasern ersparen.

Jetzt, wo es auch in unseren Breiten so kalt ist, trage ich meine Merinowollsachen sogar an meinem Schreibtisch, und draußen sowieso. Wenn wir schon nicht in der Arktis sind, ist es doch schön, dass die Arktis nun zu uns gekommen ist und wir so ein bisschen Nord-Gefühl bekommen! Zwischendurch dann schnell eine Lage überwerfen und eine kurze Runde in dieser wunderbaren dünnen Luft drehen – dann ist es fast so, als wäre man auf dem Schiff und ginge kurz an Deck.

Genießen Sie es – und ziehen Sie sich gut an!

Bis nächste Woche,

Ihre

Birgit Lutz

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2 Gedanken zu „Notizen aus dem Eis 6 – Natur auf der Haut“

  1. Liebe Birgit
    So gut, wie du Merinowolle…, -wäsche beschreibst. Ich liebe Merino – mittlerweilen ja so mannigfaltig in Sachen Dicke zu erhalten. Auch jetzt sitze ich in einem Merino-Pullover am Mac. Die Heizung will heute nicht wirklich.
    Auf einem Trekking über Weihnachten in der Wüste habe ich einmal einen Test mit einem Icebreaker-Shirt gemacht, 8 Tage getragen – Waschmöglichkeiten weder für Mensch noch für das Shirt gab es. Das Shirt roch bestimmt nicht mehr frisch, doch gestunken hat es nicht.
    Ich bin echt Fan von Merino.
    Herzliche Grüsse
    Verena

    Antworten
  2. Liebe Verena – ja, genau diese Erfahrungen habe ich auch gemacht. Im Winter am Schreibtisch geht genauso wie im Winter draußen nichts ohne Merino :-)! Liebe Grüße!

    Antworten

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Die Luft ist dünn. Beim Einatmen kleben die Nasenflügel kurz zu. Die Augen tränen. Der Himmel ist blau und der Schnee schimmert ebenso bläulich. Um die Sonne ein Halo. So sind Tage, wie ich sie liebe, in Deutschland sind sie kostbar geworden, es ist nicht mehr oft so kalt. Wenn die Temperaturen unter zehn Grad minus fallen, wird es für mich immer schöner. Die Luft wird immer trockener und fühlt sich so an, als würde man mit jedem Atemzug die doppelte Menge Sauerstoff in die Lungen pumpen können, der Atem dampft und färbt die Wimpern und Haarspitzen weiß, man muss sich bewegen, um warm zu bleiben, und doch ist diese Kälte anders, sie kriecht nicht in die Knochen wie die 5-Grad-Plus-Nebelkälte, die die schlimmste Kälte überhaupt ist. 20 Grad Minus in einer Schneelandschaft sind tausendmal besser als 5 Grad Plus in einer Stadt, die Luft, das Licht, die Kälte werden dann ein Genuss.

Um sie wirklich einen Genuss sein zu lassen, ist es gut, wenn man richtig angezogen ist.
Richtig anziehen bei Kälte bedeutet vor allem: So viel es geht, aus Natur. Meine Socken, Unterwäsche, mittleren Lagen, all das ist bei mir aus Merinowolle, lediglich die äußerste Schicht ist aus einer windabweisenden Kunstfaser.

Was ist das besondere an Merinowolle? Wenn ich eines auf meinen arktischen Skitouren gelernt habe, dann das: Je kälter es ist, umso besser helfen Naturfasern wie Wolle oder Filz und umso weniger kommen noch Kunstfasern mit den Anforderungen zurecht. Merinowolle ist ein solch fantastischer Stoff, dass es sich wirklich lohnt, ihn einmal genauer anzuschauen. Denn ich höre immer noch häufig die Befürchtung, Merinowolle würde kratzen, man würde zu sehr schwitzen darin und dergleichen – dabei ist das schon lange nicht mehr so.

Merinowolle kann sehr viel Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich klamm anzufühlen oder seine Isolationsfähigkeit zu verlieren. Das heißt, selbst wenn man schwitzt, bleibt einem warm, wenn man kurz stehenbleibt. Wer Merinoklamotten auf einer Skitour trägt, muss sich am Gipfel nicht unbedingt umziehen, denn Merino kann man gut mit seiner eigenen Körperwärme trocknen, ohne dass es sich unangenehm anfühlt. Das schafft keine Kunstfaser.

Merinowolle stinkt nicht. Das ist besonders auf längeren Touren in Zelten ein nicht zu unterschätzender sozialer Faktor, wenn man nur begrenzt Kleidung dabeihat, und auch auf Schiffen sammelt man so viele Pluspunkte bei Kabinengenossen. Wer hier tagelang das gleiche Kunstfaseroberteil anhat, züchtet sich einen pestilenzartigen Gestank heran, und ich weiß, wovon ich rede!

