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Old rusting machinery sits in Stromness Whaling Station in South Georgia
Birgit Lutz

Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 82 – Stromness Harbour – gruselig schön

Die Walfangstation Stromness auf Südgeorgien ist ein wundervoller Landeplatz und diente im Roman „Herz auf Eis“ als Vorbild für die sich gar gruselig entwickelnde Geschichte. Ein Besuch.

Stromness ist ein unwirklich scheinender Ort, ein Ort, an dem man ein bisschen Zeit braucht, ihn einzuordnen. Stromness Harbour liegt an der Nordküste der wunderbaren Insel Südgeorgien, die auf einigen Antarktisreisen angefahren wird, und, ich sag´ es ganz unter uns, eigentlich schöner ist als die ganze Antarktis zusammen. Weil sie so wild ist und alpin, weil sie landschaftlich so aufregend ist, und in dieser Landschaft auch noch so viele Tiere sitzen. Weit weg ist man dort, und tief in der Natur.

Umso abrupter ist dann das Aufwachen in Stromness, nein, Natur gibt es ja nirgends mehr so richtig unberührt, und auch hier ist sie das nicht, das flammt an diesem Ort richtig vor einem auf. Gewaltige Silotanks ragen in den Himmel, halb zerfallene Häuser stehen am flachen Strand, allerlei Gerümpel liegt und steht herum, ein bizarrer Anblick ist das, all dieser rote Rost vor dem grünen Tussock-Gras, Gartendesigner hätten ihre helle Freude, so viel Edelrost, doch edel sieht es hier wirklich nicht aus. Darüber spannt sich ein blauer Himmel und überall in diesem Bild lungern Pelzrobben herum, vor und zwischen den Gebäuden stützen sie sich auf ihre Vorderflossen, rotunterlaufen beäugen sie Besucher ganz argwöhnisch und pfeifen sie aus spitzen Mäulern böse an.

Was ist das hier, was war das hier? Stromness ist eine der Walfangstationen, die es auf Südgeorgien einst gab, 1907 hatte die norwegische Sandefjord Hvalfangerselskab ihre Arbeiten begonnen. Im Norden der Bucht machte damals zu Beginn das Fabrikschiff Fridtjof Nansen II fest und die Wale wurden dort verarbeitet, ein trauriges Wort, wenn es doch um Lebewesen geht. Wenig später wurde die Landstation errichtet, mit der die Wale noch besser ausgewrungen werden konnten: 1913-14 wurde aus 442 Walen so viel Öl gewonnen wie zwei Jahre zuvor noch aus 912 Tieren. Man mag es kaum schreiben, aber so war das.

1960 schloss Stromness, als die Hvalfangerselskab den Walfang in Südgeorgien einstellte.
Übrig geblieben sind die Bauten und Silos und Gerätschaften, denn so ist es immer an entlegenen Orten, an denen Geld gewonnen werden soll: Es funktioniert immer, allerlei Dinge bis ans Ende der Welt zu bringen, um zu tun, was man will. Doch zurück bringt sie dann niemand mehr.

Hinter der Station breitet sich das Shackleton Valley aus, ein weites Tal, in dem man sodann auf eine Kolonie von Eselspinguinen trifft, und noch ein Stück weiter, am Ende des Tals nach etwa zwei Kilometern, erheben sich einige Felsen, von denen der Shackleton Wasserfall herunterrinnt oder donnert, je nach Jahreszeit. Nach Schackleton ist hier alles benannt, weil Stromness das Ende seiner Odysee bedeutete, als er nach Hilfe suchend losgezogen war dereinst, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Geschichte dagegen, die die Autorin Isabelle Autissier aufgeschrieben hat, ist reine Fiktion, doch wenn man in Stromness steht und ein kalter Wind um die Nase weht, dann kann sich sogleich fröstelnd vorstellen, wie das gewesen sein könnte, mit diesem segelnden Paar, das auf der erfundenen Insel Stromness anlandete, und dann war das Boot weg und das Paar blieb zurück. Mit nicht viel mehr als einem Müsliriegel.

Kann man Pinguine essen? Diese Frage stellt man sich dann, auch im Buch wurde sie gestellt, wie sie beantwortet wurde, sei hier nicht verraten, aber Pinguine wurden früher schon ganz anders behandelt als heute – zu Zeiten, in denen Stromness noch aktiv war und man Wale zu Öl verarbeitete, wurden auch Pinguine oft ohne den Zwischenschritt des Öl-Gewinnens einfach verheizt in manchen Schiffsbäuchen, sie wurden sogar vorab schon eingerechnet als Brennmaterial. Ein bisschen verbessern kann der Mensch sich doch, oder wer kann sich das heute noch vorstellen?

Doch dann steht man an diesem Ort, der sein Gesicht sehr schnell verwandeln kann, eben war noch alles gut, die Sonne wärmte die Haut, das Grün des Grases strahlte und man dachte sich, hier könnte man doch länger verweilen. Doch dann schieben sich schnelle Wolken auf den Himmel, schwarzblaugraue, Wind kommt auf und es regnet und es wird sagenhaft ungemütlich, die Finger schmerzen und man denkt, was hätte man hier wohl getan, mit einem Müsliriegel? Zu zweit?

Diesem Ort wohnt ein Zauber inne, weil er einst so schön war, weil diese Landschaft so wunderbar für sich steht, weil diese Tiere in ihr herumwuseln, weil es hier keine Menschen gibt, wenn man an der Station vorbeischaut. Diesem Ort wohnt auch ein Grusel inne, dann, wenn man eben auf die Station blickt; so viele Tiere wurden hier über die Jahre geschlachtet, ausgeschlachtet, gewinnbringend verarbeitet; es wurde nicht das Wesen dieser Tiere gesehen, nicht ihre Augen, die den Menschen so neugierig anblicken können, sondern nur, wieviel Öl sie in Form von Fett unter ihrer Haut verbargen, und wie viele norwegische Kronen dieses Öl den von weither gekommenen Männern erwirtschaften konnte.

Autissier hat diesem Ort mit ihrem Buch noch eine weitere Dimension des Grusels beigefügt, denn in ihrem Buch geht es dann noch um andere Tiere, die von den Menschen einst hierher gebracht wurden: Die Ratten, die in den verlassenen Gebäuden hausten und sich von allem ernährten, was es dort noch gab, und auch von jungen Pinguinen oder bodenbrütenden Vögeln, doch auch das ist eine andere Geschichte. Die Ratten jedenfalls, sie hatten Hunger, und die beiden Gestrandeten lagen in den Häusern auf schmierigfettigen Matratzen am Boden und wussten, es würde hier kein Schiff kommen, denn die fiktive Insel Stromness ist im Buch eine geschützte Insel, die nicht besucht werden darf, von niemandem.

Das echte Stromness ist ein Ort, zu dem meine Gedanken im Winter, dann, wenn die Schiffe dort haltmachen, immer wieder wandern. Aber nie mehr kann ich an Stromness denken ohne dieses Buch und die Geschichte, die sich dort gar nicht zugetragen hat.

Und so ist Stromness ein einzigartiger Fleck, für den man viel auf sich nehmen kann, um ihn einmal im Leben zu sehen. Doch es ist auch wunderbar, wenn man ihn wieder verlassen kann!

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

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Die Walfangstation Stromness auf Südgeorgien ist ein wundervoller Landeplatz und diente im Roman „Herz auf Eis“ als Vorbild für die sich gar gruselig entwickelnde Geschichte. Ein Besuch.

Stromness ist ein unwirklich scheinender Ort, ein Ort, an dem man ein bisschen Zeit braucht, ihn einzuordnen. Stromness Harbour liegt an der Nordküste der wunderbaren Insel Südgeorgien, die auf einigen Antarktisreisen angefahren wird, und, ich sag´ es ganz unter uns, eigentlich schöner ist als die ganze Antarktis zusammen. Weil sie so wild ist und alpin, weil sie landschaftlich so aufregend ist, und in dieser Landschaft auch noch so viele Tiere sitzen. Weit weg ist man dort, und tief in der Natur.

Umso abrupter ist dann das Aufwachen in Stromness, nein, Natur gibt es ja nirgends mehr so richtig unberührt, und auch hier ist sie das nicht, das flammt an diesem Ort richtig vor einem auf. Gewaltige Silotanks ragen in den Himmel, halb zerfallene Häuser stehen am flachen Strand, allerlei Gerümpel liegt und steht herum, ein bizarrer Anblick ist das, all dieser rote Rost vor dem grünen Tussock-Gras, Gartendesigner hätten ihre helle Freude, so viel Edelrost, doch edel sieht es hier wirklich nicht aus. Darüber spannt sich ein blauer Himmel und überall in diesem Bild lungern Pelzrobben herum, vor und zwischen den Gebäuden stützen sie sich auf ihre Vorderflossen, rotunterlaufen beäugen sie Besucher ganz argwöhnisch und pfeifen sie aus spitzen Mäulern böse an.

Was ist das hier, was war das hier? Stromness ist eine der Walfangstationen, die es auf Südgeorgien einst gab, 1907 hatte die norwegische Sandefjord Hvalfangerselskab ihre Arbeiten begonnen. Im Norden der Bucht machte damals zu Beginn das Fabrikschiff Fridtjof Nansen II fest und die Wale wurden dort verarbeitet, ein trauriges Wort, wenn es doch um Lebewesen geht. Wenig später wurde die Landstation errichtet, mit der die Wale noch besser ausgewrungen werden konnten: 1913-14 wurde aus 442 Walen so viel Öl gewonnen wie zwei Jahre zuvor noch aus 912 Tieren. Man mag es kaum schreiben, aber so war das.

1960 schloss Stromness, als die Hvalfangerselskab den Walfang in Südgeorgien einstellte.
Übrig geblieben sind die Bauten und Silos und Gerätschaften, denn so ist es immer an entlegenen Orten, an denen Geld gewonnen werden soll: Es funktioniert immer, allerlei Dinge bis ans Ende der Welt zu bringen, um zu tun, was man will. Doch zurück bringt sie dann niemand mehr.

Hinter der Station breitet sich das Shackleton Valley aus, ein weites Tal, in dem man sodann auf eine Kolonie von Eselspinguinen trifft, und noch ein Stück weiter, am Ende des Tals nach etwa zwei Kilometern, erheben sich einige Felsen, von denen der Shackleton Wasserfall herunterrinnt oder donnert, je nach Jahreszeit. Nach Schackleton ist hier alles benannt, weil Stromness das Ende seiner Odysee bedeutete, als er nach Hilfe suchend losgezogen war dereinst, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Geschichte dagegen, die die Autorin Isabelle Autissier aufgeschrieben hat, ist reine Fiktion, doch wenn man in Stromness steht und ein kalter Wind um die Nase weht, dann kann sich sogleich fröstelnd vorstellen, wie das gewesen sein könnte, mit diesem segelnden Paar, das auf der erfundenen Insel Stromness anlandete, und dann war das Boot weg und das Paar blieb zurück. Mit nicht viel mehr als einem Müsliriegel.

Kann man Pinguine essen? Diese Frage stellt man sich dann, auch im Buch wurde sie gestellt, wie sie beantwortet wurde, sei hier nicht verraten, aber Pinguine wurden früher schon ganz anders behandelt als heute – zu Zeiten, in denen Stromness noch aktiv war und man Wale zu Öl verarbeitete, wurden auch Pinguine oft ohne den Zwischenschritt des Öl-Gewinnens einfach verheizt in manchen Schiffsbäuchen, sie wurden sogar vorab schon eingerechnet als Brennmaterial. Ein bisschen verbessern kann der Mensch sich doch, oder wer kann sich das heute noch vorstellen?

Doch dann steht man an diesem Ort, der sein Gesicht sehr schnell verwandeln kann, eben war noch alles gut, die Sonne wärmte die Haut, das Grün des Grases strahlte und man dachte sich, hier könnte man doch länger verweilen. Doch dann schieben sich schnelle Wolken auf den Himmel, schwarzblaugraue, Wind kommt auf und es regnet und es wird sagenhaft ungemütlich, die Finger schmerzen und man denkt, was hätte man hier wohl getan, mit einem Müsliriegel? Zu zweit?

Diesem Ort wohnt ein Zauber inne, weil er einst so schön war, weil diese Landschaft so wunderbar für sich steht, weil diese Tiere in ihr herumwuseln, weil es hier keine Menschen gibt, wenn man an der Station vorbeischaut. Diesem Ort wohnt auch ein Grusel inne, dann, wenn man eben auf die Station blickt; so viele Tiere wurden hier über die Jahre geschlachtet, ausgeschlachtet, gewinnbringend verarbeitet; es wurde nicht das Wesen dieser Tiere gesehen, nicht ihre Augen, die den Menschen so neugierig anblicken können, sondern nur, wieviel Öl sie in Form von Fett unter ihrer Haut verbargen, und wie viele norwegische Kronen dieses Öl den von weither gekommenen Männern erwirtschaften konnte.

Autissier hat diesem Ort mit ihrem Buch noch eine weitere Dimension des Grusels beigefügt, denn in ihrem Buch geht es dann noch um andere Tiere, die von den Menschen einst hierher gebracht wurden: Die Ratten, die in den verlassenen Gebäuden hausten und sich von allem ernährten, was es dort noch gab, und auch von jungen Pinguinen oder bodenbrütenden Vögeln, doch auch das ist eine andere Geschichte. Die Ratten jedenfalls, sie hatten Hunger, und die beiden Gestrandeten lagen in den Häusern auf schmierigfettigen Matratzen am Boden und wussten, es würde hier kein Schiff kommen, denn die fiktive Insel Stromness ist im Buch eine geschützte Insel, die nicht besucht werden darf, von niemandem.

Das echte Stromness ist ein Ort, zu dem meine Gedanken im Winter, dann, wenn die Schiffe dort haltmachen, immer wieder wandern. Aber nie mehr kann ich an Stromness denken ohne dieses Buch und die Geschichte, die sich dort gar nicht zugetragen hat.

Und so ist Stromness ein einzigartiger Fleck, für den man viel auf sich nehmen kann, um ihn einmal im Leben zu sehen. Doch es ist auch wunderbar, wenn man ihn wieder verlassen kann!

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