Cartoon Mosquito
Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 24 – Bsssssssssssssssss – der Sommer-Sound der Sub-Arktis

In den ersten Jahren meiner Arktis-Erfahrung war ich in Gebieten unterwegs, in denen es auch im Sommer zu kalt für vielerlei Getier bleibt. Insekten zum Beispiel. Immer wieder begegnete ich aber Menschen, die von Mückenschwärmen an anderen Orten berichteten, Mückenplagen, -stichen, -qualen. Ich dachte mir: Meine Güte.

Ich war als Kind oft an italienischen Lagunen-Campingplätzen, da gab es auch Mücken. (Da gab es aber auch allabendliche Tank-Traktoren, die irgendwelches Zeugs über die Pinien sprühten. Zeugs, über das man besser heute nicht mehr zu viel nachsinniert.) So schlimm kann das nicht sein, dachte ich. Was stellen die sich an, alle.

Dann fuhr ich für einen Recherche-Auftrag im Sommer nach Churchill, an der Hudson Bay, in der kanadischen Sub-Arktis. Am Flughafen stiegen wir in einen Bus, und auf dem Weg in den Ort überholten wir einen Jogger mit Imker-Helm. Also mit so einem Hut, von dem ringsum ein Netz herunterhängt. Der Jogger hatte außerdem langärmlige Klamotten und Handschuhe an, bei 20 Grad plus. Kein Millimeter seiner Haut war der Luft ausgesetzt. Ich schaute den Mann an und dachte, der müsse irgendeine Krankheit haben.

Little did I know.

Beim Aussteigen aus dem Bus auf die staubige Straße blieb ich eine Sekunde zu lange neben dem Bus und Gepäck stehen und bekam den ersten Stich, den ich schmerzhaft spürte, ganz anders als die italienischen Lagunenmückenstiche, die unbemerkt geschehen und erst verzögert jucken. Der Stich der Churchill-Mücke ist so spürbar wie hierzulande der Stich einer Pferdebremse, man zuckt zusammen und haut reflexhaft auf die Stelle. Dann bildet sich eine rote Quaddel, die so wahnsinnig juckt, dass man auf der Stelle in den Stich hinein beißen möchte.

Dem ersten Stich sollten sehr, sehr viele folgen, und tatsächlich machte das unaufhörliche Surren, dieses helle „wiiiiiiiiiiiiiii“, das auch im Zimmer nie verstummen sollte, mich langsam aber sicher etwas mürbe. Jetlag-geplagt hielten mich die Mücken wach, die erste Nacht, die zweite Nacht.

Ich wurde schier wahnsinnig, denn es surrte, immer. Im Bett. Beim Frühstück. Im Bus. Am Strand. Sie waren überall, diese Moskitos. Tausende, Abertausende, Millionen, Fantastillionen. Sie sind dort so zahlreich, weil sie ihre Eier in quadratkilometergroßen Tümpel der Tundra legen, aus denen das Wasser nicht abfließen kann, weil der Boden darunter gefroren ist. Keine Lagune Italiens ist so groß und ein solcher Party-Pool für Mücken wie diese Tümpel. Aber Churchill liegt in der Subarktis, genau in der Klimazone, in der es kalt genug ist für Permafrost und warm genug für Insekten. Das ist eine fatale Kombination.

Die Mücken der Tundra finden jede offene Stelle. Wenn man die Mütze vergisst, stechen sie durch die Haare auf den Kopf, und man kann ihnen sogar dabei zusehen, wie sie ihren juckreizbringenden Saugrüssel durch einen Fleece-Pullover bohren. Flora und Fauna der Arktis und Subarktis bestechen unter anderem durch ihre extreme Adaptionsfähigkeit. Die Mücken, so scheint es, haben ihre Bohrkraft an die Kleidungsgewohnheiten ihrer Opfer angepasst.

Man ist, wie immer auf Reisen, dann beraten, mit spezifischen regionalen Herausforderungen so umzugehen, wie es die Einheimischen tun. Die Menschen der Tundra leben mit den Mücken ebenso ergeben wie sie mit der Kälte und Dunkelheit im Winter, den Bären im Herbst und dem Staub im Sommer leben. Sie praktizieren den so genannten Churchill-Wischer, die wedelnde, Scheibenwischer ähnliche Bewegung der Arme vor dem Oberkörper, mit dem sie die Mücken verjagen, wenn es zu viele werden. Und dann kann man, wenn es wenig gibt in einer Region, eben auch aus Mücken Geld machen. In dem rustikalen Laden der Arctic Trading Company erstand ich ein Moskitonetz, von dem mir herzlich egal war, was es kostet. An der Kasse lag ein Körbchen mit kleinen, Milchtüten nachgeformten Päckchen. Darin: Moskito-Eggs.

Ungläubig nahm ich eins davon in die Hand. Ein findiger Souvenir-Erfinder hat sich tatsächlich kleine weiße Kaugummi-Kugeln ausgedacht, die er nun als Moskito-Eier verkaufte. Auf der Packung eben diese „Eier“ und eine Mücke, die sich genüsslich mit der Zunge (haben Moskitos Zungen?) über ihre Lippen (und Lippen???) leckte.

Wer in Tundratümpels Namen bekam beim Anblick einer genießenden Mücke Lust auf weiße Moskito-Ei-Kaugummis? Das fragte ich die Verkäuferin. Also, nicht ganz so, sondern in freundlich. Sie antwortete: Japaner.

Aus Recherchezwecken habe ich eins der Päckchen gekauft, es gab damals in der SZ eine Rubrik, in der man absurde Souvenirs beschreiben konnte, dafür waren diese Eier wie gemacht.  Und obwohl ich für Recherchen ja sehr weit gehe, habe ich diese Packung aber niemals aufgemacht, sondern ungeöffnet irgendwann weg geschmissen. Ich brachte es nicht über mich, diese Kaugummis zu essen.

Unter dem Moskitonetz der Arctic Trading Company allerdings habe ich die nächsten Nächte ganz formidabel geschlummert, und war deswegen tagsüber auch kräftig genug für einen konstanten Churchill-Wisch-Wedler mit meinen Armen. Und so gewappnet würde ich auch jederzeit sommers wieder in subarktische Mückengebiete fahren.

Sollte es demnächst bei ihnen summen, denken Sie tröstend daran, die deutsche Mücke ist eine Mücke gegen die Elefanten der Arktis!

Bis nächste Woche!

Ihre

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Ich war als Kind oft an italienischen Lagunen-Campingplätzen, da gab es auch Mücken. (Da gab es aber auch allabendliche Tank-Traktoren, die irgendwelches Zeugs über die Pinien sprühten. Zeugs, über das man besser heute nicht mehr zu viel nachsinniert.) So schlimm kann das nicht sein, dachte ich. Was stellen die sich an, alle.

Dann fuhr ich für einen Recherche-Auftrag im Sommer nach Churchill, an der Hudson Bay, in der kanadischen Sub-Arktis. Am Flughafen stiegen wir in einen Bus, und auf dem Weg in den Ort überholten wir einen Jogger mit Imker-Helm. Also mit so einem Hut, von dem ringsum ein Netz herunterhängt. Der Jogger hatte außerdem langärmlige Klamotten und Handschuhe an, bei 20 Grad plus. Kein Millimeter seiner Haut war der Luft ausgesetzt. Ich schaute den Mann an und dachte, der müsse irgendeine Krankheit haben.

Little did I know.

Beim Aussteigen aus dem Bus auf die staubige Straße blieb ich eine Sekunde zu lange neben dem Bus und Gepäck stehen und bekam den ersten Stich, den ich schmerzhaft spürte, ganz anders als die italienischen Lagunenmückenstiche, die unbemerkt geschehen und erst verzögert jucken. Der Stich der Churchill-Mücke ist so spürbar wie hierzulande der Stich einer Pferdebremse, man zuckt zusammen und haut reflexhaft auf die Stelle. Dann bildet sich eine rote Quaddel, die so wahnsinnig juckt, dass man auf der Stelle in den Stich hinein beißen möchte.

Dem ersten Stich sollten sehr, sehr viele folgen, und tatsächlich machte das unaufhörliche Surren, dieses helle „wiiiiiiiiiiiiiii“, das auch im Zimmer nie verstummen sollte, mich langsam aber sicher etwas mürbe. Jetlag-geplagt hielten mich die Mücken wach, die erste Nacht, die zweite Nacht.

Ich wurde schier wahnsinnig, denn es surrte, immer. Im Bett. Beim Frühstück. Im Bus. Am Strand. Sie waren überall, diese Moskitos. Tausende, Abertausende, Millionen, Fantastillionen. Sie sind dort so zahlreich, weil sie ihre Eier in quadratkilometergroßen Tümpel der Tundra legen, aus denen das Wasser nicht abfließen kann, weil der Boden darunter gefroren ist. Keine Lagune Italiens ist so groß und ein solcher Party-Pool für Mücken wie diese Tümpel. Aber Churchill liegt in der Subarktis, genau in der Klimazone, in der es kalt genug ist für Permafrost und warm genug für Insekten. Das ist eine fatale Kombination.

Die Mücken der Tundra finden jede offene Stelle. Wenn man die Mütze vergisst, stechen sie durch die Haare auf den Kopf, und man kann ihnen sogar dabei zusehen, wie sie ihren juckreizbringenden Saugrüssel durch einen Fleece-Pullover bohren. Flora und Fauna der Arktis und Subarktis bestechen unter anderem durch ihre extreme Adaptionsfähigkeit. Die Mücken, so scheint es, haben ihre Bohrkraft an die Kleidungsgewohnheiten ihrer Opfer angepasst.

Man ist, wie immer auf Reisen, dann beraten, mit spezifischen regionalen Herausforderungen so umzugehen, wie es die Einheimischen tun. Die Menschen der Tundra leben mit den Mücken ebenso ergeben wie sie mit der Kälte und Dunkelheit im Winter, den Bären im Herbst und dem Staub im Sommer leben. Sie praktizieren den so genannten Churchill-Wischer, die wedelnde, Scheibenwischer ähnliche Bewegung der Arme vor dem Oberkörper, mit dem sie die Mücken verjagen, wenn es zu viele werden. Und dann kann man, wenn es wenig gibt in einer Region, eben auch aus Mücken Geld machen. In dem rustikalen Laden der Arctic Trading Company erstand ich ein Moskitonetz, von dem mir herzlich egal war, was es kostet. An der Kasse lag ein Körbchen mit kleinen, Milchtüten nachgeformten Päckchen. Darin: Moskito-Eggs.

Ungläubig nahm ich eins davon in die Hand. Ein findiger Souvenir-Erfinder hat sich tatsächlich kleine weiße Kaugummi-Kugeln ausgedacht, die er nun als Moskito-Eier verkaufte. Auf der Packung eben diese „Eier“ und eine Mücke, die sich genüsslich mit der Zunge (haben Moskitos Zungen?) über ihre Lippen (und Lippen???) leckte.

Wer in Tundratümpels Namen bekam beim Anblick einer genießenden Mücke Lust auf weiße Moskito-Ei-Kaugummis? Das fragte ich die Verkäuferin. Also, nicht ganz so, sondern in freundlich. Sie antwortete: Japaner.

Aus Recherchezwecken habe ich eins der Päckchen gekauft, es gab damals in der SZ eine Rubrik, in der man absurde Souvenirs beschreiben konnte, dafür waren diese Eier wie gemacht.  Und obwohl ich für Recherchen ja sehr weit gehe, habe ich diese Packung aber niemals aufgemacht, sondern ungeöffnet irgendwann weg geschmissen. Ich brachte es nicht über mich, diese Kaugummis zu essen.

Unter dem Moskitonetz der Arctic Trading Company allerdings habe ich die nächsten Nächte ganz formidabel geschlummert, und war deswegen tagsüber auch kräftig genug für einen konstanten Churchill-Wisch-Wedler mit meinen Armen. Und so gewappnet würde ich auch jederzeit sommers wieder in subarktische Mückengebiete fahren.

Sollte es demnächst bei ihnen summen, denken Sie tröstend daran, die deutsche Mücke ist eine Mücke gegen die Elefanten der Arktis!

Bis nächste Woche!

Ihre

Birgit Lutz