Merinowolle ist umweltfreundlich. Kunstfasern sind Chemie, es braucht Chemie um sie herzustellen und bei jedem Tragen und jedem Waschen sondern sich Fasern oder Beschichtungen in unsere Umwelt ab. Am schlimmsten sind Fleece-Kleidungsstücke, bei denen sich bei einem Waschen Millionen kleine Fasern auswaschen, die alle in unser Abwasser gelangen und häufig nicht ausgefiltert werden. Schon aus diesem Grund trage ich keine Kunstfaser-Sportkleidung mehr und versuche auch bei Alltagskleidung Kunstfasern so oft es geht, zu vermeiden. Es gibt mittlerweile auch „Fleece“-Kleidung aus Merinowolle! Es fühlt sich an wie Fleece, ist aber keines.

Merinowolle gibt es in verschiedenen Dicken – mit etwas Übung bekommt man auch sehr schnell heraus, welche Stärke man wann braucht und wie sich die Teile für das beste Körpergefühl kombinieren lassen.

Worauf man allerdings achten muss bei Merinowolle: Leider ist der Mensch, wie er ist. Deswegen gibt es Merinowolle, bei deren Herstellung die Schafe keine Freude hatten. Es gibt Schafzüchter, die das sogenannte Mulesing anwenden. Dabei wird die Hautoberfläche der Schafe größer gezüchtet, damit sie möglichst viel Wolle geben. In die dadurch entstehenden Hautfalten aber legen dann Fliegen ihre Eier und es kommt zu ganz bösen Entzündungen, Infektionen, dergleichen mehr. Das ist Ausbeutung und Tierquälerei.

Die Produkte, die aus dieser Wolle entstehen, findet man dann beim Discounter, wo man sich über den niedrigen Preis wundert. Niedrig ist der Preis aber nur für uns, die Tiere zahlen einen sehr hohen. Es ist einfach so: Merinowolle ist ein tierisches Erzeugnis – damit das Tier ein würdiges Leben haben kann, muss das Produkt einen gewissen Preis haben. Der Vorteil: Kauft man hochwertige Merinowolle und pflegt sie richtig, dann hat man auch lange was davon, sie ist ihr Geld also auch wert.

Wie erkennt man nun, dass die Hersteller aufs Tierwohl achten? Es gibt mittlerweile sehr viele Produzenten, bei denen man sein Shirt bis zum Schaf zurückverfolgen kann. Icebreaker oder smartwool haben damit angefangen, viele sind nachgezogen.

Vor einigen Jahren traf ich in München auf der Internationalen Sportartikelmesse in München den Erfinder von Icebreaker, den Neuseeländer Jeremy Moon. Er erzählte, dass er gerne kayaken geht, und dass er es genießt, mit seinem Boot ganz mit der Natur zu verschmelzen, tagelang draußen unterwegs zu sein. Bei einer dieser Touren sei ihm dann aufgefallen, dass er zwar dauernd in der Natur, aber komplett in Plastik angezogen war – in den typischen atmungsaktiven Kunstfasern eben. Die auch entsprechend stanken. Das erschien ihm widersinnig, und wenig später sah er einen Schafzüchter in einem Woll-Shirt. Und damit war die Idee geboren, Kleidung aus Merinowolle herzustellen.

Seine ersten Oberteile sahen aus wie Schlafanzüge, erzählte er mir, er hatte es anfangs auch sehr schwer, Menschen von seiner Idee zu überzeugen. Jahrelang hatte man den Menschen erklärt, keine Baumwolle beim Sport anzuziehen, sondern atmungsaktive Kunstfaser, nun sollten sie wieder Wolle anziehen. Aber nach und nach wurden seine Kreationen deutlich schöner und die Kunden aufgeschlossener. Jeremy Moon hat seine Firma mittlerweile verkauft, aber ihm verdanken wir es, dass wir heute diesen fantastischen Stoff in so vielen Varianten anziehen können, uns darin besser fühlen und unserer Umwelt damit unendlich viele Plastikfasern ersparen.

Jetzt, wo es auch in unseren Breiten so kalt ist, trage ich meine Merinowollsachen sogar an meinem Schreibtisch, und draußen sowieso. Wenn wir schon nicht in der Arktis sind, ist es doch schön, dass die Arktis nun zu uns gekommen ist und wir so ein bisschen Nord-Gefühl bekommen! Zwischendurch dann schnell eine Lage überwerfen und eine kurze Runde in dieser wunderbaren dünnen Luft drehen – dann ist es fast so, als wäre man auf dem Schiff und ginge kurz an Deck.

Genießen Sie es – und ziehen Sie sich gut an!

Bis nächste Woche,

Ihre

Birgit Lutz