Hamberg-Hornbreen-Querung
Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 72 – Die Hamberg-Hornbreen-Querung – eine besondere Gletscherwanderung

Wie es ist, auf einem Eis zu stehen, dass Jahrtausende hier war, und bald nicht mehr.

In diesem Sommer habe ich zwei Touren rund um Spitzbergen geleitet, und auf beiden ist uns eine Wanderung gelungen, die ich viel, viel lieber nie gemacht hätte. Nicht, weil sie nicht schön war. Sie war sogar wunderschön. Aber besser wäre es, diese Wanderung wäre einfach gar nicht möglich.

Damit man das versteht, sind einige Erklärungen notwendig. Diese Wanderung fand im Hornsund statt, oder besser: Wir starteten in der Hambergbukt im Südosten Spitzbergens und wanderten den Hambergbreen so weit hinauf, bis wir in den Hornsund hineinblicken konnten. Der Hornsund nun heißt Sund, weil die Entdecker einst dachten, es handle sich bei diesem Einschnitt tatsächlich um einen Sund, um eine Wasserstraße also, auf der man zwischen zwei Landmassen hindurch fahren kann. Tatsächlich aber war der Hornsund, der in Ost-West-Ausrichtung gelegene Einschnitt im Süden Spitzbergens, an seinem Ende verschlossen. Von gewaltigen Eismassen, die sich hier die Berge ins Wasser herabwälzten und eine riesige, kilometerbreite Barriere bildeten. Diese Eismassen verhinderten bisher, dass Schiffe durch den Sund fahren konnten. Nun aber schmelzen all die Gletscher des Hornsunds seit Jahrzehnten, so wie sie das überall auf Spitzbergen tun, und seit einigen Jahren geschieht das immer schneller. Die einstige große Gletscherfront weit vorne im Sund gibt es schon lange nicht mehr, das Eis hat sich weit zurückgezogen.

Wenn es noch weiter abschmilzt, wird der Hornsund tatsächlich ein Sund sein. Noch ist das nicht so weit. Noch steckt da diese Eismasse wie ein Korken in der Wasserstraße. Im westlichen Teil heißt sie Hornbreen, im östlichen Hambergbreen. Schon 2018 war es meinem Kollegen Andreas Umbreit gelungen, in einigen Stunden von Westen nach Osten hinüber in die Hambergbukta zu wandern, weil die Eismassen da schon so abgenommen hatten, dass der Weg nun nicht mehr weit war über den Gletscher.

Im vergangenen Sommer nun hat ein Kollege, Andreas Alexander, die Wanderung von Osten versucht, aus der Hambergbukta. Dort hat der Gletscher nun einen kleinen Landfleck frei gegeben, an dem man anlanden und auf den Gletscher gelangen kann. Er beschrieb mir die Wanderung als nicht einfach, viele Mühlen, Spalten, man müsse gut aufpassen.

Die Vorstellung, mit Gästen auf den höchsten Punkt des Gletschers zu gelangen, von dort in den Hornsund hineinzuschauen und so wirklich zu erwandern, wie gigantisch diese Eisbarriere in den letzten Jahren kleiner geworden war – das reizte mich aber zu sehr, als dass mich diese Beschreibung hätte abhalten können von einem Versuch.

Wir hatten Glück mit dem Wetter, als wir in die Hambergbukta einfuhren. Die ganze Fahrt in die Bucht hinein schauten wir mit dem Fernglas auf den Gletscher und suchten nach einem Weg, nach einem guten Weg. Und als wir schließlich an der Landspitze ausstiegen und losmarschierten, fanden wir ihn auch. Wir wählten einen anderen Anfangspunkt und umgingen die Spalten und Mühlen und standen schon nach zwei Stunden oben auf dem höchsten Punkt, an dem Punkt also, an dem der Hambergbreen in den Hornbreen übergeht, an dem Punkt also, an dem wir wieder in den Hornsund hineinsehen konnten, wo wir gestern noch mit dem Schiff gewesen waren.

Noch 2015 dachte man, diese Barriere würde erst in den 2060er Jahren verschwinden. Doch nun wird sie so rasant kleiner, dass das schon sehr viel früher, im nächsten Jahrzehnt der Fall sein wird. Diese Wanderung wird man nicht mehr lange machen können.

Dann ist der Hornsund ein Sund. Die Landkarte Spitzbergens ist dann um einen sehr markanten Punkt verändert, die ganze Südspitze wird eine eigene Insel sein.
Und was wird diese Schmelze, diese Öffnung mit sich bringen? Westlich von Spitzbergen fließt ein Ausläufer des Golfstroms, der warme Westspitzbergenstrom nach Norden. Östlich der Insel ist das Wasser kälter. Wird dann warmes Wasser nach Osten strömen oder kaltes nach Westen? Welche Tiere werden dadurch mitkommen, welches Plankton?

Wir waren begeistert, als wir an jenem höchsten Punkt standen, meine Kollegin Franka Leiterer und ich, und stolz auch, darauf, dass wir unseren Gästen diese Wanderung ermöglicht hatten. Dass wir diesen guten Weg gefunden hatten und auch sicher wieder abstiegen. Dann waren wir einige Minuten still und ließen auf uns wirken, dass dieses Eis, das so immens und fest und ewig wirkte, in Wirklichkeit so verletzlich und beweglich und ganz einfach am Verschwinden war.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

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Damit man das versteht, sind einige Erklärungen notwendig. Diese Wanderung fand im Hornsund statt, oder besser: Wir starteten in der Hambergbukt im Südosten Spitzbergens und wanderten den Hambergbreen so weit hinauf, bis wir in den Hornsund hineinblicken konnten. Der Hornsund nun heißt Sund, weil die Entdecker einst dachten, es handle sich bei diesem Einschnitt tatsächlich um einen Sund, um eine Wasserstraße also, auf der man zwischen zwei Landmassen hindurch fahren kann. Tatsächlich aber war der Hornsund, der in Ost-West-Ausrichtung gelegene Einschnitt im Süden Spitzbergens, an seinem Ende verschlossen. Von gewaltigen Eismassen, die sich hier die Berge ins Wasser herabwälzten und eine riesige, kilometerbreite Barriere bildeten. Diese Eismassen verhinderten bisher, dass Schiffe durch den Sund fahren konnten. Nun aber schmelzen all die Gletscher des Hornsunds seit Jahrzehnten, so wie sie das überall auf Spitzbergen tun, und seit einigen Jahren geschieht das immer schneller. Die einstige große Gletscherfront weit vorne im Sund gibt es schon lange nicht mehr, das Eis hat sich weit zurückgezogen.

Wenn es noch weiter abschmilzt, wird der Hornsund tatsächlich ein Sund sein. Noch ist das nicht so weit. Noch steckt da diese Eismasse wie ein Korken in der Wasserstraße. Im westlichen Teil heißt sie Hornbreen, im östlichen Hambergbreen. Schon 2018 war es meinem Kollegen Andreas Umbreit gelungen, in einigen Stunden von Westen nach Osten hinüber in die Hambergbukta zu wandern, weil die Eismassen da schon so abgenommen hatten, dass der Weg nun nicht mehr weit war über den Gletscher.

Im vergangenen Sommer nun hat ein Kollege, Andreas Alexander, die Wanderung von Osten versucht, aus der Hambergbukta. Dort hat der Gletscher nun einen kleinen Landfleck frei gegeben, an dem man anlanden und auf den Gletscher gelangen kann. Er beschrieb mir die Wanderung als nicht einfach, viele Mühlen, Spalten, man müsse gut aufpassen.

Die Vorstellung, mit Gästen auf den höchsten Punkt des Gletschers zu gelangen, von dort in den Hornsund hineinzuschauen und so wirklich zu erwandern, wie gigantisch diese Eisbarriere in den letzten Jahren kleiner geworden war – das reizte mich aber zu sehr, als dass mich diese Beschreibung hätte abhalten können von einem Versuch.

Wir hatten Glück mit dem Wetter, als wir in die Hambergbukta einfuhren. Die ganze Fahrt in die Bucht hinein schauten wir mit dem Fernglas auf den Gletscher und suchten nach einem Weg, nach einem guten Weg. Und als wir schließlich an der Landspitze ausstiegen und losmarschierten, fanden wir ihn auch. Wir wählten einen anderen Anfangspunkt und umgingen die Spalten und Mühlen und standen schon nach zwei Stunden oben auf dem höchsten Punkt, an dem Punkt also, an dem der Hambergbreen in den Hornbreen übergeht, an dem Punkt also, an dem wir wieder in den Hornsund hineinsehen konnten, wo wir gestern noch mit dem Schiff gewesen waren.

Noch 2015 dachte man, diese Barriere würde erst in den 2060er Jahren verschwinden. Doch nun wird sie so rasant kleiner, dass das schon sehr viel früher, im nächsten Jahrzehnt der Fall sein wird. Diese Wanderung wird man nicht mehr lange machen können.

Dann ist der Hornsund ein Sund. Die Landkarte Spitzbergens ist dann um einen sehr markanten Punkt verändert, die ganze Südspitze wird eine eigene Insel sein.
Und was wird diese Schmelze, diese Öffnung mit sich bringen? Westlich von Spitzbergen fließt ein Ausläufer des Golfstroms, der warme Westspitzbergenstrom nach Norden. Östlich der Insel ist das Wasser kälter. Wird dann warmes Wasser nach Osten strömen oder kaltes nach Westen? Welche Tiere werden dadurch mitkommen, welches Plankton?

Wir waren begeistert, als wir an jenem höchsten Punkt standen, meine Kollegin Franka Leiterer und ich, und stolz auch, darauf, dass wir unseren Gästen diese Wanderung ermöglicht hatten. Dass wir diesen guten Weg gefunden hatten und auch sicher wieder abstiegen. Dann waren wir einige Minuten still und ließen auf uns wirken, dass dieses Eis, das so immens und fest und ewig wirkte, in Wirklichkeit so verletzlich und beweglich und ganz einfach am Verschwinden war.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz