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Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 32 – Hoch über der Gänsebucht in Spitzbergens Hornsund

Die Aussicht ist es dann doch immer wieder wert. In der Gåshamna, der Gänsebucht an der Südseite des Hornsunds, beginnt eine Wanderung, die ich immer wieder gerne mit trittsicheren Gästen mache – und auch für alle anderen gibt es in der Gåshamna genug zu sehen und erleben, so dass die Gänsebucht immer ein guter Halt ist.

In der einigermaßen geschützten Gåshamna haben zu ganz frühen Zeiten schon Walfänger Halt gemacht. Davon zeugen heute noch am westlichen Ende der Bucht die Reste von Tranöfen in dem weiten, flachen Flusstal, neben denen die gewaltigen Walknochen in den Himmel ragen. Dick mit Moos bewachsen liegen dort die langen Rippen und Schädel, dazwischen gluckern die Ausläufer des Schmelzwasserflusses des Gåsbreen, der zwei Kilometer weit im Inland endet, vor sich hin.

Am östlichen Ende war 1899-1900 die Russisch-Schwedische Gradmessungsexpedition in der Bucht aktiv. Hier findet man – neben weiteren Walfangzeugnissen – heute noch die Überreste des damaligen Hauptquartiers und des Observatoriums Konstantinovka.

Wenn man bei der westlichen Walfängerstation anlandet und dann den Strand Richtung Westen entlangwandert, kommt man in ein ganz wunderbares Gebiet, das ich noch schöner finde als die Bucht selbst. Über einige leicht erklimmbare Geländestufen geht es hinaus Richtung Hornsundneset. Vorbei an einigen Rentieren gelangt man unterhalb des Hohenlohefjellet zu den Resten von Pomorenstationen.

Wendet man sich dann weiter südlich, gelangt man in ein zwar sehr unübersichtliches (Vorsicht geboten!), aber wirklich wunderliches Terrain: Hier ist das Gestein ausgewaschen in lauter kleine Pools, dazwischen sind kleine Türmchen stehengeblieben. Von dort blickt man dann schon in die nächste Bucht, die Vestvika, in der wir von hier schon einmal Buckelwale sehr nah sehen und hören konnten. Es ist ein schöner Platz zum Verweilen, wenn man gut achtgibt.

Wer gut zu Fuß ist kann den 414 Meter hohen Wurmbrandegga erklimmen – benannt nach einem österreichischen Politiker mit dem bedauerlichen Namen Wurmbrand. Diese Wanderung ist absolut keine Genusswanderung, bei der man auf schönen Pfaden gemütlich an Höhe gewinnen würde. Sie ist kurz und steil. Und wird dann noch ein bisschen steiler, auf gerölligem Untergrund. So kann man das ungefähr beschreiben.

Deswegen gehe ich dort nur mit trittsicheren Gästen hoch, und auch mit denen mache ich viele Pausen. Einen wirklich guten Weg habe ich noch nicht gefunden, einige Spuren führen schnurstracks nach oben (so wie das normalerweise Niederländer machen ), einige in gnädigeren Serpentinen. Wie auch immer, vor allem das letzte Stück ist keine Freude.

Warum macht man das dann? Weil oben, natürlich, ein wunderbarer Ausblick wartet. Man kämpft sich diese steile Wand hinauf und mit Erreichen des Grats breitet sich diese unfassbar weite, sensationelle Spitzbergenpanoramatapete vor einem aus. Und das Schöne ist eben, das ist alles echt. Atemlos steht man dann dort und hat die Plackerei schon vergessen.

Tief hinunter fällt der Blick in die weite Gåshamna, weit schweift er in den Sund hinein, nach Norden zu den Burgerbuktas hinüber, überall sieht man schneebedeckte spitze Berge, und in südwestlicher Richtung weit aufs weißkappige Meer hinaus. Ein wunderbarer Ort für Panoramafotos und Gipfelschoki.

Hinunter geht es dann viel leichter, wer elastische Beine wie Schmidtchen Schleicher hat (wer erinnert sich noch an dieses Lied? ), kann hier in das Geröll springend im Nu gen Tal federn. Aufpassen muss man aber auch da immer, denn an manchen Stellen kann das Geröll vor allem früh in der Saison noch gefroren und ganz und gar unfedernd sein. Zudem gibt es, wenn man sich zu weit nach Süden wagt, einige überraschende Geländestufen, vor denen man rechtzeitig bremsen sollte.

Und wenn man dann zurück an Bord ist, dann schaut man hinauf und sagt, ach, wie schön, da waren wir jetzt oben! Der Wurmbrandegga – wann wandern wir da wohl mal wieder hinauf?

Bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz

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In der einigermaßen geschützten Gåshamna haben zu ganz frühen Zeiten schon Walfänger Halt gemacht. Davon zeugen heute noch am westlichen Ende der Bucht die Reste von Tranöfen in dem weiten, flachen Flusstal, neben denen die gewaltigen Walknochen in den Himmel ragen. Dick mit Moos bewachsen liegen dort die langen Rippen und Schädel, dazwischen gluckern die Ausläufer des Schmelzwasserflusses des Gåsbreen, der zwei Kilometer weit im Inland endet, vor sich hin.

Am östlichen Ende war 1899-1900 die Russisch-Schwedische Gradmessungsexpedition in der Bucht aktiv. Hier findet man – neben weiteren Walfangzeugnissen – heute noch die Überreste des damaligen Hauptquartiers und des Observatoriums Konstantinovka.

Wenn man bei der westlichen Walfängerstation anlandet und dann den Strand Richtung Westen entlangwandert, kommt man in ein ganz wunderbares Gebiet, das ich noch schöner finde als die Bucht selbst. Über einige leicht erklimmbare Geländestufen geht es hinaus Richtung Hornsundneset. Vorbei an einigen Rentieren gelangt man unterhalb des Hohenlohefjellet zu den Resten von Pomorenstationen.

Wendet man sich dann weiter südlich, gelangt man in ein zwar sehr unübersichtliches (Vorsicht geboten!), aber wirklich wunderliches Terrain: Hier ist das Gestein ausgewaschen in lauter kleine Pools, dazwischen sind kleine Türmchen stehengeblieben. Von dort blickt man dann schon in die nächste Bucht, die Vestvika, in der wir von hier schon einmal Buckelwale sehr nah sehen und hören konnten. Es ist ein schöner Platz zum Verweilen, wenn man gut achtgibt.

Wer gut zu Fuß ist kann den 414 Meter hohen Wurmbrandegga erklimmen – benannt nach einem österreichischen Politiker mit dem bedauerlichen Namen Wurmbrand. Diese Wanderung ist absolut keine Genusswanderung, bei der man auf schönen Pfaden gemütlich an Höhe gewinnen würde. Sie ist kurz und steil. Und wird dann noch ein bisschen steiler, auf gerölligem Untergrund. So kann man das ungefähr beschreiben.

Deswegen gehe ich dort nur mit trittsicheren Gästen hoch, und auch mit denen mache ich viele Pausen. Einen wirklich guten Weg habe ich noch nicht gefunden, einige Spuren führen schnurstracks nach oben (so wie das normalerweise Niederländer machen ), einige in gnädigeren Serpentinen. Wie auch immer, vor allem das letzte Stück ist keine Freude.

Warum macht man das dann? Weil oben, natürlich, ein wunderbarer Ausblick wartet. Man kämpft sich diese steile Wand hinauf und mit Erreichen des Grats breitet sich diese unfassbar weite, sensationelle Spitzbergenpanoramatapete vor einem aus. Und das Schöne ist eben, das ist alles echt. Atemlos steht man dann dort und hat die Plackerei schon vergessen.

Tief hinunter fällt der Blick in die weite Gåshamna, weit schweift er in den Sund hinein, nach Norden zu den Burgerbuktas hinüber, überall sieht man schneebedeckte spitze Berge, und in südwestlicher Richtung weit aufs weißkappige Meer hinaus. Ein wunderbarer Ort für Panoramafotos und Gipfelschoki.

Hinunter geht es dann viel leichter, wer elastische Beine wie Schmidtchen Schleicher hat (wer erinnert sich noch an dieses Lied? ), kann hier in das Geröll springend im Nu gen Tal federn. Aufpassen muss man aber auch da immer, denn an manchen Stellen kann das Geröll vor allem früh in der Saison noch gefroren und ganz und gar unfedernd sein. Zudem gibt es, wenn man sich zu weit nach Süden wagt, einige überraschende Geländestufen, vor denen man rechtzeitig bremsen sollte.

Und wenn man dann zurück an Bord ist, dann schaut man hinauf und sagt, ach, wie schön, da waren wir jetzt oben! Der Wurmbrandegga – wann wandern wir da wohl mal wieder hinauf?

Bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz