Lågøya – Unsere Expedition zur flachen Insel
Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 75 – Lågøya – Unsere Expedition zur flachen Insel

Das absolut wunderbare an kleinen Schiffen mit guten Crews und wenig Gästen ist, dass man manchmal einfach Dinge ausprobieren und gemeinsam entdecken kann. So wie diesen Sommer auf der Lågøya, im Nordwesten Nordaustlandets.

Wenn man einfach mal macht, was man noch nie gemacht hat – das sind die allerbesten Momente auf unseren Reisen. Diesen Sommer gab es einige davon, auf den beiden Umrundungen, die ich leiten durfte. Und einer davon war auf der Lågøya. Wir kamen von Süden, wollten zu den Sieben Inseln weiter, aber die Distanzen passten nicht so recht zueinander, beziehungsweise, das, was sich anbot, fand ich langweilig. Wir beugten uns über die Karte und schauten den Radius des Erreichbaren an. Und da fiel mein Blick auf die Lågøya. Was ist eigentlich damit?

Diese Insel ist, wie ihr Name schon verrät, flach, und genauso sind es die sie umgebenden Gewässer. Außerdem sind weite Teile der Insel den ganzen Sommer über gesperrt, weil es sich um ein Vogelschutzgebiet handelt. Nun war aber bereits der 15. September, und die Sperrung damit glücklicherweise schon aufgehoben. Noch dazu gab es recht neue Seekarten, bei deren Studium wir einen Korridor im Franklinsund für unser Schiffchen fanden, der an eine Stelle führte, die so aussah, als käme man dann auch noch mit den Booten wirklich an Land.

Lågøya also!

Diese Momente liebe ich, wenn ich zu den Gästen sagen kann: Jetzt machen wir was, das haben wir noch nie gemacht, wir wissen nicht, ob es wirklich funktioniert, wir wissen nicht, was wir dort finden, aber wir denken, es wird super! Und dann schreibe ich auf die Tafel groß: Expeditionstag! Und alle freuen sich.

Als es schließlich so weit war, fuhren wir langsam auf die Insel zu, auf der Route, die Maarten, der als Kapitän an Bord war, ausgesucht hatte. Der Blick ging immer wieder zum Tiefenmesser und glücklicherweise blieben die Meterangaben im sicheren Bereich. Gäste kamen auf die Brücke, machten keinen Mucks. Konzentriert manövrierte uns das Brückenteam immer näher und näher, und mit dem Fernglas suchten wir die Küste ab. Das sah richtig gut aus!

Gut einen Kilometer von der Küste entfernt, mit immer noch einigen Metern Wasser unterm Kiel, beschloss der Captain, es sei nun genug. Und so konnten wir schon mal verkünden, dass Teil eins des Abenteuers funktioniert hatte. Jetzt mussten wir noch an Land kommen! Wir stiegen in die Boote und erkundeten die flache Küste, fanden auch gleich einen wunderbaren Anlandeplatz. Michelle und ich stiegen aus und versicherten uns erst einmal, dass hier kein Bär schlecht gelaunt herumsaß, weil er den Rückzug des Meereises verpasst hatte. Als auch das nicht der Fall war konnten wir aufgeregt funken, dass die Gäste an Land kommen konnten. Juhu!

Unser Landeort entpuppte sich als ganz wunderbar. Es war hier gut zu sehen, dass schon lange niemand mehr hier gewesen war. Wir fanden Schwimmkörper von Fischernetzen beinahe jeden Alters: Die alten gläsernen lagen hier neben denen aus Metall und schließlich den unvermeidlichen bunten Plastik-Kugeln. Und dazu natürlich die ebenso unvermeidliche Menge Müll. In Spitzbergen ist es ja kurioserweise so, dass es dort, wo die meisten Schiffe anlanden, am saubersten ist – weil viele Schiffsgäste die Strände ein bisschen sauber machen. Dort, wo niemand hinkommt, sieht man dann live und in Farbe, wie Strände mittlerweile aussehen, wenn sie niemand reinigt. Nicht schön, das kann man sagen.

Zwischen all dem Unrat lagen aber auch viele Schätze: Altes Treibholz, verblichen und bizarr in den Himmel ragend, und daneben viel bearbeitetes Holz, das uns Rätsel aufgab: Waren das Teile von Schiffen, Gebäuden, Schiffsaufbauten? Manches konnte als Teile alter Segelschiffe identifiziert werden – könnte man doch nur herausfinden, welche das gewesen und vor allem, was ihr Schicksal gewesen war!

So stromerten wir über den flach ansteigenden Strand, blickten auf der anderen Seite über die Lagune der Raudbukta und in den noch viel flacheren Lady Franklin Sund hinein, hinüber zu den Gletschern des Nordaustlandets bis zu der Eiskuppe, die sich dahinter aufbaute. Die Weite und Schönheit dieses Orts ließen unsere Lungen und Seelen weit werden. Was für eine wunderbar schöne Entdeckung diese Insel war! In einiger Entfernung machten wir die höchste Stelle diesen Teils des Eilands aus, ganze 33 Meter hoch. Also war das unser Ziel, wir wanderten gemütlich über die arktische Wüste und kletterten dann auf die kleinen Felsen hinauf. In einem Steinmännchen fanden wir die Hülle einer Schrotpatrone, in die jemand seinen Namen und das Datum seines Besuchs eingeritzt hatte. Aus den Siebzigern war die Patrone, wir legten sie sorgfältig wieder zurück.

Dann sprangen wir über die Felsen und den Strand wieder zurück zu unserer Landestelle, wo unser Boot schon auf uns wartete, glitten im besten arktischen Septemberabendlicht hinüber zu unserem Zuhause und anschließend ebenso vorsichtig, wie wir herangefahren waren an die Insel, den Franklin Sund auch wieder hinaus.

Beseelt von diesem Erlebnis, einen Ort besucht zu haben, an dem noch so wenige Menschen vor uns waren, dankbar, dass es funktioniert hatte, glücklich über das, was wir tun – so endete der Abend.

Und die liebe Michelle kehrte bei ihrer nächsten Reise zurück auf die Insel, jetzt, wo wir den Weg so gut kannten, und machte zusammen mit den Gästen einen großen Bereich dieses Strands sauber. Das passiert dann nämlich auch öfter: dass man sich solche Stellen merkt, und wenn es passt, kommt man wieder und nimmt die ganzen Netze und Seile und Kanister und Fischkästen mit, die es dort im Lauf der Jahre angespült hat. Damit ist Lågøya nun auch Teil unseres wissenschaftlichen Plastikprojekts geworden.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

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Wenn man einfach mal macht, was man noch nie gemacht hat – das sind die allerbesten Momente auf unseren Reisen. Diesen Sommer gab es einige davon, auf den beiden Umrundungen, die ich leiten durfte. Und einer davon war auf der Lågøya. Wir kamen von Süden, wollten zu den Sieben Inseln weiter, aber die Distanzen passten nicht so recht zueinander, beziehungsweise, das, was sich anbot, fand ich langweilig. Wir beugten uns über die Karte und schauten den Radius des Erreichbaren an. Und da fiel mein Blick auf die Lågøya. Was ist eigentlich damit?

Diese Insel ist, wie ihr Name schon verrät, flach, und genauso sind es die sie umgebenden Gewässer. Außerdem sind weite Teile der Insel den ganzen Sommer über gesperrt, weil es sich um ein Vogelschutzgebiet handelt. Nun war aber bereits der 15. September, und die Sperrung damit glücklicherweise schon aufgehoben. Noch dazu gab es recht neue Seekarten, bei deren Studium wir einen Korridor im Franklinsund für unser Schiffchen fanden, der an eine Stelle führte, die so aussah, als käme man dann auch noch mit den Booten wirklich an Land.

Lågøya also!

Diese Momente liebe ich, wenn ich zu den Gästen sagen kann: Jetzt machen wir was, das haben wir noch nie gemacht, wir wissen nicht, ob es wirklich funktioniert, wir wissen nicht, was wir dort finden, aber wir denken, es wird super! Und dann schreibe ich auf die Tafel groß: Expeditionstag! Und alle freuen sich.

Als es schließlich so weit war, fuhren wir langsam auf die Insel zu, auf der Route, die Maarten, der als Kapitän an Bord war, ausgesucht hatte. Der Blick ging immer wieder zum Tiefenmesser und glücklicherweise blieben die Meterangaben im sicheren Bereich. Gäste kamen auf die Brücke, machten keinen Mucks. Konzentriert manövrierte uns das Brückenteam immer näher und näher, und mit dem Fernglas suchten wir die Küste ab. Das sah richtig gut aus!

Gut einen Kilometer von der Küste entfernt, mit immer noch einigen Metern Wasser unterm Kiel, beschloss der Captain, es sei nun genug. Und so konnten wir schon mal verkünden, dass Teil eins des Abenteuers funktioniert hatte. Jetzt mussten wir noch an Land kommen! Wir stiegen in die Boote und erkundeten die flache Küste, fanden auch gleich einen wunderbaren Anlandeplatz. Michelle und ich stiegen aus und versicherten uns erst einmal, dass hier kein Bär schlecht gelaunt herumsaß, weil er den Rückzug des Meereises verpasst hatte. Als auch das nicht der Fall war konnten wir aufgeregt funken, dass die Gäste an Land kommen konnten. Juhu!

Unser Landeort entpuppte sich als ganz wunderbar. Es war hier gut zu sehen, dass schon lange niemand mehr hier gewesen war. Wir fanden Schwimmkörper von Fischernetzen beinahe jeden Alters: Die alten gläsernen lagen hier neben denen aus Metall und schließlich den unvermeidlichen bunten Plastik-Kugeln. Und dazu natürlich die ebenso unvermeidliche Menge Müll. In Spitzbergen ist es ja kurioserweise so, dass es dort, wo die meisten Schiffe anlanden, am saubersten ist – weil viele Schiffsgäste die Strände ein bisschen sauber machen. Dort, wo niemand hinkommt, sieht man dann live und in Farbe, wie Strände mittlerweile aussehen, wenn sie niemand reinigt. Nicht schön, das kann man sagen.

Zwischen all dem Unrat lagen aber auch viele Schätze: Altes Treibholz, verblichen und bizarr in den Himmel ragend, und daneben viel bearbeitetes Holz, das uns Rätsel aufgab: Waren das Teile von Schiffen, Gebäuden, Schiffsaufbauten? Manches konnte als Teile alter Segelschiffe identifiziert werden – könnte man doch nur herausfinden, welche das gewesen und vor allem, was ihr Schicksal gewesen war!

So stromerten wir über den flach ansteigenden Strand, blickten auf der anderen Seite über die Lagune der Raudbukta und in den noch viel flacheren Lady Franklin Sund hinein, hinüber zu den Gletschern des Nordaustlandets bis zu der Eiskuppe, die sich dahinter aufbaute. Die Weite und Schönheit dieses Orts ließen unsere Lungen und Seelen weit werden. Was für eine wunderbar schöne Entdeckung diese Insel war! In einiger Entfernung machten wir die höchste Stelle diesen Teils des Eilands aus, ganze 33 Meter hoch. Also war das unser Ziel, wir wanderten gemütlich über die arktische Wüste und kletterten dann auf die kleinen Felsen hinauf. In einem Steinmännchen fanden wir die Hülle einer Schrotpatrone, in die jemand seinen Namen und das Datum seines Besuchs eingeritzt hatte. Aus den Siebzigern war die Patrone, wir legten sie sorgfältig wieder zurück.

Dann sprangen wir über die Felsen und den Strand wieder zurück zu unserer Landestelle, wo unser Boot schon auf uns wartete, glitten im besten arktischen Septemberabendlicht hinüber zu unserem Zuhause und anschließend ebenso vorsichtig, wie wir herangefahren waren an die Insel, den Franklin Sund auch wieder hinaus.

Beseelt von diesem Erlebnis, einen Ort besucht zu haben, an dem noch so wenige Menschen vor uns waren, dankbar, dass es funktioniert hatte, glücklich über das, was wir tun – so endete der Abend.

Und die liebe Michelle kehrte bei ihrer nächsten Reise zurück auf die Insel, jetzt, wo wir den Weg so gut kannten, und machte zusammen mit den Gästen einen großen Bereich dieses Strands sauber. Das passiert dann nämlich auch öfter: dass man sich solche Stellen merkt, und wenn es passt, kommt man wieder und nimmt die ganzen Netze und Seile und Kanister und Fischkästen mit, die es dort im Lauf der Jahre angespült hat. Damit ist Lågøya nun auch Teil unseres wissenschaftlichen Plastikprojekts geworden.

Bis in zwei Wochen!

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