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Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 13 – Ein Osterhase am Nordpol

Jetzt ist es genau zehn Jahre her. Vor zehn Jahren habe ich meine zweite Skitour zum Nordpol gemacht, zusammen mit dem Schweizer Abenteurer Thomas Ulrich. Gestartet sind wir von der russischen Drifteisstation Barneo, der „warmen Insel im Eis“, so ihr Beiname. Barneo ist ein Ort, von dem ich nicht im Traum dachte, dass ich ihn einmal besuchen würde. Vielleicht gibt es ihn auch nie wieder, denn nun fällt die Barneo-Saison schon zum dritten Mal in Folge aus. 2019 wegen politischer Verwirrungen, 2020 und 2021 nun aus uns allseits bekannten Gründen. Wer weiß, was 2022 sein wird.

Barneo ist ein unwirklich erscheinender Ort. Nur Russen können einen Ort wie Barneo erschaffen, sie sind das einzige Land, das eine solche Station auf dem Drifteis des Arktischen Ozean unterhält. Ein gewaltiger Aufwand ist jedes Jahr nötig, diese Station zu errichten, für vier kurze Wochen im April, dann, wenn das Eis noch dick genug und es außerdem schon hell genug ist für ein solches Unterfangen.

Als ich zum ersten Mal in Barneo gelandet bin, war die Station noch nicht ganz fertig. Die Piloten zogen mich in ihr Zelt, ich sollte mit ihnen essen, 7 Löffel, ein Topf. Ich konnte wenig russisch, die Piloten wenig englisch. Sie zeigten mir Bilder von ihren Frauen, Kindern, Enkel, fragten mich nicht ob ich Kinder habe, sondern wie viele. Als ich sagte, gar keine, verstanden sie die Welt nicht mehr. Sie fanden mich zu dünn für eine Nordpol-Skitour und gaben mir nach dem Essen viel russische Schokolade und Wodka, sie erzählten mir von Karelien, das der wunderbarste Ort auf der Erde ist und luden mich ein, zum Fischen zu kommen.

Weil ich auf meinen Arktistouren immer wieder sehr nette Menschen treffe, die mir, genau wie diese netten Piloten, Gutes tun, habe ich immer Geschenke dabei. Landestypische Geschenke mit Vorliebe, ich möchte ja immer was von mir geben. Zum Glück wohne ich in Bayern, der bayerische Souvenirfundus ist da ja unerschöpflich, und es gibt auch schöne Sachen. Ein jodelnder Lederhosen-Teddybär mit Gamsbarthut kam in Norwegen zum Beispiel sehr gut an; zumindest beim beschenkten Kind.

Im Fall von Barneo aber gab es einen noch besseren Geschenke-Anlass: Es war kurz vor Ostern. Also hatte ich österliche Geschenke dabei, unter anderem bei uns sehr bekannte in Goldpapier eingewickelte Osterhasen, und gleich eine ganze Armee davon. Höfliche Verwirrung stand in den Gesichtern, als ich den Männern etwas unvermittelt goldene Hasen überreichte (warum schenkt sie uns am Nordpol Hasen???! Warum haben sie Glocken um?! Und was müssen wir jetzt machen?) – denn tatsächlich ist der Osterhase bisher an Russland weiträumig vorbei gehoppelt.

Mein Gedanke, in Russland werde Ostern mit den gleichen Symbolen wie in Deutschland gefeiert, erwies sich in Bezug auf den Löffelmann als vollkommener Irrglaube.

Die Ostereier, die es auch in Russland gibt, bringt da einfach wie immer die Henne – beziehungsweise, es ist vollkommen bedeutungslos, wo die Eier herkommen, denn sie werden auch nicht versteckt, sondern verschenkt. Man verziert sie kunstvoll, lässt sie segnen und überreicht sie lieben Menschen.

Die Eier haben dabei sogar einige magische Kräfte – ein gesegnetes Ei im Haus soll böse Geister, Missernten oder Hagelschäden fernhalten, zum Beispiel, deswegen sind in manchen Häusern ganzjährig Eier zu finden. Dann allerdings oft, wie die berühmten, sehr wertvollen Fabergé-Eier, kunstvoll aus Holz oder noch edleren Materialien gefertigt.

Meine aufwändig und bunt verpackten Schokoladeneier kamen daher, ohne dass ich wusste, warum, deutlich besser an als mein Hasi, denn leider scheiterte ich auch, das Dasein des Hasen schlüssig zu erklären. (Er bringt die Eier! – In Deutschland bringen Hasen Eier? – Ja, an Ostern! – Schweigen und noch viel mehr Fragezeichen, die über den Köpfen in den Zelten hingen.)

Man stelle sich vor, es würde zu uns jemand kommen und uns an Nikolaus ein Silberschaf schenken, mit der Begründung, an Nikolaus legen Schafe Mandarinen. So ungefähr war das. Das würde bei uns auch mehr Fragen als Antworten aufwerfen.

Die teilweise mit Schnaps gefüllten Eier also waren ein Renner, wurden eifrig ausgewickelt und lobpreisend verspeist. Der Hase blieb stehen.

Als ich im nächsten Jahr wieder nach Barneo kam, brachte die Köchin mir einen Schal mit, den sie selbst gebatikt hatte. Wieder war Ostern. Und sie erzählte mir, dass der Hase, den ich ihr letztes Jahr geschenkt hatte, seitdem bei ihr in einem Wohnzimmer-Regal steht. Jedes Mal, wenn sie ihn anschaut, denkt sie an mich, sagte sie, während sie mir den Schal umband.

Es ist eine warme Insel im Eis!
Frohe Ostern, und

bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz

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Barneo ist ein unwirklich erscheinender Ort. Nur Russen können einen Ort wie Barneo erschaffen, sie sind das einzige Land, das eine solche Station auf dem Drifteis des Arktischen Ozean unterhält. Ein gewaltiger Aufwand ist jedes Jahr nötig, diese Station zu errichten, für vier kurze Wochen im April, dann, wenn das Eis noch dick genug und es außerdem schon hell genug ist für ein solches Unterfangen.

Als ich zum ersten Mal in Barneo gelandet bin, war die Station noch nicht ganz fertig. Die Piloten zogen mich in ihr Zelt, ich sollte mit ihnen essen, 7 Löffel, ein Topf. Ich konnte wenig russisch, die Piloten wenig englisch. Sie zeigten mir Bilder von ihren Frauen, Kindern, Enkel, fragten mich nicht ob ich Kinder habe, sondern wie viele. Als ich sagte, gar keine, verstanden sie die Welt nicht mehr. Sie fanden mich zu dünn für eine Nordpol-Skitour und gaben mir nach dem Essen viel russische Schokolade und Wodka, sie erzählten mir von Karelien, das der wunderbarste Ort auf der Erde ist und luden mich ein, zum Fischen zu kommen.

Weil ich auf meinen Arktistouren immer wieder sehr nette Menschen treffe, die mir, genau wie diese netten Piloten, Gutes tun, habe ich immer Geschenke dabei. Landestypische Geschenke mit Vorliebe, ich möchte ja immer was von mir geben. Zum Glück wohne ich in Bayern, der bayerische Souvenirfundus ist da ja unerschöpflich, und es gibt auch schöne Sachen. Ein jodelnder Lederhosen-Teddybär mit Gamsbarthut kam in Norwegen zum Beispiel sehr gut an; zumindest beim beschenkten Kind.

Im Fall von Barneo aber gab es einen noch besseren Geschenke-Anlass: Es war kurz vor Ostern. Also hatte ich österliche Geschenke dabei, unter anderem bei uns sehr bekannte in Goldpapier eingewickelte Osterhasen, und gleich eine ganze Armee davon. Höfliche Verwirrung stand in den Gesichtern, als ich den Männern etwas unvermittelt goldene Hasen überreichte (warum schenkt sie uns am Nordpol Hasen???! Warum haben sie Glocken um?! Und was müssen wir jetzt machen?) – denn tatsächlich ist der Osterhase bisher an Russland weiträumig vorbei gehoppelt.

Mein Gedanke, in Russland werde Ostern mit den gleichen Symbolen wie in Deutschland gefeiert, erwies sich in Bezug auf den Löffelmann als vollkommener Irrglaube.

Die Ostereier, die es auch in Russland gibt, bringt da einfach wie immer die Henne – beziehungsweise, es ist vollkommen bedeutungslos, wo die Eier herkommen, denn sie werden auch nicht versteckt, sondern verschenkt. Man verziert sie kunstvoll, lässt sie segnen und überreicht sie lieben Menschen.

Die Eier haben dabei sogar einige magische Kräfte – ein gesegnetes Ei im Haus soll böse Geister, Missernten oder Hagelschäden fernhalten, zum Beispiel, deswegen sind in manchen Häusern ganzjährig Eier zu finden. Dann allerdings oft, wie die berühmten, sehr wertvollen Fabergé-Eier, kunstvoll aus Holz oder noch edleren Materialien gefertigt.

Meine aufwändig und bunt verpackten Schokoladeneier kamen daher, ohne dass ich wusste, warum, deutlich besser an als mein Hasi, denn leider scheiterte ich auch, das Dasein des Hasen schlüssig zu erklären. (Er bringt die Eier! – In Deutschland bringen Hasen Eier? – Ja, an Ostern! – Schweigen und noch viel mehr Fragezeichen, die über den Köpfen in den Zelten hingen.)

Man stelle sich vor, es würde zu uns jemand kommen und uns an Nikolaus ein Silberschaf schenken, mit der Begründung, an Nikolaus legen Schafe Mandarinen. So ungefähr war das. Das würde bei uns auch mehr Fragen als Antworten aufwerfen.

Die teilweise mit Schnaps gefüllten Eier also waren ein Renner, wurden eifrig ausgewickelt und lobpreisend verspeist. Der Hase blieb stehen.

Als ich im nächsten Jahr wieder nach Barneo kam, brachte die Köchin mir einen Schal mit, den sie selbst gebatikt hatte. Wieder war Ostern. Und sie erzählte mir, dass der Hase, den ich ihr letztes Jahr geschenkt hatte, seitdem bei ihr in einem Wohnzimmer-Regal steht. Jedes Mal, wenn sie ihn anschaut, denkt sie an mich, sagte sie, während sie mir den Schal umband.

Es ist eine warme Insel im Eis!
Frohe Ostern, und

bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz