Kuestenseeschwalbe-MG
Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 14 – Kleiner großer Wandervogel

Nehmt doch mal eine Tafel Schokolade in die Hand. Haltet sie fest und wiegt sie ein bisschen hin und her. Wiegt so gut wie nichts, oder? Und jetzt stellt euch vor, dass ein Vögelchen, das gerade mal so viel wiegt wie diese Tafel Schokolade, der absolute Weltrekordhalter im Langstreckenflug ist! Die kleine Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea), zwischen 33 und 39 Zentimeter groß und mit einer Spannweite von 66 bis 77 Zentimeter vollbringt diese Meisterleistung. Das ist eine dieser Unglaublichkeiten, die mich so fasziniert sein lassen von der arktischen Tierwelt, die aus so viel mehr besteht als aus Eisbären und Eisbären und Eisbären… !

Die Küstenseeschwalbe müsste eigentlich das Wappentier aller „bipolaren“ Menschen sein, also Menschen, die sich am liebsten in der Nähe eines der beiden Pole der Erde aufhalten – in der Arktis oder in der Antarktis. Denn sie schafft das, wovon diese Menschen träumen, spielend jedes Jahr: Sie fliegt von der Arktis in die Antarktis und von der Antarktis wieder in die Arktis und erlebt so einen endlosen polaren Sommer. Beneidenswert.

Warum macht sie das? Einfach Antwort: Futter! Die Küstenseeschwalbe ist ein sogenannter Tagjäger und jagt deswegen gerne immer nur bei Licht. Durch ihre Vielfliegerei hat sie acht Monate pro Jahr Sonne rund um die Uhr und kann nach Herzenslust jagen, fressen, füttern.

Fangen wir einen solchen Rund-um-Welt-Flug mal in der Arktis an: Wenn man in Spitzbergen an bestimmten Stellen an Land geht, muss man auf der Hut sein, oder sollte besser gesagt, selbigen aufhaben – denn wenn man nur einige unvorsichtige Schritte geht, stürzt sich eine Schwalbe aus dem Himmel auf einen nieder, den spitzen Schnabel voran, Ziel: der Kopf des tapsigen Touristen.

Der Sinn dieser wenig freundlichen Begrüßung ist natürlich, dass der Vogel seine Brut vor den schweren Tritten bewahren will – sobald der Schnee an den Küsten der Inselgruppe verschwunden ist, lassen sich die Küstenseeschwalben nieder und brüten, bevorzugt an Stränden, natürlich auf dem Boden. Bäume, Häuser oder Nistkästen gibt’s ja hier nicht. Und deswegen sind Küstenseeschwalben vielbeschäftigt, ihre Nester zu verteidigen, gegen Angriffe aller Art.

Dabei ist es eigentlich ziemlich schwierig, ein Nest zu übersehen. Kommt man einem zu nahe, fliegen die Seeschwalben laut meckernd auf – man kann also frühzeitig einen Umweg gehen und sich aus dem für die Vögel bedrohlichen Bereich verdünnisieren. Das ist auch gut für das Ei, das dadurch nicht zu sehr auskühlt.

Ist man allerdings unvorsichtig und dringt weiter in die Komfortzone der Schwalbe ein, greift sie laut meckernd und mit viel Schwung an – und zwar den höchsten Punkt des Eindringlings. Schlau ist es dann, eine Hand (unbedingt mit Handschuh) nach oben zu strecken und den Zeigefinger leicht kreisen zu lassen. Dann wird sie den Zeigefinger angreifen, aber nicht treffen. Bloß nicht wild mit den Armen rudern – die zarte Seeschwalbe bricht sich leicht einen Flügel daran!

Ist die Küstenseeschwalbe ungestört, tut sie das, was alle Tiere normalerweise tun: fressen und sich um Nachwuchs kümmern. Die Küstenseeschwalbe sieht man immer wieder in der Luft schweben und dann wie einen Pfeil ins Wasser stoßen – und immer wieder taucht sie erfolgreich daraus empor, im Schnabel kleine Fische oder Krebstiere. Das ist die Hauptmahlzeit der Küstenseeschwalbe.

Schwalbenmann und Schwalbenfrau brüten ihre bis zu drei Eier drei Wochen lang abwechselnd aus, und wenn die Jungen geschlüpft sind, beginnt die spannende Zeit der Brutpflege, bis die Jungen nach etwa 23 Tagen ausfliegen.

Auch dann werden sie noch eine Woche lang gefüttert – denn das Jagen müssen die jungen Schwalben erst lernen, es ist ihnen nicht angeboren. Und das ist gar nicht so einfach. Denn die Technik, sich aus der Luft ins Wasser auf die Beute zu stürzen, erfordert komplexe Vorgänge: Die Schwalbe muss lernen, dass der Fisch durch die Lichtbrechung nicht an der Stelle ist, an der sie ihn sieht und dementsprechend versetzt ins Wasser stoßen, um ihn zu erwischen. Viele Schwälblein sind zu langsam, um das zu lernen und werden erst gar nicht groß – so ist das in der Natur.

Wer die gefährliche erste Zeit überlebt hat, macht sich nach dem futterreichen Sommer dann auf in Richtung Südhalbkugel, um wiederum dort den antarktischen Sommer und seinen gedeckten Tisch zu erreichen. Gebrütet wird dort aber nicht, nur gefuttert. Schmilzt der Schnee in der Arktis sehr spät, verzichten die Schwalben übrigens ganz auf ihre Fortpflanzung und fliegen schnurstracks wieder in den nächsten Sommer.

Auf mehreren Hauptstrecken ziehen die Küstenseeschwalben in die Antarktis und von dort schließlich wieder zurück in die Arktis – 70.000 Kilometer legen die Vögelchen dabei zurück, Rekordmessungen haben sogar 96.000 Kilometer bei einigen Schwalben gezeigt. Und das alles ohne Bonusmeilen.

An einem einzigen Tag können diese kleinen Wesen zwischen 300 und mehr als 500 Kilometer weit fliegen, und damit sie möglichst wenig Pausen einlegen müssen, schlafen sie immer nur mit einer Hirnhälfte, während die andere wachbleibt und navigiert und steuert.
Das sollte man als Guide einmal können! Es würde das Leben sehr viel einfacher – und ausgeschlafener – machen!

Seitdem ich diese Dinge über diese kleinen Wesen weiß, habe ich einen riesigen Respekt vor ihnen. Es fasziniert mich, welchen Aufwand wir für unsere Reisen betreiben müssen, während so ein kleines Vögelein sich einfach in die Lüfte schwingt und fliegt – ohne Koffer, ohne Pass, ohne Proviant, und einmal um unseren Erdball segelt, Jahr für Jahr.

Irgendwann machen wir das auch wieder – aber nicht so weit und auch mit Koffer!

Bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz

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Die Küstenseeschwalbe müsste eigentlich das Wappentier aller „bipolaren“ Menschen sein, also Menschen, die sich am liebsten in der Nähe eines der beiden Pole der Erde aufhalten – in der Arktis oder in der Antarktis. Denn sie schafft das, wovon diese Menschen träumen, spielend jedes Jahr: Sie fliegt von der Arktis in die Antarktis und von der Antarktis wieder in die Arktis und erlebt so einen endlosen polaren Sommer. Beneidenswert.

Warum macht sie das? Einfach Antwort: Futter! Die Küstenseeschwalbe ist ein sogenannter Tagjäger und jagt deswegen gerne immer nur bei Licht. Durch ihre Vielfliegerei hat sie acht Monate pro Jahr Sonne rund um die Uhr und kann nach Herzenslust jagen, fressen, füttern.

Fangen wir einen solchen Rund-um-Welt-Flug mal in der Arktis an: Wenn man in Spitzbergen an bestimmten Stellen an Land geht, muss man auf der Hut sein, oder sollte besser gesagt, selbigen aufhaben – denn wenn man nur einige unvorsichtige Schritte geht, stürzt sich eine Schwalbe aus dem Himmel auf einen nieder, den spitzen Schnabel voran, Ziel: der Kopf des tapsigen Touristen.

Der Sinn dieser wenig freundlichen Begrüßung ist natürlich, dass der Vogel seine Brut vor den schweren Tritten bewahren will – sobald der Schnee an den Küsten der Inselgruppe verschwunden ist, lassen sich die Küstenseeschwalben nieder und brüten, bevorzugt an Stränden, natürlich auf dem Boden. Bäume, Häuser oder Nistkästen gibt’s ja hier nicht. Und deswegen sind Küstenseeschwalben vielbeschäftigt, ihre Nester zu verteidigen, gegen Angriffe aller Art.

Dabei ist es eigentlich ziemlich schwierig, ein Nest zu übersehen. Kommt man einem zu nahe, fliegen die Seeschwalben laut meckernd auf – man kann also frühzeitig einen Umweg gehen und sich aus dem für die Vögel bedrohlichen Bereich verdünnisieren. Das ist auch gut für das Ei, das dadurch nicht zu sehr auskühlt.

Ist man allerdings unvorsichtig und dringt weiter in die Komfortzone der Schwalbe ein, greift sie laut meckernd und mit viel Schwung an – und zwar den höchsten Punkt des Eindringlings. Schlau ist es dann, eine Hand (unbedingt mit Handschuh) nach oben zu strecken und den Zeigefinger leicht kreisen zu lassen. Dann wird sie den Zeigefinger angreifen, aber nicht treffen. Bloß nicht wild mit den Armen rudern – die zarte Seeschwalbe bricht sich leicht einen Flügel daran!

Ist die Küstenseeschwalbe ungestört, tut sie das, was alle Tiere normalerweise tun: fressen und sich um Nachwuchs kümmern. Die Küstenseeschwalbe sieht man immer wieder in der Luft schweben und dann wie einen Pfeil ins Wasser stoßen – und immer wieder taucht sie erfolgreich daraus empor, im Schnabel kleine Fische oder Krebstiere. Das ist die Hauptmahlzeit der Küstenseeschwalbe.

Schwalbenmann und Schwalbenfrau brüten ihre bis zu drei Eier drei Wochen lang abwechselnd aus, und wenn die Jungen geschlüpft sind, beginnt die spannende Zeit der Brutpflege, bis die Jungen nach etwa 23 Tagen ausfliegen.

Auch dann werden sie noch eine Woche lang gefüttert – denn das Jagen müssen die jungen Schwalben erst lernen, es ist ihnen nicht angeboren. Und das ist gar nicht so einfach. Denn die Technik, sich aus der Luft ins Wasser auf die Beute zu stürzen, erfordert komplexe Vorgänge: Die Schwalbe muss lernen, dass der Fisch durch die Lichtbrechung nicht an der Stelle ist, an der sie ihn sieht und dementsprechend versetzt ins Wasser stoßen, um ihn zu erwischen. Viele Schwälblein sind zu langsam, um das zu lernen und werden erst gar nicht groß – so ist das in der Natur.

Wer die gefährliche erste Zeit überlebt hat, macht sich nach dem futterreichen Sommer dann auf in Richtung Südhalbkugel, um wiederum dort den antarktischen Sommer und seinen gedeckten Tisch zu erreichen. Gebrütet wird dort aber nicht, nur gefuttert. Schmilzt der Schnee in der Arktis sehr spät, verzichten die Schwalben übrigens ganz auf ihre Fortpflanzung und fliegen schnurstracks wieder in den nächsten Sommer.

Auf mehreren Hauptstrecken ziehen die Küstenseeschwalben in die Antarktis und von dort schließlich wieder zurück in die Arktis – 70.000 Kilometer legen die Vögelchen dabei zurück, Rekordmessungen haben sogar 96.000 Kilometer bei einigen Schwalben gezeigt. Und das alles ohne Bonusmeilen.

An einem einzigen Tag können diese kleinen Wesen zwischen 300 und mehr als 500 Kilometer weit fliegen, und damit sie möglichst wenig Pausen einlegen müssen, schlafen sie immer nur mit einer Hirnhälfte, während die andere wachbleibt und navigiert und steuert.
Das sollte man als Guide einmal können! Es würde das Leben sehr viel einfacher – und ausgeschlafener – machen!

Seitdem ich diese Dinge über diese kleinen Wesen weiß, habe ich einen riesigen Respekt vor ihnen. Es fasziniert mich, welchen Aufwand wir für unsere Reisen betreiben müssen, während so ein kleines Vögelein sich einfach in die Lüfte schwingt und fliegt – ohne Koffer, ohne Pass, ohne Proviant, und einmal um unseren Erdball segelt, Jahr für Jahr.

Irgendwann machen wir das auch wieder – aber nicht so weit und auch mit Koffer!

Bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz