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Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 71 – Wenn vor dem Bellsund Delfine in die rote Sonne springen

Es war einer jener Abende, die kitschiger nicht sein konnten. Eine rote Sonne versank eben nicht im Meer, sondern blieb knapp über dem Horizont prangen, tauchte alles in rotes Licht und ließ das Wasser glitzern wie Millionen Diamanten. Und mitten hinein in dieses Bild schwammen dann etwa hundert Delfine.

Manchmal gibt es Momente, von denen man nicht glauben kann, dass sie echt sind. Dass das, was geschieht, nun wirklich passiert und man all das, was sich vor einem ausbreitet, tatsächlich erlebt. So schön sind diese Augenblicke. Einen solchen Augenblick, der dann aber auch noch länger als eine halbe Stunde dauerte, habe ich bei der letzten Reise erleben dürfen. Wir fuhren durch den Abend des spätsommerlichen Polartags, die Sonne malte, das Meer strahlte, die Brücke war in rotes Licht getaucht. Wie kitschig, sagten wir, und schwiegen und staunten.

Dann machte es ein erstes Plitsch-fitsch-platsch und noch eins und noch eins und auf einmal waren so viele Delfine um uns herum, dass ich kaum noch das Mikrofon fand, die Gäste aufzuwecken, die soeben zu Bett gegangen waren. Überall Delfine, sie schwammen neben uns her, tauchten vor den Bug und sprangen parallel neben uns aus dem Wasser, der ganze große Körper, einmal über die Sonne und zurück ins arktische Meer.

Viererreihen nebeneinander, synchron als würden sie bei Olympia teilnehmen, Mütter mit einem Jungen, dicht beisammen, einzelne Tiere, die sich drehten in der Luft. Und immer wieder das schnelle, schnelle Auftauchen neben uns, sie schwammen mit uns und wir konnten das Prusten und Trillern und Atmen hören.

Diese kleinen Schwimmkünstler waren Weißschnauzendelfine, eine endemische Art im Nordatlantik. Es gibt sie in einem Gebiet von Cape Cod bis zur Mündung des Sankt-Lorenz-Stroms und Südgrönland im Westen, um Island herum, weiter in Nordfrankreich und Spitzbergen im Osten. Sie sind fast drei Meter lang und gehören damit zu den größeren Delfinarten, was es umso imposanter macht, wenn sie aus dem Wasser springen. Sie haben eine kurze, kräftige und cremefarben-gelbe Schnauze, was ihnen auch ihren Namen eingebracht hat. Am Rücken und den Seiten sind diese Delfine dunkelgrau bis schwarz, nur an den Seiten haben sie jeweils zwei hellgraue Felder, die auch in nur eines übergehen können. Die Flossen sind schwarz, der Bauch und die Kehle weiß – es sind einfach richtig schöne Tiere. Wie alt die Weißschnauzendelfine werden, weiß man nicht, auch nicht, wann sie ihre Geschlechtsreife erlangen. Manchmal aber werden Schulen von bis zu 1500 Tieren beobachtet. Was muss das für ein Erlebnis sein!

1500 sind es nicht, die hier um uns springen und prusten, aber dennoch ist es geradezu unwirklich. Und es macht so viel Freude! Springende, mit uns reisende Delfine, wie schön ist das. Als würden sie uns willkommen heißen, als seien wir kein stählerner Fremdkörper, sondern eben ein etwas größerer grummelnder Fisch, den es mit ein paar Kunststückchen aufzuheitern gilt und in dessen Gesellschaft man gerne eine Weile mitschwimmt. So fühlen wir uns, umringt von diesen Meeressäugern, im roten Sonnenuntergang vor dem Bellsund Spitzbergens.
Die Gäste, die sich aus den Schlafanzügen noch einmal in ihre Goretex-Kleidung geworfen haben sind froh. Mit strahlenden Augen und roten Wangen stehen sie an Deck und lächeln selig. Delfine machen gute Laune. Das ist einfach so. Auch wenn auf unseren Fotos dann meistens Wasser ist. Die Bilder bewahren wir für immer im Kopf.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

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Manchmal gibt es Momente, von denen man nicht glauben kann, dass sie echt sind. Dass das, was geschieht, nun wirklich passiert und man all das, was sich vor einem ausbreitet, tatsächlich erlebt. So schön sind diese Augenblicke. Einen solchen Augenblick, der dann aber auch noch länger als eine halbe Stunde dauerte, habe ich bei der letzten Reise erleben dürfen. Wir fuhren durch den Abend des spätsommerlichen Polartags, die Sonne malte, das Meer strahlte, die Brücke war in rotes Licht getaucht. Wie kitschig, sagten wir, und schwiegen und staunten.

Dann machte es ein erstes Plitsch-fitsch-platsch und noch eins und noch eins und auf einmal waren so viele Delfine um uns herum, dass ich kaum noch das Mikrofon fand, die Gäste aufzuwecken, die soeben zu Bett gegangen waren. Überall Delfine, sie schwammen neben uns her, tauchten vor den Bug und sprangen parallel neben uns aus dem Wasser, der ganze große Körper, einmal über die Sonne und zurück ins arktische Meer.

Viererreihen nebeneinander, synchron als würden sie bei Olympia teilnehmen, Mütter mit einem Jungen, dicht beisammen, einzelne Tiere, die sich drehten in der Luft. Und immer wieder das schnelle, schnelle Auftauchen neben uns, sie schwammen mit uns und wir konnten das Prusten und Trillern und Atmen hören.

Diese kleinen Schwimmkünstler waren Weißschnauzendelfine, eine endemische Art im Nordatlantik. Es gibt sie in einem Gebiet von Cape Cod bis zur Mündung des Sankt-Lorenz-Stroms und Südgrönland im Westen, um Island herum, weiter in Nordfrankreich und Spitzbergen im Osten. Sie sind fast drei Meter lang und gehören damit zu den größeren Delfinarten, was es umso imposanter macht, wenn sie aus dem Wasser springen. Sie haben eine kurze, kräftige und cremefarben-gelbe Schnauze, was ihnen auch ihren Namen eingebracht hat. Am Rücken und den Seiten sind diese Delfine dunkelgrau bis schwarz, nur an den Seiten haben sie jeweils zwei hellgraue Felder, die auch in nur eines übergehen können. Die Flossen sind schwarz, der Bauch und die Kehle weiß – es sind einfach richtig schöne Tiere. Wie alt die Weißschnauzendelfine werden, weiß man nicht, auch nicht, wann sie ihre Geschlechtsreife erlangen. Manchmal aber werden Schulen von bis zu 1500 Tieren beobachtet. Was muss das für ein Erlebnis sein!

1500 sind es nicht, die hier um uns springen und prusten, aber dennoch ist es geradezu unwirklich. Und es macht so viel Freude! Springende, mit uns reisende Delfine, wie schön ist das. Als würden sie uns willkommen heißen, als seien wir kein stählerner Fremdkörper, sondern eben ein etwas größerer grummelnder Fisch, den es mit ein paar Kunststückchen aufzuheitern gilt und in dessen Gesellschaft man gerne eine Weile mitschwimmt. So fühlen wir uns, umringt von diesen Meeressäugern, im roten Sonnenuntergang vor dem Bellsund Spitzbergens.
Die Gäste, die sich aus den Schlafanzügen noch einmal in ihre Goretex-Kleidung geworfen haben sind froh. Mit strahlenden Augen und roten Wangen stehen sie an Deck und lächeln selig. Delfine machen gute Laune. Das ist einfach so. Auch wenn auf unseren Fotos dann meistens Wasser ist. Die Bilder bewahren wir für immer im Kopf.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz