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Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 105 – Der globale Gefrierschrank wird kleiner

In der Antarktis ist es kalt, klar. Aber der Bereich, in dem die Temperaturen immer unter Null Grad Celsius liegen, wird rasant kleiner. So schnell wie nirgendwo anders bewegt sich die Temperaturgrenze hier, in diesem Fall nach Süden.

Auch im neuen Jahr kann ich erst einmal nicht mit guten Neuigkeiten aufwarten, denn eine der ersten Nachrichten, die mir auf den Tisch flatterten, waren die Ergebnisse von Forschern des schweizerischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF: Diese haben die Erwärmung der Antarktis einmal auf andere Weise unter die Lupe genommen; sie haben untersucht, wo die Null-Grad-Grenze verläuft und wie sich diese verschiebt. Wenig verwunderlich haben sie dabei herausgefunden, dass sie sich immer weiter nach Süden bewegt, dass also, salopp gesagt, der Bereich, in dem es immer kalt ist, immer kleiner wird. Und nicht nur das: So wie die Gletscher im Norden nicht nur schmelzen, sondern immer rasanter schmelzen, bewegt sich auch diese Grenze immer schneller.

Das schauen wir uns mal genauer an, und zwar erst einmal, was diese Grenze oder die Null-Grad-Isotherme eigentlich ist. Isotherme muss man sich vorstellen wie Linien auf der Landkarte, ähnlich Höhenlinien. Nur zeigen die Isotherme anstelle von Orten mit der gleichen Höhe Orte mit der gleichen Temperatur an. So einfach ist das.
Temperaturen schwanken ja, deswegen beziehen sich Isotherme in der Regel auf Durchschnittswerte. Die 10-Grad-Juli-Isotherme markiert in der Arktis beispielsweise die Grenze, ab der man nördlich davon von arktischem Klima spricht: Also die Region, in der der Durchschnittswert im Juli nicht über 10 Grad Plus ansteigt. Diese Grenze bewegt sich rasant nach Norden, weil es in der Arktis immer wärmer wird.

Die Null-Grad-Isotherme in der Antarktis nun zeigt also die Grenze an, ab der südlich davon die Temperaturen im Jahresmittel unter dem Gefrierpunkt liegen. Das ist ein bislang riesiger Bereich rund um den Südpol. Erst langsam, jetzt aber immer schneller, wird dieser Bereich, dieser Kühlschrank der Erde, immer kleiner.

Der SLF-Wissenschaftler Sergi Gonzàlez-Herrero hat herausgefunden, dass sich diese Isotherme von 1957 bis 2020 im Durchschnitt 16,8 Kilometer pro Jahrzehnt bewegt hat. Er hat außerdem die weitere Bewegung in verschiedenen Klimaszenarien nachgerechnet: „Wir erwarten künftig je nach Klimaszenario einen Wert zwischen 24 und 69 Kilometern pro Jahrzehnt“, prognostiziert der Forscher. Dementsprechend erwartet er Kettenreaktionen mit negativen Folgen für Umwelt und Wirtschaft: „Weil sich die Null-Grad-Isotherme Richtung Süden verschiebt, verändern sich die Wechselwirkungen zwischen Ozean und Atmosphäre“, sagt Gonzàlez-Herrero.

Noch stärker sind die Effekte an Land, vor allem auf der antarktischen Halbinsel, die sich weit nördlich vom restlichen Kontinent erstreckt. Dort erwartet der Forscher, dass sich in Zukunft die Wetterphänomene ändern: Mehr Regen und Schneeregen tritt dann anstelle von von reinem Schneefall auf – mit negativen Folgen beispielsweise für Gletscher und Eisschilde.

Schmilzt mehr Eis auf dem Meer, schwindet damit auch der Sonnenschutz: Die dunkleren Wasserflächen absorbieren mehr Wärme, während Schnee- und Eisflächen mehr Wärme in die Atmosphäre reflektieren. Verschwinden diese weißen Flächen, erwärmt sich das Wasser stärker als bisher, wodurch wiederum mehr Eis schneller schmilzt und ein sich selbst verstärkender Kreislauf eintritt. Diese Prozesse haben schon lange begonnen. Phänomene wie diese führen dazu, dass sich die Erde an den Polgebieten deutlich schneller erwärmt als anderswo, man spricht dabei von der Polaren Verstärkung.

 

Was bedeutet das nun für das Leben in der Antarktis? Ja, auch dort gibt es Leben!
Für die Pinguine beispielsweise ist Matsch und Regen gar nicht gut, legen sie doch ihre Eier in kleine Stein-Nester auf Schnee – und das klappt alles am besten, wenn der Schnee fest und die Luft kalt ist, die Nester also nicht im Schnee verschmelzen und die Küken nicht im Schlamm sitzen müssen, was ganze Populationen gefährden kann.

Außerdem könnten mit dem Verschieben der Gefriergrenze plötzlich auch nicht einheimische Arten, die weniger kälteresistent sind, auf den Kontinent einwandern und den bisherigen gut angepassten Tieren ihren Lebensraum streitig machen. „Heimische fleischfressende Arten wie Pinguine, Robben und Wale hingegen müssten sich neue Regionen zum Leben suchen, wo sie die für sie idealen Umweltbedingungen und ausreichen Beutetiere vorfinden“, sagt Gonzàlez-Herrero. Ein unwesentlicher Randaspekt dieser Entwicklung wird sein, dass Touristen irgendwann nicht mehr zuverlässig mit Pinguinen an bestimmten Stellen der Halbinsel rechnen können werden, wie das heute noch der Fall ist.

Bedeutsamer ist folgender Umstand: Wenn das Eis schwindet, tauchen im Süden wie im Norden neue Begehrlichkeiten auf und politische Spannungen im Hinblick auf die Aufteilung der besser zugänglichen Bodenschätze und Fischgründe sind vorprogrammiert. Auch dieser Prozess ist in vollem Gang. Wie schnell er sich weiterentwickelt, wird davon abhängen, wie stark die globalen Temperaturen künftig weiter steigen.

Das Jahr ist noch jung, es kann noch besser werden!
Tun wir also, was wir können.

Eure
Birgit Lutz

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Auch im neuen Jahr kann ich erst einmal nicht mit guten Neuigkeiten aufwarten, denn eine der ersten Nachrichten, die mir auf den Tisch flatterten, waren die Ergebnisse von Forschern des schweizerischen Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF: Diese haben die Erwärmung der Antarktis einmal auf andere Weise unter die Lupe genommen; sie haben untersucht, wo die Null-Grad-Grenze verläuft und wie sich diese verschiebt. Wenig verwunderlich haben sie dabei herausgefunden, dass sie sich immer weiter nach Süden bewegt, dass also, salopp gesagt, der Bereich, in dem es immer kalt ist, immer kleiner wird. Und nicht nur das: So wie die Gletscher im Norden nicht nur schmelzen, sondern immer rasanter schmelzen, bewegt sich auch diese Grenze immer schneller.

Das schauen wir uns mal genauer an, und zwar erst einmal, was diese Grenze oder die Null-Grad-Isotherme eigentlich ist. Isotherme muss man sich vorstellen wie Linien auf der Landkarte, ähnlich Höhenlinien. Nur zeigen die Isotherme anstelle von Orten mit der gleichen Höhe Orte mit der gleichen Temperatur an. So einfach ist das.
Temperaturen schwanken ja, deswegen beziehen sich Isotherme in der Regel auf Durchschnittswerte. Die 10-Grad-Juli-Isotherme markiert in der Arktis beispielsweise die Grenze, ab der man nördlich davon von arktischem Klima spricht: Also die Region, in der der Durchschnittswert im Juli nicht über 10 Grad Plus ansteigt. Diese Grenze bewegt sich rasant nach Norden, weil es in der Arktis immer wärmer wird.

Die Null-Grad-Isotherme in der Antarktis nun zeigt also die Grenze an, ab der südlich davon die Temperaturen im Jahresmittel unter dem Gefrierpunkt liegen. Das ist ein bislang riesiger Bereich rund um den Südpol. Erst langsam, jetzt aber immer schneller, wird dieser Bereich, dieser Kühlschrank der Erde, immer kleiner.

Der SLF-Wissenschaftler Sergi Gonzàlez-Herrero hat herausgefunden, dass sich diese Isotherme von 1957 bis 2020 im Durchschnitt 16,8 Kilometer pro Jahrzehnt bewegt hat. Er hat außerdem die weitere Bewegung in verschiedenen Klimaszenarien nachgerechnet: „Wir erwarten künftig je nach Klimaszenario einen Wert zwischen 24 und 69 Kilometern pro Jahrzehnt“, prognostiziert der Forscher. Dementsprechend erwartet er Kettenreaktionen mit negativen Folgen für Umwelt und Wirtschaft: „Weil sich die Null-Grad-Isotherme Richtung Süden verschiebt, verändern sich die Wechselwirkungen zwischen Ozean und Atmosphäre“, sagt Gonzàlez-Herrero.

Noch stärker sind die Effekte an Land, vor allem auf der antarktischen Halbinsel, die sich weit nördlich vom restlichen Kontinent erstreckt. Dort erwartet der Forscher, dass sich in Zukunft die Wetterphänomene ändern: Mehr Regen und Schneeregen tritt dann anstelle von von reinem Schneefall auf – mit negativen Folgen beispielsweise für Gletscher und Eisschilde.

Schmilzt mehr Eis auf dem Meer, schwindet damit auch der Sonnenschutz: Die dunkleren Wasserflächen absorbieren mehr Wärme, während Schnee- und Eisflächen mehr Wärme in die Atmosphäre reflektieren. Verschwinden diese weißen Flächen, erwärmt sich das Wasser stärker als bisher, wodurch wiederum mehr Eis schneller schmilzt und ein sich selbst verstärkender Kreislauf eintritt. Diese Prozesse haben schon lange begonnen. Phänomene wie diese führen dazu, dass sich die Erde an den Polgebieten deutlich schneller erwärmt als anderswo, man spricht dabei von der Polaren Verstärkung.

 

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Für die Pinguine beispielsweise ist Matsch und Regen gar nicht gut, legen sie doch ihre Eier in kleine Stein-Nester auf Schnee – und das klappt alles am besten, wenn der Schnee fest und die Luft kalt ist, die Nester also nicht im Schnee verschmelzen und die Küken nicht im Schlamm sitzen müssen, was ganze Populationen gefährden kann.

Außerdem könnten mit dem Verschieben der Gefriergrenze plötzlich auch nicht einheimische Arten, die weniger kälteresistent sind, auf den Kontinent einwandern und den bisherigen gut angepassten Tieren ihren Lebensraum streitig machen. „Heimische fleischfressende Arten wie Pinguine, Robben und Wale hingegen müssten sich neue Regionen zum Leben suchen, wo sie die für sie idealen Umweltbedingungen und ausreichen Beutetiere vorfinden“, sagt Gonzàlez-Herrero. Ein unwesentlicher Randaspekt dieser Entwicklung wird sein, dass Touristen irgendwann nicht mehr zuverlässig mit Pinguinen an bestimmten Stellen der Halbinsel rechnen können werden, wie das heute noch der Fall ist.

Bedeutsamer ist folgender Umstand: Wenn das Eis schwindet, tauchen im Süden wie im Norden neue Begehrlichkeiten auf und politische Spannungen im Hinblick auf die Aufteilung der besser zugänglichen Bodenschätze und Fischgründe sind vorprogrammiert. Auch dieser Prozess ist in vollem Gang. Wie schnell er sich weiterentwickelt, wird davon abhängen, wie stark die globalen Temperaturen künftig weiter steigen.

Das Jahr ist noch jung, es kann noch besser werden!
Tun wir also, was wir können.

Eure
Birgit Lutz