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Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 81 – Begegnung mit einem Rentier

Um in der Natur wunderbare Dinge zu erleben, muss man häufig nicht weit gehen. Geduld und Stille sind viel wichtiger.

Bin ich fit genug? Das fragen mich immer wieder Menschen, die sich für eine Reise in die Arktis interessieren. Das ist einerseits eine gute Frage, denn eine gewisse Grundkonstitution ist schon nicht schlecht in so einem Gebiet. Also, man sollte vom Schiff ins Boot steigen können und wieder zurück, auf weglosem Gelände einigermaßen sicher gehen können, wobei man sich natürlich auch mit Stöcken behelfen kann. Aber man muss kein Marathonläufer sein, und auch keine Kilometermärsche absolvieren können. Denn wunderbare Dinge passieren oft schon direkt neben der Landestelle.

So geschehen vergangenes Jahr, an der bekannten Landestelle Ny-London auf der Blomstrandhalbinsel. Auf dieser Insel kann mal sehr lange Wanderungen unternehmen, kreuz und quer und hoch. Man kann aber auch entlang der Küste spazieren und dort die wunderbar ausgespülten Felsen bestaunen, die immer wieder kleine, geheimnisvoll scheinende Mini-Strandbuchten formen, in denen ein klares Wasser über weiße Kiesel spült, und man selbst in der steifsten Brise das Gefühl von Karibik bekommt und am liebsten sein Laken dort ausbreiten würde. Diese Steine sind keine 300 Meter von der Landestelle entfernt, trotzdem kennen sie viele nicht, weil sie immer schnurstracks nach den ¬– sicherlich auch schönen – Bergen laufen.

Und dort also, ein bisschen oberhalb dieser arktischen Karibik, stand auf einer Tundraterrasse ein Rentier. Es äugte uns an und wir äugten zurück. Wir waren nur zu fünft, und so standen wir da und das Rentier dort. Dann bewegten wir uns langsam, ganz langsam, auf das Rentier zu, wir redeten nicht mehr und kommunizierten nur mit den Augen. Immer wieder blieben wir stehen, damit sich das Tier an uns gewöhnen konnte. Wir änderten ein bisschen die Richtung, blieben dicht beisammen, damit wir das Ren nicht umzingelten.

Und dann geschah das, was so traumhaft ist in diesen Regionen, in denen Tiere kaum gejagt werden: Das Ren bewegte sich auf uns zu. Es schaute jeden einzelnen von uns an, einem jeden in die Augen, eine ganze Weile. Da stand es, vielleicht sieben Meter entfernt von uns, und schritt uns ab und witterte und schaute. Und weil wir dann doch nicht so interessant waren, wie die noch ab und an verblühenden Blümelein zu seinen Hufen, knispelte und knuspelte das Ren alsbald wieder weiter, seelenruhig, und kam bei seinem Äsen und Fräsen uns sogar noch ein bisschen näher.

Wir hielten die Luft an und konnten kaum glauben, dass dieses Tier so wenig Angst und so viel Neugier hatte. Was waren wir aber auch für seltsam bunte Gestalten! Aber essbar waren wir halt nicht. Und so knispelte es weiter, direkt vor unseren Gummistiefeln.

Unser Luxusproblem war nun, dass wir nicht gut zum Licht standen, was in solchen Momenten oft in den Hintergrund tritt, weil man eh so froh ist, ein Tier zu erleben. Weil dieses Tier aber so seelenruhig und ungestört von uns war, und sich dann auch noch ganz dekorativ hinlegte, nein geradezu drapierte, bewegten wir uns also rund um das Ren herum, und konnten so das wiederkäuende Rentier, die Felsenkaribik, die wilden Wolken im Abendlicht und die Cape Race noch dazu, alles auf ein Bild bannen. Das beste Bild aber, das ist uns doch im Kopf geblieben.

In fünfzehn Jahren des Arbeitens in der Arktis habe ich noch nie so etwas erlebt: dass man ein Rentier umrundet, dass es von selbst immer näher kommt und auch so lang so nahe bleibt. Immer wieder gibt es vorwitzige Tiere, die richtig auf uns zu preschen, und zwanzig Meter vor uns dann abrupt abbremsen, beinahe wie in einem Comic, uns kurz beäugen und dann wieder davon galoppieren. Aber dieses Rentier, das war schon ein besonderes.

Wir verbrachten beinahe eine Stunde bei dem Tier, setzten uns ins Moos und waren still. Wir konnten seine sanften Augen sehen, seine fleißigen Lippen, die Halm um Halm abrissen, die Hufe mit dem weißen Fell ringsum, ausgiebigst konnten wir dieses schöne Tier und sein Verhalten bestaunen.

Als wir langsam davon gingen, äste es immer noch auf jener Tundraterrasse vor sich hin, hob nur einmal kurz den Kopf und schaute uns nach, als wolle es uns verabschieden. Wir tapsten davon, glücklich und erfüllt von einem Frieden, als hätten wir einen 14 Tage langen Meditationsurlaub gemacht. Dieses Gefühl, diese Freude und Dankbarkeit, dieses Staunen und dieser Frieden – das schafft doch immer wieder nur die Natur.

Und das ist es, was so schön ist, um zur Eingangsfrage zurück zu kommen. Um das zu erleben, muss man kein einziges Mal an der langen Wanderung teilnehmen. Unser Spaziergang war wohl keinen Kilometer lang. Vergessen werde ich ihn, unter all den vielen langen und kurzen Wanderungen, die ich schon geführt habe, nie.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

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So geschehen vergangenes Jahr, an der bekannten Landestelle Ny-London auf der Blomstrandhalbinsel. Auf dieser Insel kann mal sehr lange Wanderungen unternehmen, kreuz und quer und hoch. Man kann aber auch entlang der Küste spazieren und dort die wunderbar ausgespülten Felsen bestaunen, die immer wieder kleine, geheimnisvoll scheinende Mini-Strandbuchten formen, in denen ein klares Wasser über weiße Kiesel spült, und man selbst in der steifsten Brise das Gefühl von Karibik bekommt und am liebsten sein Laken dort ausbreiten würde. Diese Steine sind keine 300 Meter von der Landestelle entfernt, trotzdem kennen sie viele nicht, weil sie immer schnurstracks nach den ¬– sicherlich auch schönen – Bergen laufen.

Und dort also, ein bisschen oberhalb dieser arktischen Karibik, stand auf einer Tundraterrasse ein Rentier. Es äugte uns an und wir äugten zurück. Wir waren nur zu fünft, und so standen wir da und das Rentier dort. Dann bewegten wir uns langsam, ganz langsam, auf das Rentier zu, wir redeten nicht mehr und kommunizierten nur mit den Augen. Immer wieder blieben wir stehen, damit sich das Tier an uns gewöhnen konnte. Wir änderten ein bisschen die Richtung, blieben dicht beisammen, damit wir das Ren nicht umzingelten.

Und dann geschah das, was so traumhaft ist in diesen Regionen, in denen Tiere kaum gejagt werden: Das Ren bewegte sich auf uns zu. Es schaute jeden einzelnen von uns an, einem jeden in die Augen, eine ganze Weile. Da stand es, vielleicht sieben Meter entfernt von uns, und schritt uns ab und witterte und schaute. Und weil wir dann doch nicht so interessant waren, wie die noch ab und an verblühenden Blümelein zu seinen Hufen, knispelte und knuspelte das Ren alsbald wieder weiter, seelenruhig, und kam bei seinem Äsen und Fräsen uns sogar noch ein bisschen näher.

Wir hielten die Luft an und konnten kaum glauben, dass dieses Tier so wenig Angst und so viel Neugier hatte. Was waren wir aber auch für seltsam bunte Gestalten! Aber essbar waren wir halt nicht. Und so knispelte es weiter, direkt vor unseren Gummistiefeln.

Unser Luxusproblem war nun, dass wir nicht gut zum Licht standen, was in solchen Momenten oft in den Hintergrund tritt, weil man eh so froh ist, ein Tier zu erleben. Weil dieses Tier aber so seelenruhig und ungestört von uns war, und sich dann auch noch ganz dekorativ hinlegte, nein geradezu drapierte, bewegten wir uns also rund um das Ren herum, und konnten so das wiederkäuende Rentier, die Felsenkaribik, die wilden Wolken im Abendlicht und die Cape Race noch dazu, alles auf ein Bild bannen. Das beste Bild aber, das ist uns doch im Kopf geblieben.

In fünfzehn Jahren des Arbeitens in der Arktis habe ich noch nie so etwas erlebt: dass man ein Rentier umrundet, dass es von selbst immer näher kommt und auch so lang so nahe bleibt. Immer wieder gibt es vorwitzige Tiere, die richtig auf uns zu preschen, und zwanzig Meter vor uns dann abrupt abbremsen, beinahe wie in einem Comic, uns kurz beäugen und dann wieder davon galoppieren. Aber dieses Rentier, das war schon ein besonderes.

Wir verbrachten beinahe eine Stunde bei dem Tier, setzten uns ins Moos und waren still. Wir konnten seine sanften Augen sehen, seine fleißigen Lippen, die Halm um Halm abrissen, die Hufe mit dem weißen Fell ringsum, ausgiebigst konnten wir dieses schöne Tier und sein Verhalten bestaunen.

Als wir langsam davon gingen, äste es immer noch auf jener Tundraterrasse vor sich hin, hob nur einmal kurz den Kopf und schaute uns nach, als wolle es uns verabschieden. Wir tapsten davon, glücklich und erfüllt von einem Frieden, als hätten wir einen 14 Tage langen Meditationsurlaub gemacht. Dieses Gefühl, diese Freude und Dankbarkeit, dieses Staunen und dieser Frieden – das schafft doch immer wieder nur die Natur.

Und das ist es, was so schön ist, um zur Eingangsfrage zurück zu kommen. Um das zu erleben, muss man kein einziges Mal an der langen Wanderung teilnehmen. Unser Spaziergang war wohl keinen Kilometer lang. Vergessen werde ich ihn, unter all den vielen langen und kurzen Wanderungen, die ich schon geführt habe, nie.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz