Heleysund 4BB
Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 41 – Die Strudel des Heleysunds

Das Schöne an Seefahrten ist – und manche Guides vergessen das manchmal – dass man ja auf See ist. Das klingt nun erst einmal seltsam, aber auf unseren Reisen suchen wir natürlich immer nach den bestmöglichen Landestellen, so dass es manchmal den Anschein hat, als ginge es nur um die Erlebnisse an Land. Gerade auf kleinen Schiffen ist das aber mitnichten der Fall – man kann jede Menge Seefahrerisches miterleben, beobachten, lernen, erfahren.

Mich fasziniert gerade die nautische Seite mit all ihren Facetten schon seitdem ich das erste Mal an Bord eines Schiffs gewesen bin. Und weil ich so wenig davon verstehe, bin ich immer noch unfassbar fasziniert, wie man 40 bis 50 Meter lange Segel- oder Motorschiffe zentimetergenau an eine schwankende Pier platzieren kann.

Es gibt in Spitzbergen einige Orte, die nautisch sehr interessant sind. Einer davon ist der Heleysund. Zwischen der Insel Barentsøya und Spitzbergen liegt eingeklemmt die Basaltinsel Kükenthaløya und noch einige weitere kleine Inselchen. Im Norden, also zwischen der Kükenthaløya und Spitzbergen, verläuft der Heleysund, eine Wasserstraße, die es in sich hat.

Obwohl sie gar nicht so fürchterlich schmal ist, kommt es hier nämlich zu enormen Strömungen. Und diese Strömungen drehen sich immer mit der Tide um. Das heißt, einmal geht es in die eine, mal in die andere Richtung. Will man durch den Heleysund hindurch fahren, muss man wissen, wann es in welche Richtung geht ¬ denn im falschen Moment kann es passieren, dass man so viel Gegenströmung hat, dass man gar nicht hindurch kommt, oder aber die Strömung so stark wird, dass man richtiggehend hindurch gespült wird. Und das kann auch anders als beabsichtigt verlaufen.

Hier ist also die Rechenkunst der Nautiker gefragt, die sich hier noch dazu auf nicht ganz verlässliche Tidentabellen verlassen müssen. Anhand dieser Berechnungen gibt es dann bestimmte Zeitfenster für eine Durchfahrt. Ich plane meine Reisen dann immer so, dass wir tagsüber durch den Sund fahren, oder zumindest zu einer Zeit, in der alle wach sind. Und dafür wecke ich meine Gäste schon auch mal um sechs Uhr morgens auf, was mir noch keiner übelgenommen hat.

Denn die Durchfahrt ist immer wieder spektakulär: Gewaltige Strudel formen sich hier, die man ganz deutlich an der Schiffsbewegung spüren kann. Man kann sogar unter Deck eine Veränderung hören, weil es auf einmal recht ungewöhnlich zu plätschern beginnt.

Da man bei den kleinen Schiffen auch auf der Brücke sein kann, kann man dann miterleben, wie das Schiff, obwohl man kaum Gas gibt, mit zehn Knoten durch den Sund schießt. Mitten auf dem Meer prallen Wellen aufeinander, ziehen sich weiße Schaumkreise wirbelnd über das Wasser. Und das alles vor der Kulisse der schwarzen Basaltfelsen und einem stahlblauen Himmel, wie es ihn so oft hier an der Grenze zum Osten gibt. Und diese Stimmung liebe ich.

Ich liebe es dann, wie ein Mäuschen an Deck zu stehen, diese gewaltigen Wirbel zu sehen und immer wieder auf die Brücke zu lugen, wo dann natürlich sehr konzentriert und meistens auch in größerer Besetzung navigiert wird. So oft ich durch diesen Sund gefahren bin, langweilig wird das niemals.

Südlich der Kükenthaløya, also zwischen dieser Insel und der Barentsøya, befindet sich eine noch weitaus schmalere Durchfahrt, das Ormholet, das Wurmloch. Hier sprudelt und wirbelt es ähnlich wie in der großen Durchfahrt, und man kann, wenn man das will, auch mit dem Schlauchboot hier durchfahren. Es ist sicher ein Erlebnis, das man so schnell nicht mehr vergisst.

Und das Allerschönste am Heleysund ist: Er ist den kleinen Schiffen vorbehalten. Für die großen ist diese Aktion ein bisschen zu spannend und schmal, und so ist man hier und auch schon in der Nähe des Sunds, eigentlich immer alleine, denn alle anderen müssen außen, also östlich an der Barentsøya vorbei fahren und verpassen diese Traumstelle.

Hier gibt es auch einen wunderbaren Ankerplatz, eine langgezogene, relativ enge Bucht mit Namen Straumslandet, inoffiziell heißt sie aber Noorderlichthamna. Weil natürlich das gleichnamige Segelschiff hier schon oft ankerte, genauso wie die anderen schönen kleinen Schiffe. Und dort kann man dann auch wieder an Land gehen, hinaus bis zur Landspitze marschieren, von der man dann den gesamten Heleysund überblicken kann, über die schwarzklippige Kükenthaløya hinweg bis zur Barentsøya – für mich einer der schönsten Ausblicke der ganzen Inselwelt.

So ist das, auf Seereisen, das Schiff gehört einfach dazu!

Bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz

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Mich fasziniert gerade die nautische Seite mit all ihren Facetten schon seitdem ich das erste Mal an Bord eines Schiffs gewesen bin. Und weil ich so wenig davon verstehe, bin ich immer noch unfassbar fasziniert, wie man 40 bis 50 Meter lange Segel- oder Motorschiffe zentimetergenau an eine schwankende Pier platzieren kann.

Es gibt in Spitzbergen einige Orte, die nautisch sehr interessant sind. Einer davon ist der Heleysund. Zwischen der Insel Barentsøya und Spitzbergen liegt eingeklemmt die Basaltinsel Kükenthaløya und noch einige weitere kleine Inselchen. Im Norden, also zwischen der Kükenthaløya und Spitzbergen, verläuft der Heleysund, eine Wasserstraße, die es in sich hat.

Obwohl sie gar nicht so fürchterlich schmal ist, kommt es hier nämlich zu enormen Strömungen. Und diese Strömungen drehen sich immer mit der Tide um. Das heißt, einmal geht es in die eine, mal in die andere Richtung. Will man durch den Heleysund hindurch fahren, muss man wissen, wann es in welche Richtung geht ¬ denn im falschen Moment kann es passieren, dass man so viel Gegenströmung hat, dass man gar nicht hindurch kommt, oder aber die Strömung so stark wird, dass man richtiggehend hindurch gespült wird. Und das kann auch anders als beabsichtigt verlaufen.

Hier ist also die Rechenkunst der Nautiker gefragt, die sich hier noch dazu auf nicht ganz verlässliche Tidentabellen verlassen müssen. Anhand dieser Berechnungen gibt es dann bestimmte Zeitfenster für eine Durchfahrt. Ich plane meine Reisen dann immer so, dass wir tagsüber durch den Sund fahren, oder zumindest zu einer Zeit, in der alle wach sind. Und dafür wecke ich meine Gäste schon auch mal um sechs Uhr morgens auf, was mir noch keiner übelgenommen hat.

Denn die Durchfahrt ist immer wieder spektakulär: Gewaltige Strudel formen sich hier, die man ganz deutlich an der Schiffsbewegung spüren kann. Man kann sogar unter Deck eine Veränderung hören, weil es auf einmal recht ungewöhnlich zu plätschern beginnt.

Da man bei den kleinen Schiffen auch auf der Brücke sein kann, kann man dann miterleben, wie das Schiff, obwohl man kaum Gas gibt, mit zehn Knoten durch den Sund schießt. Mitten auf dem Meer prallen Wellen aufeinander, ziehen sich weiße Schaumkreise wirbelnd über das Wasser. Und das alles vor der Kulisse der schwarzen Basaltfelsen und einem stahlblauen Himmel, wie es ihn so oft hier an der Grenze zum Osten gibt. Und diese Stimmung liebe ich.

Ich liebe es dann, wie ein Mäuschen an Deck zu stehen, diese gewaltigen Wirbel zu sehen und immer wieder auf die Brücke zu lugen, wo dann natürlich sehr konzentriert und meistens auch in größerer Besetzung navigiert wird. So oft ich durch diesen Sund gefahren bin, langweilig wird das niemals.

Südlich der Kükenthaløya, also zwischen dieser Insel und der Barentsøya, befindet sich eine noch weitaus schmalere Durchfahrt, das Ormholet, das Wurmloch. Hier sprudelt und wirbelt es ähnlich wie in der großen Durchfahrt, und man kann, wenn man das will, auch mit dem Schlauchboot hier durchfahren. Es ist sicher ein Erlebnis, das man so schnell nicht mehr vergisst.

Und das Allerschönste am Heleysund ist: Er ist den kleinen Schiffen vorbehalten. Für die großen ist diese Aktion ein bisschen zu spannend und schmal, und so ist man hier und auch schon in der Nähe des Sunds, eigentlich immer alleine, denn alle anderen müssen außen, also östlich an der Barentsøya vorbei fahren und verpassen diese Traumstelle.

Hier gibt es auch einen wunderbaren Ankerplatz, eine langgezogene, relativ enge Bucht mit Namen Straumslandet, inoffiziell heißt sie aber Noorderlichthamna. Weil natürlich das gleichnamige Segelschiff hier schon oft ankerte, genauso wie die anderen schönen kleinen Schiffe. Und dort kann man dann auch wieder an Land gehen, hinaus bis zur Landspitze marschieren, von der man dann den gesamten Heleysund überblicken kann, über die schwarzklippige Kükenthaløya hinweg bis zur Barentsøya – für mich einer der schönsten Ausblicke der ganzen Inselwelt.

So ist das, auf Seereisen, das Schiff gehört einfach dazu!

Bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz