Birgit-Lutz-Finnmark-Polarkolumne
Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 7 – Wenn Moskitos Dich begleiten

Eingesperrt. Abgesperrt. Allein. So mag man sich fühlen, in diesen Tagen, in denen wir immer noch nicht wieder frei sein können. Jedem fehlt etwas anderes, dem einen das Kino, dem anderen das Fitness-Studio, den anderen einfach die Freunde, der Stammtisch oder der Trubel der Stadt, die Nähe zu Menschen – und manchen fehlt alles zusammen.

Die Tage, alle gleich, irgendwie. Wir sind immer allein, irgendwie.

Die Tage gleich und wir allein? Schauen wir mal.

Schauen wir am besten dorthin, wo Menschen alleine an einsamen Orten leben – von außen betrachtet zumindest -, spontan fallen mir da zwei ein.

2015 haben wir die Finnmark durchquert, zu fünft, die drei Jungs, die ich in Grönland kennengelernt hatte, mein Mann Maarten und ich. Wir glitten durch diese fantastische Landschaft, sanft onduliert, fuhren durch gefrorene Bachbetten, schlugen unsere Zelte auf Ebenen auf, die uns an das Inlandeis erinnerten. Wir trafen jeden Tag etwa zwei Menschen, die meisten brausten auf Skidoos an uns vorbei, einige waren auf Skiern unterwegs wie wir. Es gibt auf dieser Ebene nicht mehr viele Hütten, die Deutschen haben sie 1945 alle abgebrannt, ein sehr trauriges Kapitel. Die Ravnastue Fjellstue steht noch, dort wohnt der Same Oskar Eriksen. Als er uns herankommen sah, heizte er den Ofen an und buk uns Waffeln, deren Duft uns aus der Spur und hinein in seine Stube zog.

Während wir die Waffeln mit Moltebeerenmarmelade bestrichen und rotwangig glückselig kauten, erzählte uns Oskar, dass er als eines von zwölf Kindern hier zur Welt gekommen war. Er sei immer in der Fjellstue geblieben, weil er das so wollte. Seine Geschwister hatten sich ein besseres Leben mit besserer Arbeit in der Stadt gewünscht, mehr Abwechslung, weniger Einsamkeit. Er sehe das anders, sagte er zu uns. Hier sei der beste Ort, die beste Arbeit, die es gebe. Er erzählte von Wintern, in denen es vier Monate lang 40 Grad minus hatte; heute werde es oftmals nur noch drei Wochen lang so kalt. Er zeigte uns Fotos von seinem Wasserflugzeug, einer tollkühnen Kiste mit Schwimmkörpern unten dran. Was könne es denn Schöneres geben, fragte er, als mit einem solchen Vehikel über das Land zu fliegen und direkt hinter der Hütte zu landen, auf dem glatten See?

Waffeln mit Moltebeerenmarmelade

Dann lachte er. „Nie möchte ich das gegen ein Leben in der Stadt tauschen.“ Im Winter, erzählte Oskar, kämen mehr Gäste. Skifahrer wie wir, Gruppen auf Schneemobilen, Hundeschlittengespanne. Sobald die Seen gefroren sind und der Weg markiert ist, beginne die Saison. Und dann sagte er einen Satz, an den ich seither immer wieder denken muss. Im Sommer kämen weniger Touristen – weil alle vor den Moskitos Angst hätten. „Das verstehe ich nicht“, sagte er, „die Moskitos gehören doch zur Natur; es ist gut, dass sie da sind. Sie leisten dir hier Gesellschaft, man ist weniger allein mit ihnen.“

Oskar sieht die Welt anders. Er wohnt allein in seiner Fjellstue, aber einsam ist er nicht, er lebt als Teil seiner Umgebung, nimmt die Natur anders wahr, ist nicht fokussiert auf Menschliches und manch Moskito mag ihm lieber sein als mancher Besucher.

Wer so denkt und fühlt, wird nie alleine sein, ich habe das in Grönland erlebt, wo sogar der Wind ein Gesellschafter sein kann.

Und erst vor kurzem bin ich auf einen nicht anders als wunderbar zu nennenden Text einer russischen Journalistin gestoßen, der am 10. November 2020 im National Geographic Magazine erschienen ist. Evgenia Arbugaeva ist in der sibirischen Stadt Tiksi geboren und kehrte für diese Reportage an den vergessenen Ort an der Nordmeerküste zurück, der seine Glanzzeiten lange hinter sich hat. Und auch wenn sie sich in ihrer arktischen Heimat zuhause fühlt, hat sie doch Schwierigkeiten, sich wieder ganz an das Leben in der einsamen Polarnacht zu gewöhnen. Sie bleibt eine ganze Weile dort und trifft Menschen, die dort noch immer leben, Menschen, wie den Polarnik Korotki. Und dieser Korotki, der seit zwei Jahrzehnten an diesem kalten Ende der Welt das Wetter aufzeichnet, sagt nun etwas, was dem des Samen Oskar sehr ähnelt. Evgenia Arbugaeva schreibt:

„An einem Tag fühlte ich mich traurig, die Polarnacht ließ meine Gedanken chaotisch in alle Richtungen rennen. Ich ging mit einer Tasse Tee zu Korotki und fragte ihn, wie er hier leben konnte, alleine, jeder Tag gleich. Er sagte mir: ´Du hast zu viele Erwartungen, und ich denke, das ist normal. Aber hier ist nicht jeder Tag wie der andere. Schau, heute hast Du diese hellen Polarlichter gesehen und das sehr seltene Phänomen, dass ganz dünnes Eis auf dem Meer liegt. War es nicht wunderbar, in der Nacht die Sterne wieder zu sehen, nachdem sie sich mehr als eine Woche lang in den Wolken vor uns versteckt hatten?`
Ich fühlte mich schuldig, dass ich immer nur mit mir selbst beschäftigt war und in mich hineingeschaut hatte – während ich vergessen hatte, meine Umgebung zu beobachten. Von da an öffnete ich meine Augen.“

Ist das nicht wundervoll beschrieben?
Der ganze Text ist eine Freude, mit herausragenden Fotos, ich empfehle ihn sehr:
In Russia´s far North, legends and lives are frozen in time

https://www.nationalgeographic.com/magazine/2020/12/in-russias-far-north-legends-and-lives-are-frozen-in-time-feature/

Und was könnte nun weiter von uns entfernt sein als die Sterne? Korotki, der Wettermann am Ende der Welt, erfährt aber dennoch durch sie Gesellschaft, so wie ihm das Wachsen und Schmelzen des Eises Abwechslung bringt.

Eine Erfahrung, unschätzbar. Eine Lektion, die einen die Arktis lehrt, und die man auch hier im Süden, wann, wenn nicht jetzt, hervorragend gebrauchen kann – nicht wahr?

Bis nächste Woche,

Ihre

Birgit Lutz

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Die Tage, alle gleich, irgendwie. Wir sind immer allein, irgendwie.

Die Tage gleich und wir allein? Schauen wir mal.

Schauen wir am besten dorthin, wo Menschen alleine an einsamen Orten leben – von außen betrachtet zumindest -, spontan fallen mir da zwei ein.

2015 haben wir die Finnmark durchquert, zu fünft, die drei Jungs, die ich in Grönland kennengelernt hatte, mein Mann Maarten und ich. Wir glitten durch diese fantastische Landschaft, sanft onduliert, fuhren durch gefrorene Bachbetten, schlugen unsere Zelte auf Ebenen auf, die uns an das Inlandeis erinnerten. Wir trafen jeden Tag etwa zwei Menschen, die meisten brausten auf Skidoos an uns vorbei, einige waren auf Skiern unterwegs wie wir. Es gibt auf dieser Ebene nicht mehr viele Hütten, die Deutschen haben sie 1945 alle abgebrannt, ein sehr trauriges Kapitel. Die Ravnastue Fjellstue steht noch, dort wohnt der Same Oskar Eriksen. Als er uns herankommen sah, heizte er den Ofen an und buk uns Waffeln, deren Duft uns aus der Spur und hinein in seine Stube zog.

Während wir die Waffeln mit Moltebeerenmarmelade bestrichen und rotwangig glückselig kauten, erzählte uns Oskar, dass er als eines von zwölf Kindern hier zur Welt gekommen war. Er sei immer in der Fjellstue geblieben, weil er das so wollte. Seine Geschwister hatten sich ein besseres Leben mit besserer Arbeit in der Stadt gewünscht, mehr Abwechslung, weniger Einsamkeit. Er sehe das anders, sagte er zu uns. Hier sei der beste Ort, die beste Arbeit, die es gebe. Er erzählte von Wintern, in denen es vier Monate lang 40 Grad minus hatte; heute werde es oftmals nur noch drei Wochen lang so kalt. Er zeigte uns Fotos von seinem Wasserflugzeug, einer tollkühnen Kiste mit Schwimmkörpern unten dran. Was könne es denn Schöneres geben, fragte er, als mit einem solchen Vehikel über das Land zu fliegen und direkt hinter der Hütte zu landen, auf dem glatten See?

Waffeln mit Moltebeerenmarmelade

Dann lachte er. „Nie möchte ich das gegen ein Leben in der Stadt tauschen.“ Im Winter, erzählte Oskar, kämen mehr Gäste. Skifahrer wie wir, Gruppen auf Schneemobilen, Hundeschlittengespanne. Sobald die Seen gefroren sind und der Weg markiert ist, beginne die Saison. Und dann sagte er einen Satz, an den ich seither immer wieder denken muss. Im Sommer kämen weniger Touristen – weil alle vor den Moskitos Angst hätten. „Das verstehe ich nicht“, sagte er, „die Moskitos gehören doch zur Natur; es ist gut, dass sie da sind. Sie leisten dir hier Gesellschaft, man ist weniger allein mit ihnen.“

Oskar sieht die Welt anders. Er wohnt allein in seiner Fjellstue, aber einsam ist er nicht, er lebt als Teil seiner Umgebung, nimmt die Natur anders wahr, ist nicht fokussiert auf Menschliches und manch Moskito mag ihm lieber sein als mancher Besucher.

Wer so denkt und fühlt, wird nie alleine sein, ich habe das in Grönland erlebt, wo sogar der Wind ein Gesellschafter sein kann.

Und erst vor kurzem bin ich auf einen nicht anders als wunderbar zu nennenden Text einer russischen Journalistin gestoßen, der am 10. November 2020 im National Geographic Magazine erschienen ist. Evgenia Arbugaeva ist in der sibirischen Stadt Tiksi geboren und kehrte für diese Reportage an den vergessenen Ort an der Nordmeerküste zurück, der seine Glanzzeiten lange hinter sich hat. Und auch wenn sie sich in ihrer arktischen Heimat zuhause fühlt, hat sie doch Schwierigkeiten, sich wieder ganz an das Leben in der einsamen Polarnacht zu gewöhnen. Sie bleibt eine ganze Weile dort und trifft Menschen, die dort noch immer leben, Menschen, wie den Polarnik Korotki. Und dieser Korotki, der seit zwei Jahrzehnten an diesem kalten Ende der Welt das Wetter aufzeichnet, sagt nun etwas, was dem des Samen Oskar sehr ähnelt. Evgenia Arbugaeva schreibt:

„An einem Tag fühlte ich mich traurig, die Polarnacht ließ meine Gedanken chaotisch in alle Richtungen rennen. Ich ging mit einer Tasse Tee zu Korotki und fragte ihn, wie er hier leben konnte, alleine, jeder Tag gleich. Er sagte mir: ´Du hast zu viele Erwartungen, und ich denke, das ist normal. Aber hier ist nicht jeder Tag wie der andere. Schau, heute hast Du diese hellen Polarlichter gesehen und das sehr seltene Phänomen, dass ganz dünnes Eis auf dem Meer liegt. War es nicht wunderbar, in der Nacht die Sterne wieder zu sehen, nachdem sie sich mehr als eine Woche lang in den Wolken vor uns versteckt hatten?`
Ich fühlte mich schuldig, dass ich immer nur mit mir selbst beschäftigt war und in mich hineingeschaut hatte – während ich vergessen hatte, meine Umgebung zu beobachten. Von da an öffnete ich meine Augen.“

Ist das nicht wundervoll beschrieben?
Der ganze Text ist eine Freude, mit herausragenden Fotos, ich empfehle ihn sehr:
In Russia´s far North, legends and lives are frozen in time

https://www.nationalgeographic.com/magazine/2020/12/in-russias-far-north-legends-and-lives-are-frozen-in-time-feature/

Und was könnte nun weiter von uns entfernt sein als die Sterne? Korotki, der Wettermann am Ende der Welt, erfährt aber dennoch durch sie Gesellschaft, so wie ihm das Wachsen und Schmelzen des Eises Abwechslung bringt.

Eine Erfahrung, unschätzbar. Eine Lektion, die einen die Arktis lehrt, und die man auch hier im Süden, wann, wenn nicht jetzt, hervorragend gebrauchen kann – nicht wahr?

Bis nächste Woche,

Ihre

Birgit Lutz

Finnmark-Birgit-Lutz-Skiwanderung