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Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 55 – Auf Schatzsuche im Weddellmeer

Einige Glückliche leben gerade einen Kindertraum aus Abenteuer und Schatzsuche auf hoher See: Sie suchen im antarktischen Weddellmeer nach dem Wrack der Endurance – dem Schiff, das der britische Polarforscher Sir Ernest Shackleton auf seiner legendären Expedition verlassen musste. Der Verlust der Endurance war der Beginn der berühmten Rettungsgeschichte, die heute noch zahlreiche Menschen fasziniert. Es wird in den kommenden Wochen also sehr spannend, ob die Suche gelingt!

Shackleton wollte auf seiner „Imperial Trans-Antarctic Expedition“ erstmals die Antarktis durchqueren, doch dazu sollte es nicht kommen. Noch bevor der Kontinent erreicht werden konnte, wurde die Endurance im Eis eingeschlossen. Fotograf Frank Hurley machte damals Aufnahmen des im Eis untergehenden Schiffs, die bis heute nichts an ihrer Faszination eingebüßt haben. Vielen bekannt sind auch die Worte des Kapitäns der Endurance, Frank Worsley, mit denen er das Sinken der Endurance in seinem Tagebuch festhielt:

„When one knows every nook and corner of one’s ship as we did, and has helped her time and again in the fight that she made so well, the actual parting was not without its pathos, quite apart from one’s own desolation, and I doubt if there was one amongst us who did not feel some personal emotion when Sir Ernest, standing on top of the lookout, said somewhat sadly and quietly, “She’s gone, boys.”“

Aufgrund der historischen Aufzeichnungen der Expedition ist sehr genau bekannt, wo die Endurance am 21. November 1915 versank: auf 69° 05′ südlicher Breite und 51° 30′ westlicher Länge. Etwa 3000 Meter tief ist das Weddellmeer hier, die noch größere Herausforderung bei der Suche liegt allerdings in der Eisbedeckung dieser Region. Das Weddellmeer ist in dieser Gegend nicht besonders häufig eisfrei, um es vorsichtig zu formulieren, die Bedingungen sind schwierig. 2019 musste eine Suche abgebrochen werden, damit das Forschungsschiff nicht der Endurance auf ihrem Weg in die Tiefe folgte.

Der jetzige Versuch geht vom Falklands Maritime Heritage Trust aus, das Forschungsschiff Agulhas II ist vor einigen Tagen von Kapstadt aufgebrochen. An Bord sind Unterwasser-Archäologen und Polarforscher, die das Wrack nicht nur finden, sondern natürlich kartieren und wenn möglich auch filmen wollen.

Für ihre Suche verwenden die Forscher Tauchroboter, die den Meeresgrund bis in eine Tiefe von 4000 Metern absuchen können. Die Forscher rechnen sich nicht nur gute Chancen aus, das Wrack wirklich zu finden, sondern es auch in einem guten Zustand vorzufinden: In dieser Gegend gab es nicht viel Bewegung am Meeresboden und es sinken auch nur sehr wenige Sedimente ab.

Deswegen hoffen die Forscher auch, noch einiges an der zurück gelassenen Ausrüstung bergen zu können, wie das Mikroskop, Probenbehälter und Fotoplatten. Man stelle sich vor, plötzlich gäbe es neue Bilder der Shackleton Expedition – 117 Jahre später. Unmöglich ist nichts, lehrt die Polargeschichte, man denke nur an die Fotos, die von der Andrée-Expedition entwickelt wurden, 30 Jahre nachdem man deren tragische Überreste auf Kvitøya gefunden hatte.

Zwei Jahre lang haben die Forscher geplant und vorbereitet. In wenigen Tagen werden sie im Weddellmeer eintreffen. Wir dürfen gespannt sein!

Und: Wer mit auf Schatzsuche gehen will, kann der Expedition auf der sehr schönen Webseite www.endurance22.org folgen.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

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Shackleton wollte auf seiner „Imperial Trans-Antarctic Expedition“ erstmals die Antarktis durchqueren, doch dazu sollte es nicht kommen. Noch bevor der Kontinent erreicht werden konnte, wurde die Endurance im Eis eingeschlossen. Fotograf Frank Hurley machte damals Aufnahmen des im Eis untergehenden Schiffs, die bis heute nichts an ihrer Faszination eingebüßt haben. Vielen bekannt sind auch die Worte des Kapitäns der Endurance, Frank Worsley, mit denen er das Sinken der Endurance in seinem Tagebuch festhielt:

„When one knows every nook and corner of one’s ship as we did, and has helped her time and again in the fight that she made so well, the actual parting was not without its pathos, quite apart from one’s own desolation, and I doubt if there was one amongst us who did not feel some personal emotion when Sir Ernest, standing on top of the lookout, said somewhat sadly and quietly, “She’s gone, boys.”“

Aufgrund der historischen Aufzeichnungen der Expedition ist sehr genau bekannt, wo die Endurance am 21. November 1915 versank: auf 69° 05′ südlicher Breite und 51° 30′ westlicher Länge. Etwa 3000 Meter tief ist das Weddellmeer hier, die noch größere Herausforderung bei der Suche liegt allerdings in der Eisbedeckung dieser Region. Das Weddellmeer ist in dieser Gegend nicht besonders häufig eisfrei, um es vorsichtig zu formulieren, die Bedingungen sind schwierig. 2019 musste eine Suche abgebrochen werden, damit das Forschungsschiff nicht der Endurance auf ihrem Weg in die Tiefe folgte.

Der jetzige Versuch geht vom Falklands Maritime Heritage Trust aus, das Forschungsschiff Agulhas II ist vor einigen Tagen von Kapstadt aufgebrochen. An Bord sind Unterwasser-Archäologen und Polarforscher, die das Wrack nicht nur finden, sondern natürlich kartieren und wenn möglich auch filmen wollen.

Für ihre Suche verwenden die Forscher Tauchroboter, die den Meeresgrund bis in eine Tiefe von 4000 Metern absuchen können. Die Forscher rechnen sich nicht nur gute Chancen aus, das Wrack wirklich zu finden, sondern es auch in einem guten Zustand vorzufinden: In dieser Gegend gab es nicht viel Bewegung am Meeresboden und es sinken auch nur sehr wenige Sedimente ab.

Deswegen hoffen die Forscher auch, noch einiges an der zurück gelassenen Ausrüstung bergen zu können, wie das Mikroskop, Probenbehälter und Fotoplatten. Man stelle sich vor, plötzlich gäbe es neue Bilder der Shackleton Expedition – 117 Jahre später. Unmöglich ist nichts, lehrt die Polargeschichte, man denke nur an die Fotos, die von der Andrée-Expedition entwickelt wurden, 30 Jahre nachdem man deren tragische Überreste auf Kvitøya gefunden hatte.

Zwei Jahre lang haben die Forscher geplant und vorbereitet. In wenigen Tagen werden sie im Weddellmeer eintreffen. Wir dürfen gespannt sein!

Und: Wer mit auf Schatzsuche gehen will, kann der Expedition auf der sehr schönen Webseite www.endurance22.org folgen.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz