Polarkolumne-Birgit-Lutz-Plastik-im-Polarmeer
Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 19 – Plastik im Polarmeer

Alles so schön weiß und blau, so unberührt, so menschenleer. So sehen Prospekte aus, wenn es um Arktisreisen geht. Und oft sieht es auf Reisen ja auch so aus, wie in den Prospekten. Manchmal aber auch nicht. Und ich bin so ein Guide, der zeigt den Menschen sowohl auf Schiffen als auch an Land und in Vorträgen die Welt gern so, wie sie ist, und nicht so, wie sie sein sollte oder wie das eben gut in den Broschüren aussieht. Glücklicherweise gibt es tatsächlich auch Reiseveranstalter, die das unterstützen.

Dank dieser Reiseveranstalter ist mein Plastik-Projekt am Alfred-Wegener-Institut für Polar-und Meeresforschung (AWI) entstanden. Von diesem Projekt möchte ich heute erzählen.

Ich habe einige traurige Szenen erlebt, auf unseren Reisen. Wir haben Fischernetze aufgelesen am Strand, darin sieben Rentiergeweihe. Eisbären beobachtet, die Seile um den Hals hatten. Jeder, der in Spitzbergen unterwegs ist, kennt diese Funde. Wir finden Robben mit Tauen um den noch wachsenden Leib. Wir machen Mann-über-Bord-Übungen mit Plastik-Inseln im Wasser. Wir sammeln Barbiepuppen-Pferde, Feuerzeuge, Ohrstäbchen, Schuhe, Plastikflaschen, Plastikdeckel, Tuben, Kanister, Bierkästen, Spritzen, Plastikraben, Wasserkocher, Arbeitshelme, Gummihandschuhe und Deo-Sprays ein. Und wenn wir im nächsten Jahr wiederkommen, sieht es aus, als habe nie jemand saubergemacht.

2015 nahm ich also Kontakt auf mit dem AWI. Das bloße Müllsammeln war mir nicht mehr genug – auch wenn jedes Fischernetz potenziell einigen Tieren das Leben rettete, wollte ich etwas tun, das mehr Wirkung hat, ich bin nicht geboren zum Sisyphos.

Am AWI waren zwei Wissenschaftler froh über meinen Anruf, Dr. Melanie Bergmann und Dr. Lars Gutow. Gemeinsam entwickelten wir Fragebögen und ein Vorgehen, das auch im Rahmen touristischer Reisen nur mit „Laien“ wissenschaftliche Standards garantieren würde – ein sogenanntes Citizen Science Projekt. Denn wir erreichten auf unseren Reisen Ecken, von denen es noch keine Daten gab und von denen Wissenschaftler nur träumen – Wissenschaft ist in der Arktis eben oft mit komplexer Logistik verbunden – warum sollte man also diese Touristenreisen nicht zum Datensammeln nutzen?

Zusammen mit den Gästen sammeln, sortieren, zählen und wiegen wir nun also Müll an arktischen Stränden. Daneben muss immer jemand auf uns aufpassen – Bärenwache halten. Wir haben die ersten wissenschaftlichen Daten überhaupt zur Vermüllung Spitzbergens gesammelt. Mittlerweile ist eine wissenschaftliche Publikation daraus entstanden und die Erkenntnis: Im so fernen und beinahe menschenleeren Spitzbergen liegt genauso viel Müll an den Stränden, wie in sehr dicht besiedelten Gebieten unserer Erde. Es gibt keinen Unterschied mehr in der Menge. In der Art schon: Der Großteil des Mülls ist aus der Fischerei, anderswo ist es mehr Hausmüll.

Wir sammeln aber immer noch weiter, wir wollen besser verstehen, wo der Müll herkommt. Wissenschaftliche Mitarbeiter untersuchen deshalb Müllsäcke, die ich aus der Arktis nach Bremerhaven schicke, haarklein auf Hinweise. Denn darum geht es: Wo kommt der Müll her? Und was kann man tun, damit man diesen Eintrag stoppt?

Dabei will ich mithelfen: Beim Stoppen dieses Eintrags. Und ich bin immer wieder begeistert, mit welchem Elan die meisten Gäste bei der Sache sind. Nach den ersten Stränden, wenn die Menschen sehen, wie es an manchen Orten aussieht, fangen viele von selbst an, Müll aufzusammeln. Wir haben dann meistens schon Säcke parat, die wir den Gästen geben können. Zurück an Bord erzähle ich von dem Projekt, manchmal halte ich einen Vortrag dazu und dann frage ich, ob die Gäste Lust haben, eine wissenschaftliche Sammlung zu machen. Von 32 Gästen sagen im Schnitt 30 zu.

Wir widmen dann eine ganze Landung, also einen Vormittag oder einen Nachmittag nur dem Müllsammeln. Wir messen einen Strandabschnitt aus, einige sammeln den Müll in diesem Abschnitt ein, den wir an einer Sammelstation sortieren, einige Gäste sortieren und zählen, andere schreiben auf. Wieder andere fotografieren. Es ist jedes Mal wieder toll, die Dynamik zu sehen, die dabei entsteht. Und das entsetzte Staunen, wenn wir am Ende ausgezählt haben. Abgesehen von dem Umweltgedanke ist es auch jedes Mal ein tolles Teambuilding-Event.

Dann schauen wir auf die Landkarte, auf dieses menschenleere Land, und auf den riesigen Müllsack an Bord. Obwohl so wenige Menschen hier sind, ist unser Müll überall – das ist eine sehr kraftvolle Botschaft.

Noch kraftvoller wird sie, wenn ich veranschauliche, dass all dieser Unrat erst in den letzten 60 Jahren überhaupt entstanden ist, der Großteil davon sogar erst in den letzten 20. Wie wird es in weiteren 20 Jahren aussehen?

Dieses Projekt ist ein großer Grund für mich, diese Reisen zu machen. Ich schreibe Bücher über meine Reisen, ich bin Journalistin, ich will Wissen vermitteln. Mit diesem Plastik-Projekt gehe ich an Schulen und erzähle den Kindern, dass es nicht egal ist, ob sie ihr Apfelschorle jeden Tag aus einer neuen Plastikflasche trinken. Immer mehr Kinder wissen das mittlerweile sowieso, das ist meine schöne Erfahrung: In den vergangenen fünf Jahren hat sich, was das Wissen über Plastikverschmutzung angeht, sehr viel getan.

Es hat sich auch viel getan, was Alternativen angeht. Heute kann man problemlos auf sehr viel Plastik im Haushalt verzichten, vor einigen Jahren war das noch schwieriger. Auch das ist meine Botschaft: Wir können immer etwas tun, und einiges davon macht sogar Spaß!

Mittlerweile bekomme ich immer wieder Fragen von Menschen, die explizit zum Müllsammeln mitkommen wollen. Solche Reisen gibt es nicht, aber die Frage freut mich trotzdem. Und ich freue mich jedes Mal wieder, wenn unsere Gäste mit Feuereifer Netze aus dem Sand graben, Taue herbeischleppen und mit viel Elan Strichlisten führen – in ihrem Urlaub, obwohl sie davon vorher gar nichts wussten.

Wenn ich dann manchmal innehalte, dann bin ich stolz. Auf diese Gäste, und dass wir dieses Projekt angestoßen haben. Und auch darauf, dass ich an Orten arbeite, an denen solche Projekte möglich sind. Wo es um die Natur geht, und nicht um das Instagram-Foto.

Sammeln Sie mal mit?
Bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz

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Dank dieser Reiseveranstalter ist mein Plastik-Projekt am Alfred-Wegener-Institut für Polar-und Meeresforschung (AWI) entstanden. Von diesem Projekt möchte ich heute erzählen.

Ich habe einige traurige Szenen erlebt, auf unseren Reisen. Wir haben Fischernetze aufgelesen am Strand, darin sieben Rentiergeweihe. Eisbären beobachtet, die Seile um den Hals hatten. Jeder, der in Spitzbergen unterwegs ist, kennt diese Funde. Wir finden Robben mit Tauen um den noch wachsenden Leib. Wir machen Mann-über-Bord-Übungen mit Plastik-Inseln im Wasser. Wir sammeln Barbiepuppen-Pferde, Feuerzeuge, Ohrstäbchen, Schuhe, Plastikflaschen, Plastikdeckel, Tuben, Kanister, Bierkästen, Spritzen, Plastikraben, Wasserkocher, Arbeitshelme, Gummihandschuhe und Deo-Sprays ein. Und wenn wir im nächsten Jahr wiederkommen, sieht es aus, als habe nie jemand saubergemacht.

2015 nahm ich also Kontakt auf mit dem AWI. Das bloße Müllsammeln war mir nicht mehr genug – auch wenn jedes Fischernetz potenziell einigen Tieren das Leben rettete, wollte ich etwas tun, das mehr Wirkung hat, ich bin nicht geboren zum Sisyphos.

Am AWI waren zwei Wissenschaftler froh über meinen Anruf, Dr. Melanie Bergmann und Dr. Lars Gutow. Gemeinsam entwickelten wir Fragebögen und ein Vorgehen, das auch im Rahmen touristischer Reisen nur mit „Laien“ wissenschaftliche Standards garantieren würde – ein sogenanntes Citizen Science Projekt. Denn wir erreichten auf unseren Reisen Ecken, von denen es noch keine Daten gab und von denen Wissenschaftler nur träumen – Wissenschaft ist in der Arktis eben oft mit komplexer Logistik verbunden – warum sollte man also diese Touristenreisen nicht zum Datensammeln nutzen?

Zusammen mit den Gästen sammeln, sortieren, zählen und wiegen wir nun also Müll an arktischen Stränden. Daneben muss immer jemand auf uns aufpassen – Bärenwache halten. Wir haben die ersten wissenschaftlichen Daten überhaupt zur Vermüllung Spitzbergens gesammelt. Mittlerweile ist eine wissenschaftliche Publikation daraus entstanden und die Erkenntnis: Im so fernen und beinahe menschenleeren Spitzbergen liegt genauso viel Müll an den Stränden, wie in sehr dicht besiedelten Gebieten unserer Erde. Es gibt keinen Unterschied mehr in der Menge. In der Art schon: Der Großteil des Mülls ist aus der Fischerei, anderswo ist es mehr Hausmüll.

Wir sammeln aber immer noch weiter, wir wollen besser verstehen, wo der Müll herkommt. Wissenschaftliche Mitarbeiter untersuchen deshalb Müllsäcke, die ich aus der Arktis nach Bremerhaven schicke, haarklein auf Hinweise. Denn darum geht es: Wo kommt der Müll her? Und was kann man tun, damit man diesen Eintrag stoppt?

Dabei will ich mithelfen: Beim Stoppen dieses Eintrags. Und ich bin immer wieder begeistert, mit welchem Elan die meisten Gäste bei der Sache sind. Nach den ersten Stränden, wenn die Menschen sehen, wie es an manchen Orten aussieht, fangen viele von selbst an, Müll aufzusammeln. Wir haben dann meistens schon Säcke parat, die wir den Gästen geben können. Zurück an Bord erzähle ich von dem Projekt, manchmal halte ich einen Vortrag dazu und dann frage ich, ob die Gäste Lust haben, eine wissenschaftliche Sammlung zu machen. Von 32 Gästen sagen im Schnitt 30 zu.

Wir widmen dann eine ganze Landung, also einen Vormittag oder einen Nachmittag nur dem Müllsammeln. Wir messen einen Strandabschnitt aus, einige sammeln den Müll in diesem Abschnitt ein, den wir an einer Sammelstation sortieren, einige Gäste sortieren und zählen, andere schreiben auf. Wieder andere fotografieren. Es ist jedes Mal wieder toll, die Dynamik zu sehen, die dabei entsteht. Und das entsetzte Staunen, wenn wir am Ende ausgezählt haben. Abgesehen von dem Umweltgedanke ist es auch jedes Mal ein tolles Teambuilding-Event.

Dann schauen wir auf die Landkarte, auf dieses menschenleere Land, und auf den riesigen Müllsack an Bord. Obwohl so wenige Menschen hier sind, ist unser Müll überall – das ist eine sehr kraftvolle Botschaft.

Noch kraftvoller wird sie, wenn ich veranschauliche, dass all dieser Unrat erst in den letzten 60 Jahren überhaupt entstanden ist, der Großteil davon sogar erst in den letzten 20. Wie wird es in weiteren 20 Jahren aussehen?

Dieses Projekt ist ein großer Grund für mich, diese Reisen zu machen. Ich schreibe Bücher über meine Reisen, ich bin Journalistin, ich will Wissen vermitteln. Mit diesem Plastik-Projekt gehe ich an Schulen und erzähle den Kindern, dass es nicht egal ist, ob sie ihr Apfelschorle jeden Tag aus einer neuen Plastikflasche trinken. Immer mehr Kinder wissen das mittlerweile sowieso, das ist meine schöne Erfahrung: In den vergangenen fünf Jahren hat sich, was das Wissen über Plastikverschmutzung angeht, sehr viel getan.

Es hat sich auch viel getan, was Alternativen angeht. Heute kann man problemlos auf sehr viel Plastik im Haushalt verzichten, vor einigen Jahren war das noch schwieriger. Auch das ist meine Botschaft: Wir können immer etwas tun, und einiges davon macht sogar Spaß!

Mittlerweile bekomme ich immer wieder Fragen von Menschen, die explizit zum Müllsammeln mitkommen wollen. Solche Reisen gibt es nicht, aber die Frage freut mich trotzdem. Und ich freue mich jedes Mal wieder, wenn unsere Gäste mit Feuereifer Netze aus dem Sand graben, Taue herbeischleppen und mit viel Elan Strichlisten führen – in ihrem Urlaub, obwohl sie davon vorher gar nichts wussten.

Wenn ich dann manchmal innehalte, dann bin ich stolz. Auf diese Gäste, und dass wir dieses Projekt angestoßen haben. Und auch darauf, dass ich an Orten arbeite, an denen solche Projekte möglich sind. Wo es um die Natur geht, und nicht um das Instagram-Foto.

Sammeln Sie mal mit?
Bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz