Foto: Dr. Olaf Denz
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Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 58 – Tiere beobachten – in echt

Wir schaukeln in dem Zodiac hin und her, meine Hand ist schon fast am Gashebel angefroren, die Gäste kauern im windigen Nieselregen. Wir warten. Ein, zwei meiner Passagiere beginnen sich zu fragen, was das soll, das merke ich. Wir warten weiter.
Und damit bin ich wieder einmal mitten in einer dieser unnötig spannungsvollen Situationen, die uns Tierdokumentationen bescheren. Denn in ihnen fehlt immer der weitaus größte Teil, der Tierbeobachtungen ausmacht: Das Warten und das Suchen.

In dem konkreten Fall hatten wir am Morgen einen Eisbären entdeckt, der mittenmang in unserer Landestelle lag. Wie das nun mal oft so ist auf Spitzbergen. Der Bär war erstmal ein klassischer Störbär: Er lag an unserem Landeplatz ein bisschen weiter oben im Grünen, unter einem Vogelfelsen und tat nichts. Er verhinderte also unser Morgenprogramm, war aber zu weit weg, um ihn gut sehen und fotografieren zu können. Noch dazu erhob er sich nach einer Weile, gähnte uns an und stapfte hinter einen Buckel, so dass wir zwar glücklicherweise noch wussten, dass er da war, für eine Landgangs-Ersatz-Bärbeobachtung war dieses Verhalten aber denkbar ungeeignet. Was also tun?

Wir beschlossen, der Situation hier noch eine Chance zu geben und stiegen mit den Gästen in unsere Zodiacs. In ihnen fuhren wir um die Landspitze herum und entdeckten tatsächlich bald den Bären wieder, der sich ein bisschen weiter unten wieder hingelegt hatte. Etwa zehn Meter oberhalb einer etwa fünf Meter hohen Steilstufe zum Strand hinunter lag er da nun, den Kopf in die Pfoten gestützt, und äugte zu uns herüber.

Es war windig, es nieselte, es war alles in allem herrlich unkommod in dem klammkalten Schlauchboot. Der Küste vorgelagert waren einige Felsen. Deswegen konnten wir hier wieder nicht besonders nahe an die Küste fahren, man hat einerseits nicht viele Ersatz-Propeller an Bord und man will andererseits in der Nähe eines Eisbären sowieso nicht steckenbleiben.

Also schaukelten wir hier im Regen herum und die Gäste begannen sich zu fragen, warum wir das taten, denn bei David Attenborough sah das alles immer ganz anders aus.

Und genau das ist unser Problem. Nicht nur das unserer Gäste übrigens, die manchmal mit einer durch diese Filme genährten Erwartungshaltungen zu uns kommen, die sehr schwer zu erfüllen ist, sondern auch für uns Guides. Wir machen uns dann oft selbst viel zu viel Druck, denken, wir müssten noch mehr bieten – und dabei ist doch all das, was wir tun, das Echte: Natur, wie sie ist. Und machen dann manchmal den Fehler, dass wir zu ungeduldig werden. In diesem Fall dümpelten wir noch ein Stück weiter, immer in dem inneren Spannungsfeld: Geht das noch? Ist den Gästen zu kalt? Ist das nicht langweilig? Sollen wir fahren oder bleiben?

Und auf einmal tauchte hinter einem Felsen noch ein zweiter Eisbär auf. Und das ist dann schon eine kleine Sensation, denn zwei Eisbären auf einmal, das hat man nicht so oft. Der zweite Eisbär lag am Strand und stand ziemlich bald auf. Er lief unterhalb dieser Steilstufe umher und wir fragten uns: Wissen diese Bären voneinander? Bis deutlich wurde, dass zumindest der untere sehr wohl wusste, dass da noch einer lag: Im Pirschgang begann er, langsam, ganz langsam, die Steilstufe nach oben zu klettern, harrte dann aus und machte, oben angelangt, einige Riesensätze auf den liegenden Bären zu. Der schrak auf und rannte gleich mal ein ganzes Stück weg. Der Angriffsbär blieb stehen, schaute ihm nach und legte sich dann auf genau den Platz, an dem der andere gelegen hatte. Was für eine Kraftdemonstrationen, was für ein Bild, diese riesigen Bären so interagieren zu sehen! Sogar das Schnauben hatten wir hören können!

Und da waren unsere Gäste – und wir auch! – dann doch sehr froh, dass wir nicht weggefahren waren und hier abgewartet hatten. Das ist es eben, was man braucht, wenn es um Tierbeobachtungen geht: Geduld, Geduld, warme Kleidung, Geduld. Wenn ein Bär herumfläzt und man fährt deswegen sofort weiter, wird man verpassen, dass er zehn Minuten später aufsteht, sich reckt und streckt und beschließt, sich dieses tuckernde Ding mal näher anzuschauen.

Ungeduld und das Gefühl, man müsse mehr bieten – das sind die Feinde jeder ruhigen, schönen, spannenden Naturbeobachtung. Denn wenn man ungeduldig wird, zerstört man sich selber die besten Sichtungen. Die Tiere führen uns nicht auf Knopfdruck eine Show vor, weil es in unser Morgenprogramm passt. Es dauert so lange, wie es dauert, so ist das in echt, und nicht im Fernsehen, wo die drei Wochen des Wartens nicht gezeigt werden, bis die Eisbärjungen endlich aus der Höhle kommen. Es kann aber eben auch passieren, dass man zwei Stunden wartet, um einen bewegungslos schlafenden Bären anzuschauen. Das ist das Risiko, das macht den Wert aus, wenn dann etwas passiert.

Dass man nicht weiß, was geschieht, dass man sich Abläufen überlassen muss, die man nicht kontrollieren kann: das ist für mich das Spannende an Tierbeobachtungen. Man weiß nie, was kommt. Und doch wird man auf jeder Reise reich von der Natur belohnt, wenn man sie lässt.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

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Und damit bin ich wieder einmal mitten in einer dieser unnötig spannungsvollen Situationen, die uns Tierdokumentationen bescheren. Denn in ihnen fehlt immer der weitaus größte Teil, der Tierbeobachtungen ausmacht: Das Warten und das Suchen.

In dem konkreten Fall hatten wir am Morgen einen Eisbären entdeckt, der mittenmang in unserer Landestelle lag. Wie das nun mal oft so ist auf Spitzbergen. Der Bär war erstmal ein klassischer Störbär: Er lag an unserem Landeplatz ein bisschen weiter oben im Grünen, unter einem Vogelfelsen und tat nichts. Er verhinderte also unser Morgenprogramm, war aber zu weit weg, um ihn gut sehen und fotografieren zu können. Noch dazu erhob er sich nach einer Weile, gähnte uns an und stapfte hinter einen Buckel, so dass wir zwar glücklicherweise noch wussten, dass er da war, für eine Landgangs-Ersatz-Bärbeobachtung war dieses Verhalten aber denkbar ungeeignet. Was also tun?

Wir beschlossen, der Situation hier noch eine Chance zu geben und stiegen mit den Gästen in unsere Zodiacs. In ihnen fuhren wir um die Landspitze herum und entdeckten tatsächlich bald den Bären wieder, der sich ein bisschen weiter unten wieder hingelegt hatte. Etwa zehn Meter oberhalb einer etwa fünf Meter hohen Steilstufe zum Strand hinunter lag er da nun, den Kopf in die Pfoten gestützt, und äugte zu uns herüber.

Es war windig, es nieselte, es war alles in allem herrlich unkommod in dem klammkalten Schlauchboot. Der Küste vorgelagert waren einige Felsen. Deswegen konnten wir hier wieder nicht besonders nahe an die Küste fahren, man hat einerseits nicht viele Ersatz-Propeller an Bord und man will andererseits in der Nähe eines Eisbären sowieso nicht steckenbleiben.

Also schaukelten wir hier im Regen herum und die Gäste begannen sich zu fragen, warum wir das taten, denn bei David Attenborough sah das alles immer ganz anders aus.

Und genau das ist unser Problem. Nicht nur das unserer Gäste übrigens, die manchmal mit einer durch diese Filme genährten Erwartungshaltungen zu uns kommen, die sehr schwer zu erfüllen ist, sondern auch für uns Guides. Wir machen uns dann oft selbst viel zu viel Druck, denken, wir müssten noch mehr bieten – und dabei ist doch all das, was wir tun, das Echte: Natur, wie sie ist. Und machen dann manchmal den Fehler, dass wir zu ungeduldig werden. In diesem Fall dümpelten wir noch ein Stück weiter, immer in dem inneren Spannungsfeld: Geht das noch? Ist den Gästen zu kalt? Ist das nicht langweilig? Sollen wir fahren oder bleiben?

Und auf einmal tauchte hinter einem Felsen noch ein zweiter Eisbär auf. Und das ist dann schon eine kleine Sensation, denn zwei Eisbären auf einmal, das hat man nicht so oft. Der zweite Eisbär lag am Strand und stand ziemlich bald auf. Er lief unterhalb dieser Steilstufe umher und wir fragten uns: Wissen diese Bären voneinander? Bis deutlich wurde, dass zumindest der untere sehr wohl wusste, dass da noch einer lag: Im Pirschgang begann er, langsam, ganz langsam, die Steilstufe nach oben zu klettern, harrte dann aus und machte, oben angelangt, einige Riesensätze auf den liegenden Bären zu. Der schrak auf und rannte gleich mal ein ganzes Stück weg. Der Angriffsbär blieb stehen, schaute ihm nach und legte sich dann auf genau den Platz, an dem der andere gelegen hatte. Was für eine Kraftdemonstrationen, was für ein Bild, diese riesigen Bären so interagieren zu sehen! Sogar das Schnauben hatten wir hören können!

Und da waren unsere Gäste – und wir auch! – dann doch sehr froh, dass wir nicht weggefahren waren und hier abgewartet hatten. Das ist es eben, was man braucht, wenn es um Tierbeobachtungen geht: Geduld, Geduld, warme Kleidung, Geduld. Wenn ein Bär herumfläzt und man fährt deswegen sofort weiter, wird man verpassen, dass er zehn Minuten später aufsteht, sich reckt und streckt und beschließt, sich dieses tuckernde Ding mal näher anzuschauen.

Ungeduld und das Gefühl, man müsse mehr bieten – das sind die Feinde jeder ruhigen, schönen, spannenden Naturbeobachtung. Denn wenn man ungeduldig wird, zerstört man sich selber die besten Sichtungen. Die Tiere führen uns nicht auf Knopfdruck eine Show vor, weil es in unser Morgenprogramm passt. Es dauert so lange, wie es dauert, so ist das in echt, und nicht im Fernsehen, wo die drei Wochen des Wartens nicht gezeigt werden, bis die Eisbärjungen endlich aus der Höhle kommen. Es kann aber eben auch passieren, dass man zwei Stunden wartet, um einen bewegungslos schlafenden Bären anzuschauen. Das ist das Risiko, das macht den Wert aus, wenn dann etwas passiert.

Dass man nicht weiß, was geschieht, dass man sich Abläufen überlassen muss, die man nicht kontrollieren kann: das ist für mich das Spannende an Tierbeobachtungen. Man weiß nie, was kommt. Und doch wird man auf jeder Reise reich von der Natur belohnt, wenn man sie lässt.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz