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Wenn das Licht zuück kommt in Spitzbergen, Birgit Lutz
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Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 10 – Wenn das Licht kommt

Jetzt kommt das Licht zurück. Schwarzweiß waren die vergangenen Monate. Die Hänge weiß, der Himmel schwarz, der Mond weiß. Menschen sah man nur als silbrige Silhouetten. Wenn auch der Mond noch fort war, so sah man nichts mehr, kaum war man aus dem Ort heraus. So ist die Polarnacht in Longyearbyen.

Wenn Schnee liegt und der Mond scheint, kann diese Nacht zwar farblos, aber doch taghell sein. Wenn kein Schnee liegt oder der Mond fehlt, scheint die Dunkelheit gegenständlich, sie sieht so dick und schwarz aus, als könne man sie anfassen; sie verschluckt die Welt in sich und alles was mehr als zwei Meter weg ist, gibt es nicht mehr – so scheint es an manchen dieser Tage, die keine sind.

Später im Winter gibt es mittags helle Streifen am Firmament, langsam malen sich Lichter in den Himmel. Die Luft wird blau, die Sonne bleibt unter dem Horizont, sie schickt nur helle Boten voraus.

Und dann kommt dieser Moment, dieser eine Moment, den alle Menschen des Nordens kennen. Der Moment, in dem die Sonne zum ersten Mal wieder Dein Gesicht berührt, in dem Du zum ersten Mal wieder Sonnenstrahlen auf der Haut spürst und die Augen schließen musst, nicht weil Dich Scheinwerfer im Dunkeln blenden, sondern weil die Sonne ihre Helligkeit mit aller Kraft auf Dich wirft.

Ich habe noch keine ganze Polarnacht erlebt, ich war immer nur kurz im Dunkeln. Aber ich habe Wochen auf Schiffen zugebracht, bei den Wintertouren in Nordnorwegen, ohne Sonnenstrahlen. Traumhafte Touren waren das, in der Dunkelzeit. Der Moment, in dem es dann passiert, wenn die Sonne endlich hoch genug steht, um über die hohen Berge in die dunklen Fjorde zu scheinen, in dem das Licht hereinflutet wie ein Lebensquell und alle Farben satt leuchten lässt, er ist dennoch eine unglaubliche Erfahrung.

Bei tiefen, schattigen Minusgraden spürt man sofort die Strahlen auf der Haut, das Gesicht reckt sich der Sonne entgegen und das Licht scheint einem durch die Adern in den letzten Winkel des Körpers hinein zu fließen und einen bald völlig auszufüllen. Der Licht- folgt eine Freudenwelle, Glück brandet durch die Glieder und mitten ins Herz hinein, man juchzt auf und freut sich und kann sich nicht sattsehen am Glitzern der Schneekristalle, in Licht getaucht, zum ersten Mal.

Die schattigen, stumpfen Farben der Sonnenlosigkeit sind Vergangenheit, der Himmel wirft sein Blau auf uns, die Häuser strahlen rot und gelb. Wie muss dieser Moment erst für Menschen sein, denen das Licht drei oder vier Monate fehlte?

In Longyearbyen war es vor vier Tagen so weit. Wegen der Lage zwischen den Tafelbergen dauert es jedes Jahr bis zum 8. März, bis die Sonne wieder über den Ort scheint. Es ist ein Festtag für den Ort, nein, mehr noch, eine ganze Festwoche wird um die Wiederkehr der Sonne jedes Jahr gebastelt.

Die Kinder bekommen Sonnenkostüme, die Einwohner versammeln sich auf und vor allem um die Stufen der alten Krankenhaustreppe, denn das ist der Platz, den die Sonne als einer der ersten wieder ins Licht taucht. Dann wird gesungen und gefeiert, an den Abenden gibt es Konzerte und in den Galerien Ausstellungen.

Es gibt ein ganz eigenes Programm für diese solfestuka, die Sonnenfestwoche, unter www.solfest.no – die jetzt noch andauert.

Das erste Gastspiel der Sonne war kurz, aber dann dauert es nicht mehr lange und sie bleibt den ganzen Tag über dem Horizont, so wie sie zuvor darunterblieb – am 18. April wird das schon so weit sein. Rasend schnell geht in diesen hohen Breiten der Wechsel vonstatten, der Übergang von Polarnacht zum Polartag, der Zeit der ewig währenden Sonne – und dann kommt irgendwann der Moment, in dem man denkt, was wäre es doch schön, wenn endlich mal das Licht aus wäre, wenn man müde würde, wenn die Augen nicht immer in dieses Gleißen blicken und blinzeln müssten, wenn es schwarz wäre, um einen herum, wenn man keine Verdunklungsmatten an die Fenster kleben müsste, um sich selber eine Nacht vorzumachen.

Wie gut, dass sie beide nicht ewig währen, die Polarnacht ebenso wenig wie der Polartag, und wie wunderbar doch, dass es sie gibt!

Es wird heller und heller!

Bis nächste Woche,

Ihre

Birgit Lutz

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Wenn Schnee liegt und der Mond scheint, kann diese Nacht zwar farblos, aber doch taghell sein. Wenn kein Schnee liegt oder der Mond fehlt, scheint die Dunkelheit gegenständlich, sie sieht so dick und schwarz aus, als könne man sie anfassen; sie verschluckt die Welt in sich und alles was mehr als zwei Meter weg ist, gibt es nicht mehr – so scheint es an manchen dieser Tage, die keine sind.

Später im Winter gibt es mittags helle Streifen am Firmament, langsam malen sich Lichter in den Himmel. Die Luft wird blau, die Sonne bleibt unter dem Horizont, sie schickt nur helle Boten voraus.

Und dann kommt dieser Moment, dieser eine Moment, den alle Menschen des Nordens kennen. Der Moment, in dem die Sonne zum ersten Mal wieder Dein Gesicht berührt, in dem Du zum ersten Mal wieder Sonnenstrahlen auf der Haut spürst und die Augen schließen musst, nicht weil Dich Scheinwerfer im Dunkeln blenden, sondern weil die Sonne ihre Helligkeit mit aller Kraft auf Dich wirft.

Ich habe noch keine ganze Polarnacht erlebt, ich war immer nur kurz im Dunkeln. Aber ich habe Wochen auf Schiffen zugebracht, bei den Wintertouren in Nordnorwegen, ohne Sonnenstrahlen. Traumhafte Touren waren das, in der Dunkelzeit. Der Moment, in dem es dann passiert, wenn die Sonne endlich hoch genug steht, um über die hohen Berge in die dunklen Fjorde zu scheinen, in dem das Licht hereinflutet wie ein Lebensquell und alle Farben satt leuchten lässt, er ist dennoch eine unglaubliche Erfahrung.

Bei tiefen, schattigen Minusgraden spürt man sofort die Strahlen auf der Haut, das Gesicht reckt sich der Sonne entgegen und das Licht scheint einem durch die Adern in den letzten Winkel des Körpers hinein zu fließen und einen bald völlig auszufüllen. Der Licht- folgt eine Freudenwelle, Glück brandet durch die Glieder und mitten ins Herz hinein, man juchzt auf und freut sich und kann sich nicht sattsehen am Glitzern der Schneekristalle, in Licht getaucht, zum ersten Mal.

Die schattigen, stumpfen Farben der Sonnenlosigkeit sind Vergangenheit, der Himmel wirft sein Blau auf uns, die Häuser strahlen rot und gelb. Wie muss dieser Moment erst für Menschen sein, denen das Licht drei oder vier Monate fehlte?

In Longyearbyen war es vor vier Tagen so weit. Wegen der Lage zwischen den Tafelbergen dauert es jedes Jahr bis zum 8. März, bis die Sonne wieder über den Ort scheint. Es ist ein Festtag für den Ort, nein, mehr noch, eine ganze Festwoche wird um die Wiederkehr der Sonne jedes Jahr gebastelt.

Die Kinder bekommen Sonnenkostüme, die Einwohner versammeln sich auf und vor allem um die Stufen der alten Krankenhaustreppe, denn das ist der Platz, den die Sonne als einer der ersten wieder ins Licht taucht. Dann wird gesungen und gefeiert, an den Abenden gibt es Konzerte und in den Galerien Ausstellungen.

Es gibt ein ganz eigenes Programm für diese solfestuka, die Sonnenfestwoche, unter www.solfest.no – die jetzt noch andauert.

Das erste Gastspiel der Sonne war kurz, aber dann dauert es nicht mehr lange und sie bleibt den ganzen Tag über dem Horizont, so wie sie zuvor darunterblieb – am 18. April wird das schon so weit sein. Rasend schnell geht in diesen hohen Breiten der Wechsel vonstatten, der Übergang von Polarnacht zum Polartag, der Zeit der ewig währenden Sonne – und dann kommt irgendwann der Moment, in dem man denkt, was wäre es doch schön, wenn endlich mal das Licht aus wäre, wenn man müde würde, wenn die Augen nicht immer in dieses Gleißen blicken und blinzeln müssten, wenn es schwarz wäre, um einen herum, wenn man keine Verdunklungsmatten an die Fenster kleben müsste, um sich selber eine Nacht vorzumachen.

Wie gut, dass sie beide nicht ewig währen, die Polarnacht ebenso wenig wie der Polartag, und wie wunderbar doch, dass es sie gibt!

Es wird heller und heller!

Bis nächste Woche,

Ihre

Birgit Lutz