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Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 43 – Die Bartrobbe

Die Bartrobbe fläzt meistens alleine auf einer Scholle oder einem Eisfeld herum, immer bereit, sofort im Wasser zu verschwinden. Sie gehört zu einer der bevorzugten Bärenspeisen und bewegt sich deshalb auch auf Eisfeldern nie weit von ihrem Wasserloch weg.

Gäste sind oft hoch beeindruckt, wenn man schon aus dem Augenwinkel bei einer Sichtung nicht nur Robbe, sondern: Bartrobbe sagt. Das siehst Du so schnell? fragen sie dann. Man könnte sich dann auf die Schulter klopfen und etwas von Übung, Kenntnis, Fachwissen faseln. Die Wahrheit aber ist, dass es einfach keine zweite Robbe in Spitzbergen gibt, die man so leicht mit einer Bartrobbe verwechseln könnte.

Denn die Bartrobbe ist nach dem Walross die zweitgrößte Robbenart der Arktis, und das hilft schon einmal. Und dann hat die Bartrobbe eine recht eindeutige Form: Vereinfacht gesagt, ist es eine dicke Wurst mit einem Bömmel auf einer Seite. Also ein dicker, langgezogener Körper mit einem Kopf. Alle anderen Arten sehen auf Anhieb anders aus. Ich bin so ehrlich und sage das den Gästen auch, denn dann wissen die künftig auch sofort, Wurst = Bart.

Imposant sind sie aber schon, immerhin werden sie 2,5 Meter lang und bringen mehr als 300 Kilogramm auf die Waage, manchmal sogar mehr als 400, und die Weibchen sind bei dieser Art die größeren. In Spitzbergen sind sie das ganze Jahr über unterwegs, charakteristisch ist für sie auch, dass sie eben immer alleine auf dem Eis liegen. Sie liegen nicht auf Steinen, wie die Seehunde und nicht am Strand, wie Walrosse, sondern ausschließlich auf Eis, und wenn kein Eis da ist, dann schwimmen sie. Schwimmend können sie sogar schlafen – und zwar, indem sie wie ein Korken im Wasser pendeln und die Schnauze schaut oben raus wie ein Schnorchel.

Weil sie aber so gerne auf Eis liegen, findet man sie mit dem saisonalen Dahinschwinden des Meereises auch oft noch vor Gletschern auf kleinen Gletschereisbröckchen liegen. Das kommt ihnen auch deswegen entgegen, weil sie sich meistens in der Nähe der Küste in flachen Gewässern aufhalten – weil sie alles fressen, was man am Meeresboden so findet, von Fischen und Tintenfischen über Krebse und Krabbengetier bis hin zu Muscheln. Wobei flach auch relativ ist, die Robben sind bis in 200 Meter Tiefe unterwegs, für Menschen wäre das ja wieder mal nicht so flach sondern eher tief.

Und dabei brauchen sie dann den Bart, bei Tieren haben ja die allermeisten körperlichen Ausprägungen einen direkten biologischen Sinn. In diesem Fall benutzt die Robbe die Barthaare beim Tasten nach Nahrung, weil die Barthaare ganz famose Tastorgane sind.

Das Eis brauchen die Bartrobben auch noch zur Fortpflanzung: Denn Anfang Mai kommen die kleinen Robbenbabies auf Eisschollen zur Welt. Die kleinen Robben verbringen dann einen Großteil des Tages mit Trinken: Acht Liter Muttermilch, die zu 50 Prozent aus Fett besteht, verleiben sie sich jeden Tag ein – das muss so eine Robbenfrau erst mal produzieren! Von den acht Litern Milch baut die kleine Robbe drei Kilo schnurstracks in ihren Körper ein und nimmt also jeden Tag fast die Hälfte dessen, was sie trinkt, an Gewicht zu. Es dauert dann auch lediglich drei Wochen, bis die kleine Robbe eine erwachsene Robbe ist und selbständig tauchen und Futter suchen kann.

Zahlen wie diese faszinieren mich immer wieder – wie es die Natur schafft, so komplexe Wesen in so kurzer Zeit so groß und überlebensfähig zu bekommen.

Die Bartrobbe hat aber kein ganz einfaches Leben. Nicht nur die eingangs bereits erwähnten Eisbären verleiben sich immer wieder gerne eine Bartrobbe ein, egal, welchen Alters übrigens. Es gibt auch Orcapopulationen, die sich auf Robben verlegt haben, Grönlandhaie verschmähen Robben nicht, und dann wird auch immer wieder von Walrossen berichtet, die sich auf die Robben stürzen können – und dann saugen sie mit ihren kräftigen Mäulern nicht wie sonst die Sandklaffmuschel, sondern das Hirn aus dem Kopf der Robbe raus. So oder so ähnlich läuft das ab, darauf deuten fragwürdig entstellte Robbenkadaver, die wir schon bei Poolepynten, einer beliebten Walross-Ankerstelle, gefunden haben, ziemlich eindeutig hin. Gruselig!

Wenn eine Bartrobbe aber all diesen hungrigen Gesellen erfolgreich ausweicht, kann sie bis zu 25 Jahre alt werden.

Was viele Menschen gar nicht wissen: Auch Robben können singen. Die Bartrobbenmännchen flöten vor allem in der Paarungszeit wahre Konzerte, sowohl über als auch unter Wasser. Zum ersten Mal habe ich dieses Geräusch gehört, als ich auf der Noorderlicht im Bett lag, unter Deck. Ein langes Pfeifen, mal höher, mal tiefer, wie ein Wal, aber doch anders. Ich konnte nicht feststellen, was das Geräusch war, und lernte dann, dass es sich um ein verliebtes Bartrobbenmännchen gehandelt hatte. Ein absolut tolles Erlebnis. Er muss sein Weibchen sehr gemocht haben!

Der Pelz ist bei Männchen und Weibchen gleich gefärbt: Am Rücken dunkelgrau und auf der Bauchseite etwas heller. Im Sommer, zwischen März und August wechseln die Robben das Fell und sehen dann eine Weile recht zerzaust aus. Der Pelz, beziehungsweise das bei dieser Art sehr feste Leder ist auch der Grund, warum die Robbe von Inuit gern gejagt wurde: Nicht nur wurde und wird das Fleisch von Mensch und Schlittenhund gegessen. Das Leder eignete sich auch prima als Bespannung von Kajaks oder Zelten, als Seile oder auch als Sohlen für die Fellstiefel, die auch heute noch so hergestellt werden. In diesem Zusammenhang kam und kommt den Bartrobben ihre einzelgängerische Lebensweise zugute – sie konnten nie so intensiv bejagt werden wie andere Robbenarten, die sich in großen Gruppen auf dem Eis versammeln – wie die Sattelrobben zum Beispiel. Sogar in Spitzbergen werden auch heute noch Bartrobben gejagt, allerdings in sehr kleiner Zahl, und nur von berechtigten Jägern.

Wir allerdings jagen die Robben immer nur mit unseren Kameras. Wir nähern uns leise an die Tiere an und bewegen uns ebenso leise wieder weg, mit dem Ziel, dass die Robbe ungestört einfach weiter auf Eis liegt.

Bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz

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Gäste sind oft hoch beeindruckt, wenn man schon aus dem Augenwinkel bei einer Sichtung nicht nur Robbe, sondern: Bartrobbe sagt. Das siehst Du so schnell? fragen sie dann. Man könnte sich dann auf die Schulter klopfen und etwas von Übung, Kenntnis, Fachwissen faseln. Die Wahrheit aber ist, dass es einfach keine zweite Robbe in Spitzbergen gibt, die man so leicht mit einer Bartrobbe verwechseln könnte.

Denn die Bartrobbe ist nach dem Walross die zweitgrößte Robbenart der Arktis, und das hilft schon einmal. Und dann hat die Bartrobbe eine recht eindeutige Form: Vereinfacht gesagt, ist es eine dicke Wurst mit einem Bömmel auf einer Seite. Also ein dicker, langgezogener Körper mit einem Kopf. Alle anderen Arten sehen auf Anhieb anders aus. Ich bin so ehrlich und sage das den Gästen auch, denn dann wissen die künftig auch sofort, Wurst = Bart.

Imposant sind sie aber schon, immerhin werden sie 2,5 Meter lang und bringen mehr als 300 Kilogramm auf die Waage, manchmal sogar mehr als 400, und die Weibchen sind bei dieser Art die größeren. In Spitzbergen sind sie das ganze Jahr über unterwegs, charakteristisch ist für sie auch, dass sie eben immer alleine auf dem Eis liegen. Sie liegen nicht auf Steinen, wie die Seehunde und nicht am Strand, wie Walrosse, sondern ausschließlich auf Eis, und wenn kein Eis da ist, dann schwimmen sie. Schwimmend können sie sogar schlafen – und zwar, indem sie wie ein Korken im Wasser pendeln und die Schnauze schaut oben raus wie ein Schnorchel.

Weil sie aber so gerne auf Eis liegen, findet man sie mit dem saisonalen Dahinschwinden des Meereises auch oft noch vor Gletschern auf kleinen Gletschereisbröckchen liegen. Das kommt ihnen auch deswegen entgegen, weil sie sich meistens in der Nähe der Küste in flachen Gewässern aufhalten – weil sie alles fressen, was man am Meeresboden so findet, von Fischen und Tintenfischen über Krebse und Krabbengetier bis hin zu Muscheln. Wobei flach auch relativ ist, die Robben sind bis in 200 Meter Tiefe unterwegs, für Menschen wäre das ja wieder mal nicht so flach sondern eher tief.

Und dabei brauchen sie dann den Bart, bei Tieren haben ja die allermeisten körperlichen Ausprägungen einen direkten biologischen Sinn. In diesem Fall benutzt die Robbe die Barthaare beim Tasten nach Nahrung, weil die Barthaare ganz famose Tastorgane sind.

Das Eis brauchen die Bartrobben auch noch zur Fortpflanzung: Denn Anfang Mai kommen die kleinen Robbenbabies auf Eisschollen zur Welt. Die kleinen Robben verbringen dann einen Großteil des Tages mit Trinken: Acht Liter Muttermilch, die zu 50 Prozent aus Fett besteht, verleiben sie sich jeden Tag ein – das muss so eine Robbenfrau erst mal produzieren! Von den acht Litern Milch baut die kleine Robbe drei Kilo schnurstracks in ihren Körper ein und nimmt also jeden Tag fast die Hälfte dessen, was sie trinkt, an Gewicht zu. Es dauert dann auch lediglich drei Wochen, bis die kleine Robbe eine erwachsene Robbe ist und selbständig tauchen und Futter suchen kann.

Zahlen wie diese faszinieren mich immer wieder – wie es die Natur schafft, so komplexe Wesen in so kurzer Zeit so groß und überlebensfähig zu bekommen.

Die Bartrobbe hat aber kein ganz einfaches Leben. Nicht nur die eingangs bereits erwähnten Eisbären verleiben sich immer wieder gerne eine Bartrobbe ein, egal, welchen Alters übrigens. Es gibt auch Orcapopulationen, die sich auf Robben verlegt haben, Grönlandhaie verschmähen Robben nicht, und dann wird auch immer wieder von Walrossen berichtet, die sich auf die Robben stürzen können – und dann saugen sie mit ihren kräftigen Mäulern nicht wie sonst die Sandklaffmuschel, sondern das Hirn aus dem Kopf der Robbe raus. So oder so ähnlich läuft das ab, darauf deuten fragwürdig entstellte Robbenkadaver, die wir schon bei Poolepynten, einer beliebten Walross-Ankerstelle, gefunden haben, ziemlich eindeutig hin. Gruselig!

Wenn eine Bartrobbe aber all diesen hungrigen Gesellen erfolgreich ausweicht, kann sie bis zu 25 Jahre alt werden.

Was viele Menschen gar nicht wissen: Auch Robben können singen. Die Bartrobbenmännchen flöten vor allem in der Paarungszeit wahre Konzerte, sowohl über als auch unter Wasser. Zum ersten Mal habe ich dieses Geräusch gehört, als ich auf der Noorderlicht im Bett lag, unter Deck. Ein langes Pfeifen, mal höher, mal tiefer, wie ein Wal, aber doch anders. Ich konnte nicht feststellen, was das Geräusch war, und lernte dann, dass es sich um ein verliebtes Bartrobbenmännchen gehandelt hatte. Ein absolut tolles Erlebnis. Er muss sein Weibchen sehr gemocht haben!

Der Pelz ist bei Männchen und Weibchen gleich gefärbt: Am Rücken dunkelgrau und auf der Bauchseite etwas heller. Im Sommer, zwischen März und August wechseln die Robben das Fell und sehen dann eine Weile recht zerzaust aus. Der Pelz, beziehungsweise das bei dieser Art sehr feste Leder ist auch der Grund, warum die Robbe von Inuit gern gejagt wurde: Nicht nur wurde und wird das Fleisch von Mensch und Schlittenhund gegessen. Das Leder eignete sich auch prima als Bespannung von Kajaks oder Zelten, als Seile oder auch als Sohlen für die Fellstiefel, die auch heute noch so hergestellt werden. In diesem Zusammenhang kam und kommt den Bartrobben ihre einzelgängerische Lebensweise zugute – sie konnten nie so intensiv bejagt werden wie andere Robbenarten, die sich in großen Gruppen auf dem Eis versammeln – wie die Sattelrobben zum Beispiel. Sogar in Spitzbergen werden auch heute noch Bartrobben gejagt, allerdings in sehr kleiner Zahl, und nur von berechtigten Jägern.

Wir allerdings jagen die Robben immer nur mit unseren Kameras. Wir nähern uns leise an die Tiere an und bewegen uns ebenso leise wieder weg, mit dem Ziel, dass die Robbe ungestört einfach weiter auf Eis liegt.

Bis nächste Woche!

Ihre
Birgit Lutz