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Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 107 – Warum Gletscher wichtig sind

Wer in die Arktis reist, will Gletscher sehen – weil sie schön sind. Doch diese Eismassen sind viel mehr als nur schön anzusehen: Sie haben enorme Auswirkungen auf das Ökosystem.

Die Zeit vor großen Gletscherkanten zählt auf jeder Arktis- oder Antarktisreise ohne Frage zu den absoluten Höhepunkten. Die Ausmaße, die Farben, und manchmal dann auch noch gewaltige Abbrüche, Kalbungen genannt – all das ist wundervoll anzusehen und so anders als alles, was man sonst in der Natur sieht. Umso trauriger ist es für wiederkehrende Arktisreisende zu bemerkten, wie sich die Gletscher schneller und immer schneller zurückziehen. Und ein besonders eindrücklicher Moment ist gekommen, wenn Gletscher, die einst weit in den Fjorden endeten, soweit abgeschmolzen sind, dass ihr Ende nun schon an Land liegt.

Damit ist jedoch nicht nur eine touristische Attraktion dahin. Es ist für das Leben in einem Fjord, das Leben im Wasser eines Fjords, ganz und gar nicht egal, ob ein Gletscher an Land oder im Wasser endet. Der Grund liegt in der unterschiedlichen Weise, in der das Schmelzwasser von diesen Gletschern abfließt.

Nehmen wir einen Gletscher, der im Wasser eines Fjords endet: Bei ihm fließt das Wasser an vielen Stellen ab: von oben, in Form von Wasserfällen, in allen möglichen Höhen des Gletschers in Schmelzwasserkanälen, oder auch unter dem Gletscher in kleinen und großen Flüssen. Besonders der letztere Abfluss ist interessant: Denn bei diesem fließt das Schmelzwasser also unter dem Eis in den Fjord hinein. Schmelzwasser ist natürlich Süßwasser und damit leichter als das Salzwasser des Meers. Das Süßwasser will also, sobald es an der Gletscherunterkante entlang bis zur Abbruchkante geflossen ist, nach oben; es gibt einen Auftrieb. Und der wirbelt auch viele Nährstoffe nach oben, die sich im Wasser in Bodennähe befinden, oder die auch mit dem Schmelzwasser erst in den Fjord eingespült werden.

Diese Nährstoffe sorgen dann an der Meeresoberfläche, an der es auch hell genug ist, dafür, dass mikroskopische Algen wachsen können und dass Kleinstlebewesen und Fische etwas zu fressen haben – dass eben überhaupt Leben entsteht, Meeresbiologen sagen: dass das Meer hier produktiv ist.

Es ist also kein Zufall, dass man vor Gletscherkanten häufig so viele Vögel sieht, die dort immer wieder ins Wasser tauchen, mit kleinen Fischen im Schnabel, dass man vor Gletschern häufig Robben oder Eisbären antrifft. Es gibt dort einfach richtig viel zu fressen.

Was passiert aber nun, wenn der Gletscher schon an Land endet? Nun, dann passiert eben genau das, was im vorher beschrieben Fall für den Auftrieb der Nährstoffe sorgt, nicht: Noch immer fließt von dem weiter schmelzenden Gletscher Wasser ab. Das erreicht den Fjord aber nur noch, indem es einfach in ihn einfließt. Und weil das süße Wasser leichter ist als das salzige, führt das in diesem Fall dazu, dass sich das süße Wasser wie ein Deckel oben auf das salzige drauflegt.

Die Durchmischung passiert nicht, es wirbeln keine neuen Nährstoffe nach oben. Die Nährstoffe, die es gibt, werden schnell aufgebraucht, und dann kommt nichts mehr nach – was weg ist, ist weg. Dem Fjord fehlt nun also dieser besondere Gletschereffekt, der vorher gegeben war, als der Gletscher noch im Wasser endete.

Was das für ganze Fjordsysteme bedeutet, wird derzeit in der Wissenschaft noch breit diskutiert: was es für Auswirkungen hat, dass sich eine so stabile oberste Schicht bildet. Man weiß es noch nicht.

Aber die Gletscher und ihre Schmelze sind ein Beispiel dafür, welch weitreichende Folgen solche Veränderungen nach sich ziehen, Folgen, von denen die meisten Menschen noch nie gehört haben. Auf unseren Reisen versuchen wir, genau solche Dinge zu erklären, die man sich zuhause nur schwer vorstellen kann. Wenn wir Wasserproben nehmen und genau diese Schichtung ablesen können und dann darüber sprechen, warum diese Schichtung so zustande kommt, während wir mitten in dieser Arktistapete drinstehen – das vergisst man dann nie.

Die Erklärung dieser Zusammenhänge gehört für mich ebenso oder noch mehr zu den Reisen wie all die schönen, wunderbaren Momente, die wir auch erleben. Die richtige Mischung machts eben!

Bald geht’s wieder los!

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

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Damit ist jedoch nicht nur eine touristische Attraktion dahin. Es ist für das Leben in einem Fjord, das Leben im Wasser eines Fjords, ganz und gar nicht egal, ob ein Gletscher an Land oder im Wasser endet. Der Grund liegt in der unterschiedlichen Weise, in der das Schmelzwasser von diesen Gletschern abfließt.

Nehmen wir einen Gletscher, der im Wasser eines Fjords endet: Bei ihm fließt das Wasser an vielen Stellen ab: von oben, in Form von Wasserfällen, in allen möglichen Höhen des Gletschers in Schmelzwasserkanälen, oder auch unter dem Gletscher in kleinen und großen Flüssen. Besonders der letztere Abfluss ist interessant: Denn bei diesem fließt das Schmelzwasser also unter dem Eis in den Fjord hinein. Schmelzwasser ist natürlich Süßwasser und damit leichter als das Salzwasser des Meers. Das Süßwasser will also, sobald es an der Gletscherunterkante entlang bis zur Abbruchkante geflossen ist, nach oben; es gibt einen Auftrieb. Und der wirbelt auch viele Nährstoffe nach oben, die sich im Wasser in Bodennähe befinden, oder die auch mit dem Schmelzwasser erst in den Fjord eingespült werden.

Diese Nährstoffe sorgen dann an der Meeresoberfläche, an der es auch hell genug ist, dafür, dass mikroskopische Algen wachsen können und dass Kleinstlebewesen und Fische etwas zu fressen haben – dass eben überhaupt Leben entsteht, Meeresbiologen sagen: dass das Meer hier produktiv ist.

Es ist also kein Zufall, dass man vor Gletscherkanten häufig so viele Vögel sieht, die dort immer wieder ins Wasser tauchen, mit kleinen Fischen im Schnabel, dass man vor Gletschern häufig Robben oder Eisbären antrifft. Es gibt dort einfach richtig viel zu fressen.

Was passiert aber nun, wenn der Gletscher schon an Land endet? Nun, dann passiert eben genau das, was im vorher beschrieben Fall für den Auftrieb der Nährstoffe sorgt, nicht: Noch immer fließt von dem weiter schmelzenden Gletscher Wasser ab. Das erreicht den Fjord aber nur noch, indem es einfach in ihn einfließt. Und weil das süße Wasser leichter ist als das salzige, führt das in diesem Fall dazu, dass sich das süße Wasser wie ein Deckel oben auf das salzige drauflegt.

Die Durchmischung passiert nicht, es wirbeln keine neuen Nährstoffe nach oben. Die Nährstoffe, die es gibt, werden schnell aufgebraucht, und dann kommt nichts mehr nach – was weg ist, ist weg. Dem Fjord fehlt nun also dieser besondere Gletschereffekt, der vorher gegeben war, als der Gletscher noch im Wasser endete.

Was das für ganze Fjordsysteme bedeutet, wird derzeit in der Wissenschaft noch breit diskutiert: was es für Auswirkungen hat, dass sich eine so stabile oberste Schicht bildet. Man weiß es noch nicht.

Aber die Gletscher und ihre Schmelze sind ein Beispiel dafür, welch weitreichende Folgen solche Veränderungen nach sich ziehen, Folgen, von denen die meisten Menschen noch nie gehört haben. Auf unseren Reisen versuchen wir, genau solche Dinge zu erklären, die man sich zuhause nur schwer vorstellen kann. Wenn wir Wasserproben nehmen und genau diese Schichtung ablesen können und dann darüber sprechen, warum diese Schichtung so zustande kommt, während wir mitten in dieser Arktistapete drinstehen – das vergisst man dann nie.

Die Erklärung dieser Zusammenhänge gehört für mich ebenso oder noch mehr zu den Reisen wie all die schönen, wunderbaren Momente, die wir auch erleben. Die richtige Mischung machts eben!

Bald geht’s wieder los!

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz