polar-schiffsreisen.de - eine Marke von Leguan Reisen
DSC_4536_Birgit_Lutz_BB
Picture of Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 108 – Neue Regeln auf Spitzbergen

Von 2025 gelten in Spitzbergen neue Regeln, die weitreichende Auswirkungen auf den dortigen Tourismus haben werden.

Dies ist nun ein Text, den ich lieber nie geschrieben hätte, aber im Grunde wusste man, dass es so kommen würde: Die norwegische Regierung führt von 2025 an neue Regeln auf Spitzbergen ein, die aus Naturschutzgründen den Tourismus regulieren sollen. Das klingt auf den ersten Blick erst einmal gut. Auf den zweiten, dritten und vierten Blick stellt man fest, dass vielleicht nicht unbedingt der Naturschutz die treibende Kraft hinter diesen Änderungen war.

Es gibt eine ganze Reihe neuer Regeln, ich werde hier vor allem auf die meiner Meinung nach weitreichendsten eingehen und die Änderungen etwas einordnen.

Bisher konnte man auf den Inseln beinahe überall hin; einige Gebiete waren aus gutem Grund gesperrt: Die Kong Karls Inseln beispielsweise, die Kinderstube der Eisbären. Vielerorts gab es saisonale Betretungsverbote während Brutzeiten von Säugetieren und Vögeln, es gab Abstandsregeln zu Vogelkolonien und Säugetieren und Vieles mehr. Guides und Schiffsbesatzungen müssen jedes Jahr wieder eine Prüfung zu all den Regeln ablegen. Kurz: Es wurde in Spitzbergen in der Vergangenheit schon ein regulierter Tourismus betrieben, mit sinnvollen Schutzvorschriften.

Aufgrund des seit etwa zehn Jahre eingesetzten großen Wachstums des Schiffstourismus war es jedoch in der Tat nötig geworden, einen neuen Umgang mit Schiffen zu finden. Einen sinnvollen neuen Umgang haben nicht wenige im Tourismus Tätige sogar selbst herbeigesehnt. Die neuen Regeln allerdings, die nun in Kraft treten sollen, verfehlen ihr Ziel.

Die weitreichendste Veränderung ist, dass künftig weite Teile Spitzbergens nicht mehr für den Tourismus zugänglich sind. Ein großer Teil der Landfläche Spitzbergens steht unter besonderem Schutz. Diese geschützten Gebiete werden bis auf 43 von der Regierung ausgewählte Plätze gesperrt. Diese Landeplätze müssen vorab (wie auch heute schon) gebucht werden, irgendwann im Frühjahr. Die Reiserouten der Schiffe stehen damit fest. Nun ist man in der Arktis auf große Flexibilität angewiesen. Konnte man früher, sollte an der gebuchten Landestelle zu viel Welle stehen, einfach ein Stück weiter an Land gehen, geht das künftig nicht mehr. Einfach irgendwo an Land zu gehen, wo man dachte, dort könnte es schön sein – so wie das vor allem kleine Schiffe taten – das geht dann sowieso gar nicht mehr.

Damit sind wir bei einer guten Nachricht: Für die größeren Schiffe mit etwa 100 bis 200 Gästen ändert sich relativ wenig, denn solche Schiffe laufen ohnehin vorwiegend Standardplätze an. Das soll nicht negativ klingen, denn auch diese „Standardplätze“ sind natürlich so schön, wie es in Spitzbergen nun mal ist. Es wird künftig, da es weniger Ausweichmöglichkeiten gibt, wohl öfter mal ein Landgang ausfallen, wenn das Wetter nicht mitspielt. Das ist auch nicht unbedingt schlimm, denn so kommen wenigstens all die Fachleute an Bord dazu, ihre vielen interessanten Vorträge zu halten, von denen die Gäste auf den weiteren Landgängen nur profitieren.

Was sich ändern wird, ist jedoch die Belastung dieser Plätze: Schon jetzt hat man an einigen Orten, beispielsweise dem bekannten Texas Bar, kaum noch gesunde Tundra zu sehen bekommen, die Landestelle ist weitläufig vollkommen zertrampelt. Das wird durch den Zwang, dort zu landen, natürlich nicht besser. Man könnte sagen, diese Plätze werden geopfert. Die Schönheit einer gesunden Tundra sieht dort aber niemand mehr.

Für die kleinen Schiffe ist die neue Regelung eine sehr schlechte Nachricht. Denn deren Spezialität war es ja gerade, abseits der Routen unterwegs zu sein. Mit wenigen Gästen konnte man so völlig unberührte Orte Spitzbergens besuchen und wenig bis keine Spuren hinterlassen, kann man doch bei einer geringen Gästezahl sehr genau kontrollieren, wohin der Einzelne tritt. Das ist vorbei. Auch die kleinen Schiffe dürfen nur noch zu den besagten 43 Plätzen. Einige dieser Schiffe haben deswegen Spitzbergen bereits aus ihren Reiseplänen genommen, die wunderbare Antigua beispielsweise.

Daran erkennt man nun schon, dass diese Regelung nicht unbedingt dem Naturschutz dient. Die kleinen gehen, die großen bleiben.

Eine weitere Gruppe, die in den jüngsten Jahren mehr und mehr zu einem Problem für die Natur geworden ist, bleibt zudem von den Regeln ganz ausgenommen: die Privatjachten. Mehr und mehr Segler kamen in die Inselgruppe, die wenig bis kein Wissen über die Besonderheiten der Arktis, bewusstes Verhalten im Gelände oder sinnvolle Abstandsregeln hatten. Nicht nur einmal habe ich beobachtet, wie Drohnen von Segeljachten aufstiegen und über Eisbären kreisten, was diese völlig verrückt macht, ein von uns gefundener Narwalzahn verschwand spurlos, der nur auf einer Jacht gelandet sein kann und dergleichen. Für Privatleute besteht aber weiterhin keine Pflicht, sich vorher mit Spitzbergen auseinanderzusetzen, und sie können beinahe überall landen, wo sie wollen.

Stutzig macht auch, dass eine andere Tourismus-Sparte auf Spitzbergen ebenfalls kaum nennenswerte neue Regeln bekommt: der Motorschlitten-Tourismus im Lichtwinter, bei dem ausgedehnte Ausflüge in die stille Landschaft unternommen werden. Auch dieser Tourismus ist in den jüngsten Jahren enorm gewachsen, von arktischer Stille ist in vielen Stunden in Longyearbyen nichts mehr zu hören, denn gruppenweise dröhnen dann die Ski-Doo-Fahrer hinaus und wieder zurück, bis zur Ostküste hinüber.

Wenn man sich dann anschaut, wer denn die verschiedenen Tourismus-Arten benutzt, wird man noch stutziger: Der Motorschlittentourismus wird von vielen Norwegern genutzt, die den schönen Lichtwinter Spitzbergens erleben wollen. Im Sommer dagegen fahren die meisten Norweger dorthin, wo wirklich Sommer ist, denn Winter haben sie ja genug.
Auf den Schiffen wird man selten norwegische Gäste finden, und die Unternehmen hinter den Schiffen sind allesamt nicht norwegisch. Man könnte deswegen auf die Idee kommen, dass der Naturschutz hier nur vorgeschoben ist, um in Wahrheit einen Tourismus loszuwerden, von dem Norwegen wenig hat.

Das würde zur ja ganz offen genannten Strategie der Norwegisierung Spitzbergens passen, die seit Jahren Nichtnorwegern das Leben in Longyearbyen schwer macht. Denn wir erinnern uns: Spitzbergen unterliegt dem Spitzbergenvertrag, es gehört nicht Norwegen. Nach diesem Vertrag haben alle unterzeichnenden Staaten dort die gleichen Rechte. Und wichtig: Norwegen hat laut diesem Vertrag sogar den Auftrag, aus Gründen des Umweltschutzes Maßnahmen zu ergreifen. Der Umweltschutz ist also der einzige Grund, mit dem man in Spitzbergen Regeln wie die jetzigen überhaupt rechtlich einführen darf.

Kommen die Regeln also, weil die norwegische Regierung sich tatsächlich um die Umwelt sorgt, nützen diese Regeln der Umwelt oder geht es in Wahrheit um etwas anderes?
Bei der Beantwortung dieser Frage können folgende Fakten helfen:
– Erst kürzlich hat die norwegische Regierung trotz weitreichender Proteste beschlossen, vom Nordatlantik bis Spitzbergen in der Barentssee ein Gebiet von 282.000 Quadratkilometern des Festlandsockels – vergleichsweise drei Viertel der Fläche Deutschlands – für die „Gewinnung von Mineralien auf dem Meeresboden“ freizugeben. Kupfer, Nickel, Kobalt und andere Mineralien wie seltene Erden sollen abgebaut und das Land so „weltweit führend im fakten- und wissensbasierten Management von Meeresbodenmineralien“ werden, wie es in einem Weißbuch der norwegischen Regierung heißt. Dass der UN-Hochkommissar für Menschenrechte vor den Risiken „systemischer Schäden“ und den Folgen für die Lebensgrundlagen, die von diesen Ökosystemen abhängen, gewarnt hat, lässt die norwegische Regierung unbeeindruckt, ebenso, dass Meereswissenschaftler den irreversiblen Verlust der biologischen Vielfalt und das Risiko einer Störung des Kohlenstoffkreislaufs in den Tiefseeökosystemen befürchten.
– Fischerei ist in den Schutzgebieten weiterhin erlaubt, unter anderem auch mit Grundschleppnetzen in der Hinlopenstraße.
– Norwegen ist eines der wenigen Länder, die für sich beanspruchen, weiterhin das Recht auf Walfang zu haben (ich lag in Longyearbyen einmal neben einem Walfänger, der einen Zwergwal an Bord hängen hatte) und betreibt eine so intensive Lachszucht, dass viele Fjorde Norwegens dauerhaft geschädigt sind, von der Tierquälerei in dieser Massentierhaltung, der Medikamentenbelastung, der Schädigung von natürlichen Beständen durch das Entwischen erkrankter Zuchtlachse einmal abgesehen.

Und dann gibt es noch einen Punkt, der einen doch darüber nachdenken lässt, ob all das nicht eine Strategie ist, zu viele Beobachter aus Spitzbergen fernzuhalten, weil doch irgendwann demnächst, wenn es noch ein bisschen wärmer ist, die erste Bohrinsel in Sichtweite der Gletscher aufgestellt werden soll, und solche Fotos machen sich nicht gut für das Image der Norweger als doch so umweltfreundliches, fortschrittliches, Elektroautos fahrendes Volk.
Auf diesen Zusammenhang kann man kommen, wenn man sich anschaut, wer denn nun schlussendlich hinter den neuen Regeln steht: Das ist der Klima- und Umweltminister Andreas Bjelland Eriksen. Er ist noch nicht so lange in diesem Amt, seit Herbst 2023 erst. Davor war er Staatssekretär im Ministerium für Erdöl und Energie.

Und wenn man Öl und Gas zusammenzählt, dann kommt wohl sowas dabei raus.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

Teilen :

Twitter
Telegram
WhatsApp
  • Alle Beiträge
  • News
  • Polar-Kolumne
Alle Beiträge
  • Alle Beiträge
  • News
  • Polar-Kolumne
Polar-Kolumne

Notizen aus dem Eis 114 | Hvaldimir darf nicht umziehen

Der kleine Hvaldimir ist wohl der berühmteste Beluga-Wal der Welt. Schon zweimal habe ich hier über ihn berichtet, und nun gibt es wieder Neues aus ...
ZUM ARTIKEL »
Polar-Kolumne

Notizen aus dem Eis 113 | Ein gutes Wal-Jahr?

Vielleicht haben die Wale Glück, dieses Jahr. Zumindest die, die rundum Island unterwegs sind. Vielleicht werden sie 2024 nur mit Kameras und nicht mit Harpunen ...
ZUM ARTIKEL »

Schreibe einen Kommentar

Weitere Notizen

Eisberg Nordische Notizen Birgit Lutz

Notizen aus dem Eis 1

Jede Woche eine kurze Reise Viele Orte werden von vielen Menschen einmal besucht. Weil sie schön sind, weil sie berühmt sind. Weil man sie irgendwie

Arktis Vortragsreihe

Vortragsreihe von Birgit Lutz und Rolf Stange

Die Polarexperten Birgit Lutz und Rolf Stange werden  in den kommenden Wochen jeweils mittwochs eine Vortragsreihe Arktis durchführen. Zu einer Zeit in der unsere Reisetätigkeit

Notizen aus dem Eis 108 – Neue Regeln auf Spitzbergen

Von 2025 gelten in Spitzbergen neue Regeln, die weitreichende Auswirkungen auf den dortigen Tourismus haben werden.

Dies ist nun ein Text, den ich lieber nie geschrieben hätte, aber im Grunde wusste man, dass es so kommen würde: Die norwegische Regierung führt von 2025 an neue Regeln auf Spitzbergen ein, die aus Naturschutzgründen den Tourismus regulieren sollen. Das klingt auf den ersten Blick erst einmal gut. Auf den zweiten, dritten und vierten Blick stellt man fest, dass vielleicht nicht unbedingt der Naturschutz die treibende Kraft hinter diesen Änderungen war.

Es gibt eine ganze Reihe neuer Regeln, ich werde hier vor allem auf die meiner Meinung nach weitreichendsten eingehen und die Änderungen etwas einordnen.

Bisher konnte man auf den Inseln beinahe überall hin; einige Gebiete waren aus gutem Grund gesperrt: Die Kong Karls Inseln beispielsweise, die Kinderstube der Eisbären. Vielerorts gab es saisonale Betretungsverbote während Brutzeiten von Säugetieren und Vögeln, es gab Abstandsregeln zu Vogelkolonien und Säugetieren und Vieles mehr. Guides und Schiffsbesatzungen müssen jedes Jahr wieder eine Prüfung zu all den Regeln ablegen. Kurz: Es wurde in Spitzbergen in der Vergangenheit schon ein regulierter Tourismus betrieben, mit sinnvollen Schutzvorschriften.

Aufgrund des seit etwa zehn Jahre eingesetzten großen Wachstums des Schiffstourismus war es jedoch in der Tat nötig geworden, einen neuen Umgang mit Schiffen zu finden. Einen sinnvollen neuen Umgang haben nicht wenige im Tourismus Tätige sogar selbst herbeigesehnt. Die neuen Regeln allerdings, die nun in Kraft treten sollen, verfehlen ihr Ziel.

Die weitreichendste Veränderung ist, dass künftig weite Teile Spitzbergens nicht mehr für den Tourismus zugänglich sind. Ein großer Teil der Landfläche Spitzbergens steht unter besonderem Schutz. Diese geschützten Gebiete werden bis auf 43 von der Regierung ausgewählte Plätze gesperrt. Diese Landeplätze müssen vorab (wie auch heute schon) gebucht werden, irgendwann im Frühjahr. Die Reiserouten der Schiffe stehen damit fest. Nun ist man in der Arktis auf große Flexibilität angewiesen. Konnte man früher, sollte an der gebuchten Landestelle zu viel Welle stehen, einfach ein Stück weiter an Land gehen, geht das künftig nicht mehr. Einfach irgendwo an Land zu gehen, wo man dachte, dort könnte es schön sein – so wie das vor allem kleine Schiffe taten – das geht dann sowieso gar nicht mehr.

Damit sind wir bei einer guten Nachricht: Für die größeren Schiffe mit etwa 100 bis 200 Gästen ändert sich relativ wenig, denn solche Schiffe laufen ohnehin vorwiegend Standardplätze an. Das soll nicht negativ klingen, denn auch diese „Standardplätze“ sind natürlich so schön, wie es in Spitzbergen nun mal ist. Es wird künftig, da es weniger Ausweichmöglichkeiten gibt, wohl öfter mal ein Landgang ausfallen, wenn das Wetter nicht mitspielt. Das ist auch nicht unbedingt schlimm, denn so kommen wenigstens all die Fachleute an Bord dazu, ihre vielen interessanten Vorträge zu halten, von denen die Gäste auf den weiteren Landgängen nur profitieren.

Was sich ändern wird, ist jedoch die Belastung dieser Plätze: Schon jetzt hat man an einigen Orten, beispielsweise dem bekannten Texas Bar, kaum noch gesunde Tundra zu sehen bekommen, die Landestelle ist weitläufig vollkommen zertrampelt. Das wird durch den Zwang, dort zu landen, natürlich nicht besser. Man könnte sagen, diese Plätze werden geopfert. Die Schönheit einer gesunden Tundra sieht dort aber niemand mehr.

Für die kleinen Schiffe ist die neue Regelung eine sehr schlechte Nachricht. Denn deren Spezialität war es ja gerade, abseits der Routen unterwegs zu sein. Mit wenigen Gästen konnte man so völlig unberührte Orte Spitzbergens besuchen und wenig bis keine Spuren hinterlassen, kann man doch bei einer geringen Gästezahl sehr genau kontrollieren, wohin der Einzelne tritt. Das ist vorbei. Auch die kleinen Schiffe dürfen nur noch zu den besagten 43 Plätzen. Einige dieser Schiffe haben deswegen Spitzbergen bereits aus ihren Reiseplänen genommen, die wunderbare Antigua beispielsweise.

Daran erkennt man nun schon, dass diese Regelung nicht unbedingt dem Naturschutz dient. Die kleinen gehen, die großen bleiben.

Eine weitere Gruppe, die in den jüngsten Jahren mehr und mehr zu einem Problem für die Natur geworden ist, bleibt zudem von den Regeln ganz ausgenommen: die Privatjachten. Mehr und mehr Segler kamen in die Inselgruppe, die wenig bis kein Wissen über die Besonderheiten der Arktis, bewusstes Verhalten im Gelände oder sinnvolle Abstandsregeln hatten. Nicht nur einmal habe ich beobachtet, wie Drohnen von Segeljachten aufstiegen und über Eisbären kreisten, was diese völlig verrückt macht, ein von uns gefundener Narwalzahn verschwand spurlos, der nur auf einer Jacht gelandet sein kann und dergleichen. Für Privatleute besteht aber weiterhin keine Pflicht, sich vorher mit Spitzbergen auseinanderzusetzen, und sie können beinahe überall landen, wo sie wollen.

Stutzig macht auch, dass eine andere Tourismus-Sparte auf Spitzbergen ebenfalls kaum nennenswerte neue Regeln bekommt: der Motorschlitten-Tourismus im Lichtwinter, bei dem ausgedehnte Ausflüge in die stille Landschaft unternommen werden. Auch dieser Tourismus ist in den jüngsten Jahren enorm gewachsen, von arktischer Stille ist in vielen Stunden in Longyearbyen nichts mehr zu hören, denn gruppenweise dröhnen dann die Ski-Doo-Fahrer hinaus und wieder zurück, bis zur Ostküste hinüber.

Wenn man sich dann anschaut, wer denn die verschiedenen Tourismus-Arten benutzt, wird man noch stutziger: Der Motorschlittentourismus wird von vielen Norwegern genutzt, die den schönen Lichtwinter Spitzbergens erleben wollen. Im Sommer dagegen fahren die meisten Norweger dorthin, wo wirklich Sommer ist, denn Winter haben sie ja genug.
Auf den Schiffen wird man selten norwegische Gäste finden, und die Unternehmen hinter den Schiffen sind allesamt nicht norwegisch. Man könnte deswegen auf die Idee kommen, dass der Naturschutz hier nur vorgeschoben ist, um in Wahrheit einen Tourismus loszuwerden, von dem Norwegen wenig hat.

Das würde zur ja ganz offen genannten Strategie der Norwegisierung Spitzbergens passen, die seit Jahren Nichtnorwegern das Leben in Longyearbyen schwer macht. Denn wir erinnern uns: Spitzbergen unterliegt dem Spitzbergenvertrag, es gehört nicht Norwegen. Nach diesem Vertrag haben alle unterzeichnenden Staaten dort die gleichen Rechte. Und wichtig: Norwegen hat laut diesem Vertrag sogar den Auftrag, aus Gründen des Umweltschutzes Maßnahmen zu ergreifen. Der Umweltschutz ist also der einzige Grund, mit dem man in Spitzbergen Regeln wie die jetzigen überhaupt rechtlich einführen darf.

Kommen die Regeln also, weil die norwegische Regierung sich tatsächlich um die Umwelt sorgt, nützen diese Regeln der Umwelt oder geht es in Wahrheit um etwas anderes?
Bei der Beantwortung dieser Frage können folgende Fakten helfen:
– Erst kürzlich hat die norwegische Regierung trotz weitreichender Proteste beschlossen, vom Nordatlantik bis Spitzbergen in der Barentssee ein Gebiet von 282.000 Quadratkilometern des Festlandsockels – vergleichsweise drei Viertel der Fläche Deutschlands – für die „Gewinnung von Mineralien auf dem Meeresboden“ freizugeben. Kupfer, Nickel, Kobalt und andere Mineralien wie seltene Erden sollen abgebaut und das Land so „weltweit führend im fakten- und wissensbasierten Management von Meeresbodenmineralien“ werden, wie es in einem Weißbuch der norwegischen Regierung heißt. Dass der UN-Hochkommissar für Menschenrechte vor den Risiken „systemischer Schäden“ und den Folgen für die Lebensgrundlagen, die von diesen Ökosystemen abhängen, gewarnt hat, lässt die norwegische Regierung unbeeindruckt, ebenso, dass Meereswissenschaftler den irreversiblen Verlust der biologischen Vielfalt und das Risiko einer Störung des Kohlenstoffkreislaufs in den Tiefseeökosystemen befürchten.
– Fischerei ist in den Schutzgebieten weiterhin erlaubt, unter anderem auch mit Grundschleppnetzen in der Hinlopenstraße.
– Norwegen ist eines der wenigen Länder, die für sich beanspruchen, weiterhin das Recht auf Walfang zu haben (ich lag in Longyearbyen einmal neben einem Walfänger, der einen Zwergwal an Bord hängen hatte) und betreibt eine so intensive Lachszucht, dass viele Fjorde Norwegens dauerhaft geschädigt sind, von der Tierquälerei in dieser Massentierhaltung, der Medikamentenbelastung, der Schädigung von natürlichen Beständen durch das Entwischen erkrankter Zuchtlachse einmal abgesehen.

Und dann gibt es noch einen Punkt, der einen doch darüber nachdenken lässt, ob all das nicht eine Strategie ist, zu viele Beobachter aus Spitzbergen fernzuhalten, weil doch irgendwann demnächst, wenn es noch ein bisschen wärmer ist, die erste Bohrinsel in Sichtweite der Gletscher aufgestellt werden soll, und solche Fotos machen sich nicht gut für das Image der Norweger als doch so umweltfreundliches, fortschrittliches, Elektroautos fahrendes Volk.
Auf diesen Zusammenhang kann man kommen, wenn man sich anschaut, wer denn nun schlussendlich hinter den neuen Regeln steht: Das ist der Klima- und Umweltminister Andreas Bjelland Eriksen. Er ist noch nicht so lange in diesem Amt, seit Herbst 2023 erst. Davor war er Staatssekretär im Ministerium für Erdöl und Energie.

Und wenn man Öl und Gas zusammenzählt, dann kommt wohl sowas dabei raus.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz