Antarktis Eisberg A68A
Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 4 – Der Eisberg A68a, den niemand sieht

Niemand ist dabei, wenn es passiert.
Niemand hört, wie die Wellen gegen die eisigen Wände rollen, hohl grollend klingt das an manchen Stellen. Das Krachen, manchmal wie ein ferner Donner. Das Knistern der Schollen, fein flüsternd, wenn sie langsam schmelzend hinsterben, wenn die Luft aus ihnen weicht, die Jahrtausende alte.

Niemand sieht, wie sich das Licht bricht an den Rändern der weißen Fläche, wie die Vertikale türkisfarben schimmert und glimmert und die Sonne manchmal hindurch scheint, niemand sieht, wie die Schollen, abgebrochen und umgedreht, dahinschaukeln im Licht.

Er war in allen Nachrichten, in so vielen Zeitungen, auf Internetseiten und im Fernsehen, Satelliten haben ihn fotografiert – aber richtig gesehen hat ihn niemand, in den vergangenen Wochen.

Den Eisberg A68a.

Der Eisberg A68a ist der Eisberg, der 2017 vom antarktischen C-Larsen Schelfeis abgebrochen ist, und danach begann, gen Norden zu driften, 175 Kilometer lang, 50 Kilometer breit, 200 Meter dick, eine Billion Tonnen Eis. Im Oktober und November 2020 begannen einige Beobachter des Eisbergs, immer unruhiger zu werden, hatte er doch einen Kurs eingeschlagen, der ziemlich genau auf die Insel South Georgia zuführte, eine Insel, die kleiner war als dieses enorme Gebilde aus Eis. Eine kleine Insel mit vielen Tieren darauf, die alle ständig ins Wasser müssen, Pinguine, Pelzrobben, See-Elefanten. Wenn der Eisberg vor den großen Kolonien auf Grund laufen würde, könnten die Tiere nicht mehr ins Wasser, so die Furcht.

In normalen Zeiten wäre er zum Superstar geworden, der Eisberg A68a. In normalen Zeiten wäre er eingebaut worden in all die Routenpläne der Schiffe, die mit Gästen von South Georgia in die Antarktis fahren, man hätte an ihm entlangfahren und ihn bestaunen können, stundenlang, so groß wie er war.

Aber nun, hat ihn niemand gesehen. Niemand war dabei, als es schließlich so laut gekracht haben muss, dass die Pinguine South Georgias einen Moment aufhörten, Steinchen aus fremden Nestchen zu klauen, den Schnabel fragend in die Luft hoben – was ist das für ein Lärm? Als der Eisberg A68a auseinanderbrach. Es gibt nun einen b und c und d, und dazwischen noch unzählige kleinere Berge, viele von ihnen sicher immer noch größer als die meisten Schiffe.

Auch seinen Kurs hat er geändert, er hat South Georgia in Ruhe gelassen, die Pinguine, Pelzrobben und See-Elefanten können sich weiterhin ins Wasser stürzen und ihre Jungen versorgen.

Etwas Gewaltiges ist passiert, und niemand war dabei. Und während ich dies hier schreibe und während Sie das lesen, rollen weiterhin die Wellen an die eisigen Wände des Bergs, kracht und knistert es weiter, vielleicht bricht er noch einmal in der Mitte entzwei, genau in diesem Moment, und den Berg interessiert es nicht, ob irgendjemand ihm zusieht.

Dieser Gedanke, dass etwas da ist, was kaum jemand sieht, diesen Gedanken hatte ich zum ersten Mal in Franz Joseph Land – als ich zum ersten Mal an einem Ort war, der nicht ständig von Menschen besucht oder gesehen wird, wie das für beinahe jeden Zentimeter in Mitteleuropa gilt. Auf einer Landzunge lag eine Walrosskolonie im Abendlicht. Wir näherten uns an, hörten das Grunzen und Schnauben, und nach einer Stunde gingen wir wieder. Die Walrosse blieben, vielleicht liegen auch sie, während ich das hier schreibe und während Sie das hier lesen, immer noch dort und grunzen und schnauben – und niemand sieht sie, und die Walrosse kümmert das nicht.

Die Walrosse gingen mir lange nicht aus dem Kopf, wie sie da lagen, in der Abendkälte, wie die Wellen anrollten und auf sie spritzten, das eisige Wasser. Wie kalt es uns am Ende war, als wir zurück gingen, aber die Walrosse störte die Kälte nicht. Immer wieder dachte ich an diese rostfarbenen Kolosse, abends im Bett, mittags beim Essen, und stellte mir vor, wie sie auch jetzt dort fläzten, immer noch, wie sie einfach immer dort liegen, unbeeindruckt, ungesehen.

Zum ersten Mal habe ich dort, an jener Stelle zutiefst durchdrungen, wie unwichtig der Mensch ist, denn die Natur, in ihren riesigen und allerkleinsten Teilen, sie braucht uns ja nicht. Die Dinge geschehen, ob wir da sind, oder nicht, fortwährend geschehen in unserer Welt kleine und riesige Wunder.

Vielleicht ist das das Schönste, was ich gelernt habe, im Süden und im Norden, dort, wo kaum jemand hinkommt.

Bis nächste Woche,

Ihre

Birgit Lutz

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2 Gedanken zu „Notizen aus dem Eis 4 – Der Eisberg A68a, den niemand sieht“

  1. Hallo Birgit
    sehr schön bildreich geschrieben dein Beitrag über den riesigen Eisberg! So hab ich ihn wenigstens in Gedanken gesehen. Das macht wieder Sehnsucht nach Spitzbergen .
    Liebe Grüße
    Jürgen

    Antworten

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Niemand ist dabei, wenn es passiert.
Niemand hört, wie die Wellen gegen die eisigen Wände rollen, hohl grollend klingt das an manchen Stellen. Das Krachen, manchmal wie ein ferner Donner. Das Knistern der Schollen, fein flüsternd, wenn sie langsam schmelzend hinsterben, wenn die Luft aus ihnen weicht, die Jahrtausende alte.

Niemand sieht, wie sich das Licht bricht an den Rändern der weißen Fläche, wie die Vertikale türkisfarben schimmert und glimmert und die Sonne manchmal hindurch scheint, niemand sieht, wie die Schollen, abgebrochen und umgedreht, dahinschaukeln im Licht.

Er war in allen Nachrichten, in so vielen Zeitungen, auf Internetseiten und im Fernsehen, Satelliten haben ihn fotografiert – aber richtig gesehen hat ihn niemand, in den vergangenen Wochen.

Den Eisberg A68a.

Der Eisberg A68a ist der Eisberg, der 2017 vom antarktischen C-Larsen Schelfeis abgebrochen ist, und danach begann, gen Norden zu driften, 175 Kilometer lang, 50 Kilometer breit, 200 Meter dick, eine Billion Tonnen Eis. Im Oktober und November 2020 begannen einige Beobachter des Eisbergs, immer unruhiger zu werden, hatte er doch einen Kurs eingeschlagen, der ziemlich genau auf die Insel South Georgia zuführte, eine Insel, die kleiner war als dieses enorme Gebilde aus Eis. Eine kleine Insel mit vielen Tieren darauf, die alle ständig ins Wasser müssen, Pinguine, Pelzrobben, See-Elefanten. Wenn der Eisberg vor den großen Kolonien auf Grund laufen würde, könnten die Tiere nicht mehr ins Wasser, so die Furcht.

In normalen Zeiten wäre er zum Superstar geworden, der Eisberg A68a. In normalen Zeiten wäre er eingebaut worden in all die Routenpläne der Schiffe, die mit Gästen von South Georgia in die Antarktis fahren, man hätte an ihm entlangfahren und ihn bestaunen können, stundenlang, so groß wie er war.

Aber nun, hat ihn niemand gesehen. Niemand war dabei, als es schließlich so laut gekracht haben muss, dass die Pinguine South Georgias einen Moment aufhörten, Steinchen aus fremden Nestchen zu klauen, den Schnabel fragend in die Luft hoben – was ist das für ein Lärm? Als der Eisberg A68a auseinanderbrach. Es gibt nun einen b und c und d, und dazwischen noch unzählige kleinere Berge, viele von ihnen sicher immer noch größer als die meisten Schiffe.

Auch seinen Kurs hat er geändert, er hat South Georgia in Ruhe gelassen, die Pinguine, Pelzrobben und See-Elefanten können sich weiterhin ins Wasser stürzen und ihre Jungen versorgen.

Etwas Gewaltiges ist passiert, und niemand war dabei. Und während ich dies hier schreibe und während Sie das lesen, rollen weiterhin die Wellen an die eisigen Wände des Bergs, kracht und knistert es weiter, vielleicht bricht er noch einmal in der Mitte entzwei, genau in diesem Moment, und den Berg interessiert es nicht, ob irgendjemand ihm zusieht.

Dieser Gedanke, dass etwas da ist, was kaum jemand sieht, diesen Gedanken hatte ich zum ersten Mal in Franz Joseph Land – als ich zum ersten Mal an einem Ort war, der nicht ständig von Menschen besucht oder gesehen wird, wie das für beinahe jeden Zentimeter in Mitteleuropa gilt. Auf einer Landzunge lag eine Walrosskolonie im Abendlicht. Wir näherten uns an, hörten das Grunzen und Schnauben, und nach einer Stunde gingen wir wieder. Die Walrosse blieben, vielleicht liegen auch sie, während ich das hier schreibe und während Sie das hier lesen, immer noch dort und grunzen und schnauben – und niemand sieht sie, und die Walrosse kümmert das nicht.

Die Walrosse gingen mir lange nicht aus dem Kopf, wie sie da lagen, in der Abendkälte, wie die Wellen anrollten und auf sie spritzten, das eisige Wasser. Wie kalt es uns am Ende war, als wir zurück gingen, aber die Walrosse störte die Kälte nicht. Immer wieder dachte ich an diese rostfarbenen Kolosse, abends im Bett, mittags beim Essen, und stellte mir vor, wie sie auch jetzt dort fläzten, immer noch, wie sie einfach immer dort liegen, unbeeindruckt, ungesehen.

Zum ersten Mal habe ich dort, an jener Stelle zutiefst durchdrungen, wie unwichtig der Mensch ist, denn die Natur, in ihren riesigen und allerkleinsten Teilen, sie braucht uns ja nicht. Die Dinge geschehen, ob wir da sind, oder nicht, fortwährend geschehen in unserer Welt kleine und riesige Wunder.

Vielleicht ist das das Schönste, was ich gelernt habe, im Süden und im Norden, dort, wo kaum jemand hinkommt.

Bis nächste Woche,

Ihre

Birgit Lutz