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Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 61 – Ein Abend in der Hinlopenstraße

Manchmal bekommt man einfach so ein Geschenk von Spitzbergen. Wundersame Momente, die man nie vergessen wird, einfach so.

Einen solchen Moment durften wir 2019 erleben, mitten in der Hinlopenstraße, die vor uns lag wie ein Bergsee, so still, so ruhig. Die Sonne stand tief und machte alle Farben satt. Der Himmel, so blau. Die Luft, so klar. Vier Jahre lang machte ich damals schon Plastiksammlungen für das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung. Und die Zustände in der Hinlopenstraße begannen uns immer mehr zu interessieren. Weil wir hier an mehreren Stränden so unglaublich viel Müll gefunden hatten, das an den Basaltfelsen hängenblieb und die schwarzen Klippen bunt dekorierte.

An jenem Tag verließen wir gerade die Wahlberginsel und fuhren in diesem wunderbar friedlichen Abendwetter quer über die Hinlopenstraße. Und wir schauten auf die Karte und suchten den kleinsten Tupfer aus, mittendrin. Und beschlossen, dort eine Abendlandung zu unternehmen, und diese Mini-Insel von Plastik zu befreien.
Als ich das den Gästen vorschlug, sprangen sie in ihre Landungsklamotten. Auch wenn sie eifrige Plastiksammler waren, glaube ich, dass an jenem Abend nicht das Plastik der Grund war, sondern einfach eben dieser Abend. Hier, mitten zwischen Spitzbergen und Nordaustlandet, auf einem winzigen Eiland noch einmal zu landen, das klang zu gut, um an Bord zu bleiben.

So machten wir uns auf, in unseren Schlauchbooten, fuhren zu der Insel und machten kaum Wellen in das flache Wasser, suchten und fanden gute Landestelle an den Basaltfelsen, hievten unser Sammlungs-Equipment an Land und machten uns auf die Suche. Und fanden beinahe nichts. Wie schön! Wie verwunderlich gleichzeitig, hatten wir doch ganz in der Nähe unsere traurigen Rekordfunde getan. 1100 Quadratmeter war unsere einsame Insel groß, keine Palme darauf, ganz und gar aus Basalt. Wir vermuteten, dass das Inselchen regelmäßig überspült wurde und der Müll sich nicht daran festhalten konnte. Nur 65 Müllteile fanden wir, kaum ein Kilo schwer, die unvermeidbaren Teile von Fischernetzen, Seilen und anderen Fischereigegenständen.

Irgendwann hatten wir die Insel vermessen und jedes Fitzelchen Müll in einen Sack gesteckt. Und dann senkte sich Frieden über uns. Wohl jedem von uns war gewahr, wo wir uns hier befanden. Mitten in der Hinlopenstraße, die wirklich nicht immer so ruhig herumlag wie jetzt gerade. Was haben wir hier schon erlebt. Diese Straße kann zu einem Windtunnel werden, in denen die Böen das Schiff 40 Grad krängen. Es kann ein so dicker Nebel hier die Sicht verkleistern, dass es besser ist, irgendwo festzumachen und zu warten. Und schließlich haben wir hier schon so oft umdrehen müssen, weil Eisschollen den Weg versperrten, auch spät im Sommer manches Mal noch.

Heute aber, kein Sturm, kein Nebel, kein Eis. Einer nach dem anderen setzte sich auf die Felsen nieder und wir wurden so still wie das Meer. Leise plitschten manchmal kleine Wellen gegen die Felsen, ab und an zogen schreiende Vögel über uns hinweg. Wir schauten hinüber nach Nordaustlandet, auf das große Eisplateau, das meine Blicke immer wieder anzieht wie ein Magnet. Es schimmerte rosa im Abendlicht, so kitschig kann nur die Arktis sein, mit ihren so lieblichen Pastellfarben, in die sie in Momenten wie diesen alles anmalt.

So saßen wir da, eine ganze Weile, weit oben im Norden auf unserem Globus, weit, weit weg von allen anderen Menschen, inmitten einer Natur, die uns vollkommen anfüllte mit ihrer Schönheit. Demut und Dankbarkeit spürt man hinterher, wenn man wieder an Deck springt und noch einmal hinüber blickt auf dieses Eiland, wie es nun wieder verlassen daliegt, die dunklen Felsen im blauen Meer. Unsere Welt, so unfassbar schön. Solche Momente vergisst man nie.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

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An jenem Tag verließen wir gerade die Wahlberginsel und fuhren in diesem wunderbar friedlichen Abendwetter quer über die Hinlopenstraße. Und wir schauten auf die Karte und suchten den kleinsten Tupfer aus, mittendrin. Und beschlossen, dort eine Abendlandung zu unternehmen, und diese Mini-Insel von Plastik zu befreien.
Als ich das den Gästen vorschlug, sprangen sie in ihre Landungsklamotten. Auch wenn sie eifrige Plastiksammler waren, glaube ich, dass an jenem Abend nicht das Plastik der Grund war, sondern einfach eben dieser Abend. Hier, mitten zwischen Spitzbergen und Nordaustlandet, auf einem winzigen Eiland noch einmal zu landen, das klang zu gut, um an Bord zu bleiben.

So machten wir uns auf, in unseren Schlauchbooten, fuhren zu der Insel und machten kaum Wellen in das flache Wasser, suchten und fanden gute Landestelle an den Basaltfelsen, hievten unser Sammlungs-Equipment an Land und machten uns auf die Suche. Und fanden beinahe nichts. Wie schön! Wie verwunderlich gleichzeitig, hatten wir doch ganz in der Nähe unsere traurigen Rekordfunde getan. 1100 Quadratmeter war unsere einsame Insel groß, keine Palme darauf, ganz und gar aus Basalt. Wir vermuteten, dass das Inselchen regelmäßig überspült wurde und der Müll sich nicht daran festhalten konnte. Nur 65 Müllteile fanden wir, kaum ein Kilo schwer, die unvermeidbaren Teile von Fischernetzen, Seilen und anderen Fischereigegenständen.

Irgendwann hatten wir die Insel vermessen und jedes Fitzelchen Müll in einen Sack gesteckt. Und dann senkte sich Frieden über uns. Wohl jedem von uns war gewahr, wo wir uns hier befanden. Mitten in der Hinlopenstraße, die wirklich nicht immer so ruhig herumlag wie jetzt gerade. Was haben wir hier schon erlebt. Diese Straße kann zu einem Windtunnel werden, in denen die Böen das Schiff 40 Grad krängen. Es kann ein so dicker Nebel hier die Sicht verkleistern, dass es besser ist, irgendwo festzumachen und zu warten. Und schließlich haben wir hier schon so oft umdrehen müssen, weil Eisschollen den Weg versperrten, auch spät im Sommer manches Mal noch.

Heute aber, kein Sturm, kein Nebel, kein Eis. Einer nach dem anderen setzte sich auf die Felsen nieder und wir wurden so still wie das Meer. Leise plitschten manchmal kleine Wellen gegen die Felsen, ab und an zogen schreiende Vögel über uns hinweg. Wir schauten hinüber nach Nordaustlandet, auf das große Eisplateau, das meine Blicke immer wieder anzieht wie ein Magnet. Es schimmerte rosa im Abendlicht, so kitschig kann nur die Arktis sein, mit ihren so lieblichen Pastellfarben, in die sie in Momenten wie diesen alles anmalt.

So saßen wir da, eine ganze Weile, weit oben im Norden auf unserem Globus, weit, weit weg von allen anderen Menschen, inmitten einer Natur, die uns vollkommen anfüllte mit ihrer Schönheit. Demut und Dankbarkeit spürt man hinterher, wenn man wieder an Deck springt und noch einmal hinüber blickt auf dieses Eiland, wie es nun wieder verlassen daliegt, die dunklen Felsen im blauen Meer. Unsere Welt, so unfassbar schön. Solche Momente vergisst man nie.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz