Nordnorwegen-Stille_Schneelandschaft
Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 3 – Die arktische Stille

Langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit, die gar nicht so dunkel ist, sobald alle Stirnlampen gelöscht sind. Wir stehen oder sitzen verteilt in dem Wald aus niedrigen Birken, vor uns öffnet sich eine weite Ebene. Ein See. Schwarzweiß liegt die verschneite Winterlandschaft vor uns; der Mond strahlt so kräftig, dass der Schnee auf dem See glitzert. Wir hören, wir lauschen. Nichts. Es ist still. Ab und an ein Knirschen, wenn einer von uns sein Gewicht verlagert, ein Rascheln unserer Winterkleidung. Ansonsten: um uns herum einfach nichts.

Dies sind meine liebsten, meine wertvollsten Momente auf den Winterreisen nach Nordnorwegen. Da sind die Wale, ja, und die Landschaft, ja. Und dann sind es doch immer die kleinen Dinge, die für mich am Ende die größten sind. In einen dunklen Wald gehen und still sein.

Wenn ich unseren Gästen vorschlage, im Dunklen mit den Schneeschuhen los zu gehen, sind sie oft verhalten neugierig. Aber nach dem ersten Mal können sie gar nicht genug davon bekommen. Wenn ich dann mitten in der Wanderung sage, und jetzt sind wir mal einfach nur still, wir bewegen uns nicht, wir machen kein einziges Geräusch – dann sehe ich in manchen Gesichtern ein „Oh je, was Esoterisches“. Aber nach dem ersten Mal fragen sie dann jeden Tag: Wann machen wir wieder die Stille?

Wie sehr sie uns fehlt, diese Stille. Die echte Stille, eine Stille ohne Flugzeuggeräusche, ohne fernen Autolärm, ohne ferne Menschenstimmen, ohne Motoren – ohne menschengemachte Geräusche eben. Zum ersten Mal habe ich eine solche Stille am Nordpol gehört, als ich auf Skiern dort war. Ich stand da, der Wind hatte aufgehört, der Kocher war noch nicht an und wir hielten inne, wir drei. Und es war still. So still, dass ich den Tinnitus in meinem linken Ohr ein Vielfaches lauter hörte – weil es nichts zu hören gab ansonsten. Ich verstand den Ausdruck, eine Stille, die in den Ohren schmerzt. Geschmerzt hat sie aber gar nicht, die Stille. Sie war etwas Wunderbares. Und schnell wieder vorbei, wir mussten uns bewegen, rascheln, den Kocher anschalten…

Auch in Spitzbergen halte ich auf fast jeder Wanderung diese „arktische Stille“. Aber dort ist es nie still, nie. In Spitzbergen wird man immer irgendwo das Kreischen einer Vogelkolonie hören, das der Wind selbst noch von weiter Ferne immer wieder heranweht. Oder den Wind selbst, wie er über einen hinstreicht. Das Gluckern von Wasser, das Krachen von Eis. Unsere Gäste erfahren im Verlauf einer zweiwöchigen Spitzbergen-Umrundung dabei oft eine ganz wundersame Wandlung. Ist es zu Beginn oft kaum wenige Sekunden lang still, bis sich wieder jemand bewegt, etwas raschelt oder knistert – wird dieser Zeitraum mit jedem Tag länger. Die Menschen lernen dann wieder, still zu sitzen, bei sich zu sein. Entspannt zu sein. Bewirkt wird das durch dieses Gesamtpaket, die arktische Weite und Stille, diese ganze Form des Reisens, in dieser Gegend. Mein Rekord ist 20 Menschen und 14 Minuten, absolut still.

Jetzt ist Winter, an vielen Orten liegt tatsächlich auch in Deutschland wieder einmal Schnee. Schnee, der den wunderbaren Effekt hat, Geräusche ab zu dämpfen. Manchmal wird es nun auch hier still, in diesem besonderen Winter, in dem wir nicht auf einer einsamen norwegischen Insel sitzen können, auf der die Stille vom Prusten eines Wals unterbrochen wird. Wir sind hier. Aber nichts hält uns doch davon ab, das alles auch hier zu tun. In den verschneiten Wald gehen (bei uns leider nur tagsüber, damit das Wild in unserem dicht besiedelten Gebiet auch Ruhe findet), sich hinsetzen, lauschen.

Manchmal frage ich meine Gäste, was sie gehört haben, wenn wir uns wieder bewegen. Ein Brite antwortete darauf einmal: „I heard wilderness“, ich habe die Wildnis gehört. Ist das nicht wunderschön?

Versuchen Sie es doch einfach auch, ob Sie die Wildnis hören, irgendwo!

Bis nächste Woche,

Ihre

Birgit Lutz

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Dies sind meine liebsten, meine wertvollsten Momente auf den Winterreisen nach Nordnorwegen. Da sind die Wale, ja, und die Landschaft, ja. Und dann sind es doch immer die kleinen Dinge, die für mich am Ende die größten sind. In einen dunklen Wald gehen und still sein.

Wenn ich unseren Gästen vorschlage, im Dunklen mit den Schneeschuhen los zu gehen, sind sie oft verhalten neugierig. Aber nach dem ersten Mal können sie gar nicht genug davon bekommen. Wenn ich dann mitten in der Wanderung sage, und jetzt sind wir mal einfach nur still, wir bewegen uns nicht, wir machen kein einziges Geräusch – dann sehe ich in manchen Gesichtern ein „Oh je, was Esoterisches“. Aber nach dem ersten Mal fragen sie dann jeden Tag: Wann machen wir wieder die Stille?

Wie sehr sie uns fehlt, diese Stille. Die echte Stille, eine Stille ohne Flugzeuggeräusche, ohne fernen Autolärm, ohne ferne Menschenstimmen, ohne Motoren – ohne menschengemachte Geräusche eben. Zum ersten Mal habe ich eine solche Stille am Nordpol gehört, als ich auf Skiern dort war. Ich stand da, der Wind hatte aufgehört, der Kocher war noch nicht an und wir hielten inne, wir drei. Und es war still. So still, dass ich den Tinnitus in meinem linken Ohr ein Vielfaches lauter hörte – weil es nichts zu hören gab ansonsten. Ich verstand den Ausdruck, eine Stille, die in den Ohren schmerzt. Geschmerzt hat sie aber gar nicht, die Stille. Sie war etwas Wunderbares. Und schnell wieder vorbei, wir mussten uns bewegen, rascheln, den Kocher anschalten…

Auch in Spitzbergen halte ich auf fast jeder Wanderung diese „arktische Stille“. Aber dort ist es nie still, nie. In Spitzbergen wird man immer irgendwo das Kreischen einer Vogelkolonie hören, das der Wind selbst noch von weiter Ferne immer wieder heranweht. Oder den Wind selbst, wie er über einen hinstreicht. Das Gluckern von Wasser, das Krachen von Eis. Unsere Gäste erfahren im Verlauf einer zweiwöchigen Spitzbergen-Umrundung dabei oft eine ganz wundersame Wandlung. Ist es zu Beginn oft kaum wenige Sekunden lang still, bis sich wieder jemand bewegt, etwas raschelt oder knistert – wird dieser Zeitraum mit jedem Tag länger. Die Menschen lernen dann wieder, still zu sitzen, bei sich zu sein. Entspannt zu sein. Bewirkt wird das durch dieses Gesamtpaket, die arktische Weite und Stille, diese ganze Form des Reisens, in dieser Gegend. Mein Rekord ist 20 Menschen und 14 Minuten, absolut still.

Jetzt ist Winter, an vielen Orten liegt tatsächlich auch in Deutschland wieder einmal Schnee. Schnee, der den wunderbaren Effekt hat, Geräusche ab zu dämpfen. Manchmal wird es nun auch hier still, in diesem besonderen Winter, in dem wir nicht auf einer einsamen norwegischen Insel sitzen können, auf der die Stille vom Prusten eines Wals unterbrochen wird. Wir sind hier. Aber nichts hält uns doch davon ab, das alles auch hier zu tun. In den verschneiten Wald gehen (bei uns leider nur tagsüber, damit das Wild in unserem dicht besiedelten Gebiet auch Ruhe findet), sich hinsetzen, lauschen.

Manchmal frage ich meine Gäste, was sie gehört haben, wenn wir uns wieder bewegen. Ein Brite antwortete darauf einmal: „I heard wilderness“, ich habe die Wildnis gehört. Ist das nicht wunderschön?

Versuchen Sie es doch einfach auch, ob Sie die Wildnis hören, irgendwo!

Bis nächste Woche,

Ihre

Birgit Lutz