Blue whale and seagull
Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 17 – Der große Unsichtbare

Langsam schiebt sich unser Schiff den Isfjord hinaus. Die Reise hat vor wenigen Stunden begonnen, der frische Wind weht uns um die Nase, es ist gut, unterwegs zu sein.

Und da ist er wieder: Am Horizont, im goldenen Licht, ein großer Blas. Blauwale erkennt man daran, dass man sie sofort erkennt. Das klingt seltsam, ist aber ähnlich wie bei Adlern: Wenn man zweifelt, ist es keiner. Wenn es einer ist, dann weiß man es sofort, weil er größer ist als alles, was man sonst so sieht. Eine sehr anschauliche Regel.

Zwölf Meter schießt die Fontäne in den Himmel, golden glitzernd. Eine ganze Weile sehen wir nur die Blase, dann wieder Pause, während wir langsam näherkommen. In der weichen Mitternachtssonne sehen wir schließlich, wie sich der Körper des Blauwals aus dem Wasser wölbt, graublau gefärbt, erst das Maul, dann der Rücken, der Rücken, der Rücken, noch ein bisschen Rücken und dann eine kleine Rückenfinne und weg. Die Fluke, die Schwanzflosse, zeigen ganz wenige der Blauwale – und der hier ist keiner davon. Das einzige, was man von ihnen zu sehen bekommt, ist ihr Rücken.

Wenn sie ab- und wieder auftauchen macht es einen gewaltigen Pruster. Einen Blauwal atmen hören, im endlosen Sonnenuntergang. Wann kann man das schon. Der Blauwal, den wir hier sehen, sollte einen Namen bekommen. Immer wieder sehen wir ihn, am Ausgang des Isfjords. Manchmal mehrere Reisen hintereinander, wie bestellt.

Ist es nicht paradox, dass wir das größte Tier, das es auf der Welt gibt, gar nicht richtig sehen können? Beziehungsweise immer nur kleine Teile davon, oder seinen Atem? Denn der Blauwal ist zwar riesig, aber eben unter Wasser. Vielleicht waren in der ganzen Erdgeschichte nur sehr wenige Tiere, die größten Dinosaurier, größer als der Blauwal heute; der Seismosaurus zum Beispiel. Vielleicht aber ist der Blauwal tatsächlich das längste, größte und schwerste Tier, dass es je gegeben hat.

Seine Ausmaße sind auch wirklich beeindruckend: Die Anatomie des Blauwals liest sich von Anfang an wie eine Aneinanderreihung von Superlativen. Oft werden sie 30 Meter lang, das Weibchen ist größer als das Männchen und kann bis zu 200 Tonnen wiegen. Das sind ganze fünf Sattelschlepper, in einem Tier.

Das Herz eines Blauwals wiegt mehr als ein ganzer Eisbär – zwischen 600 Kilo bis zu einer Tonne, die Hauptschlagader hat einen Durchmesser von 20 Zentimeter, das ist doppelt so dick wie ein Feuerwehrschlauch. Im Maul trägt ein Blauwal auf jeder Seite 300 bis 400 Barten, die schwarz gefärbt und bis zu einem Meter lang sind. Alles an diesem Tier ist riesig.

Umso erstaunlicher ist an diesen gewaltigen Tieren, was sie fressen. Das größte Tier der Welt ernährt sich zwar nicht vom kleinsten – so übertreiben kann man dann doch nicht. Aber das Futter der riesigen Blauwale ist tatsächlich nur Millimeter oder wenige Zentimeter groß. Mit seinen Barten filtert er Plankton aus dem Wasser, in der Antarktis zum Beispiel den berühmten, winzigen antarktischen Krill, in anderen Gebieten auch den Ruderfußkrebs und andere kleine Krebstierchen. Und weil der Koloss so kleine Krebslein frisst, ist er damit auch ordentlich beschäftigt: Dreieinhalb Tonnen Krebstiere frisst ein Blauwal in den Sommermonaten, das sind 40 Millionen Tierchen – am Tag! In seinen Hauptmagenabschnitt passt eine ganze Tonne, und der ist dann auch meistens voll. Dafür frisst er im Winter dann gar nicht und verbrennt sein angefressenes Fett – ein etwas anderer Rhythmus als beim Homo sapiens…

In Spitzbergen futtern die Blauwale in den Sommermonaten, dann ziehen sie über den Winter in wärmere Gefilde, Richtung Azoren beispielsweise. Die Blauwale der Antarktis wiederum verbringen den Südhalbkugel-Winter in Gegenden in der Nähe des Äquators. Wo sie aber allesamt ihre Jungen bekommen, ist kurioserweise relativ unbekannt. Das größte Tier der Welt, und man weiß dann doch so wenig darüber!

Umso schöner ist es jedes Mal, wenn wir einen hohen, in den Himmel schießenden Blas erspähen. Und allermeistens ist es dann tatsächlich ein Blauwal, manchmal ein Finnwal, mit dem man ihn vielleicht noch verwechseln kann, der zweitgrößten Walart. Aber wie gesagt – wenn etwas so groß ist, dann weiß man es meistens: Blauwal voraus!

In wenigen Wochen werden sie wieder auftauchen auf Spitzbergen… wer weiß, ob wir dieses Jahr einem von ihnen begegnen werden… aber irgendwann ganz sicher wieder!

Bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz

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Zwölf Meter schießt die Fontäne in den Himmel, golden glitzernd. Eine ganze Weile sehen wir nur die Blase, dann wieder Pause, während wir langsam näherkommen. In der weichen Mitternachtssonne sehen wir schließlich, wie sich der Körper des Blauwals aus dem Wasser wölbt, graublau gefärbt, erst das Maul, dann der Rücken, der Rücken, der Rücken, noch ein bisschen Rücken und dann eine kleine Rückenfinne und weg. Die Fluke, die Schwanzflosse, zeigen ganz wenige der Blauwale – und der hier ist keiner davon. Das einzige, was man von ihnen zu sehen bekommt, ist ihr Rücken.

Wenn sie ab- und wieder auftauchen macht es einen gewaltigen Pruster. Einen Blauwal atmen hören, im endlosen Sonnenuntergang. Wann kann man das schon. Der Blauwal, den wir hier sehen, sollte einen Namen bekommen. Immer wieder sehen wir ihn, am Ausgang des Isfjords. Manchmal mehrere Reisen hintereinander, wie bestellt.

Ist es nicht paradox, dass wir das größte Tier, das es auf der Welt gibt, gar nicht richtig sehen können? Beziehungsweise immer nur kleine Teile davon, oder seinen Atem? Denn der Blauwal ist zwar riesig, aber eben unter Wasser. Vielleicht waren in der ganzen Erdgeschichte nur sehr wenige Tiere, die größten Dinosaurier, größer als der Blauwal heute; der Seismosaurus zum Beispiel. Vielleicht aber ist der Blauwal tatsächlich das längste, größte und schwerste Tier, dass es je gegeben hat.

Seine Ausmaße sind auch wirklich beeindruckend: Die Anatomie des Blauwals liest sich von Anfang an wie eine Aneinanderreihung von Superlativen. Oft werden sie 30 Meter lang, das Weibchen ist größer als das Männchen und kann bis zu 200 Tonnen wiegen. Das sind ganze fünf Sattelschlepper, in einem Tier.

Das Herz eines Blauwals wiegt mehr als ein ganzer Eisbär – zwischen 600 Kilo bis zu einer Tonne, die Hauptschlagader hat einen Durchmesser von 20 Zentimeter, das ist doppelt so dick wie ein Feuerwehrschlauch. Im Maul trägt ein Blauwal auf jeder Seite 300 bis 400 Barten, die schwarz gefärbt und bis zu einem Meter lang sind. Alles an diesem Tier ist riesig.

Umso erstaunlicher ist an diesen gewaltigen Tieren, was sie fressen. Das größte Tier der Welt ernährt sich zwar nicht vom kleinsten – so übertreiben kann man dann doch nicht. Aber das Futter der riesigen Blauwale ist tatsächlich nur Millimeter oder wenige Zentimeter groß. Mit seinen Barten filtert er Plankton aus dem Wasser, in der Antarktis zum Beispiel den berühmten, winzigen antarktischen Krill, in anderen Gebieten auch den Ruderfußkrebs und andere kleine Krebstierchen. Und weil der Koloss so kleine Krebslein frisst, ist er damit auch ordentlich beschäftigt: Dreieinhalb Tonnen Krebstiere frisst ein Blauwal in den Sommermonaten, das sind 40 Millionen Tierchen – am Tag! In seinen Hauptmagenabschnitt passt eine ganze Tonne, und der ist dann auch meistens voll. Dafür frisst er im Winter dann gar nicht und verbrennt sein angefressenes Fett – ein etwas anderer Rhythmus als beim Homo sapiens…

In Spitzbergen futtern die Blauwale in den Sommermonaten, dann ziehen sie über den Winter in wärmere Gefilde, Richtung Azoren beispielsweise. Die Blauwale der Antarktis wiederum verbringen den Südhalbkugel-Winter in Gegenden in der Nähe des Äquators. Wo sie aber allesamt ihre Jungen bekommen, ist kurioserweise relativ unbekannt. Das größte Tier der Welt, und man weiß dann doch so wenig darüber!

Umso schöner ist es jedes Mal, wenn wir einen hohen, in den Himmel schießenden Blas erspähen. Und allermeistens ist es dann tatsächlich ein Blauwal, manchmal ein Finnwal, mit dem man ihn vielleicht noch verwechseln kann, der zweitgrößten Walart. Aber wie gesagt – wenn etwas so groß ist, dann weiß man es meistens: Blauwal voraus!

In wenigen Wochen werden sie wieder auftauchen auf Spitzbergen… wer weiß, ob wir dieses Jahr einem von ihnen begegnen werden… aber irgendwann ganz sicher wieder!

Bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz