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Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 86 – Die Elfenbeinmöwe – Ganz in Weiß

Wenn zwischen all den Möwen und Lummen und Alken unvermittelt ein vollkommen weißer Vogel segelt, bekommt so mancher Arktisbesucher vor Aufregung Schnappatmung.

Bei dem Vogel mit gänzlich weißem Gefieder handelt es sich um die Elfenbeinmöwe, ein wunderschönes Tier, das weit im Norden zuhause ist. Nicht wenige Besucher Spitzbergens kommen tatsächlich wegen dieser Möwe auf die Inseln, wie ich in der letzten Folge schon angedeutet hatte – und nicht wegen der Eisbären. Weiter südlich bekommt man die Möwe auch kaum zu Gesicht. Der Elfenbeinmöwe gefällt es nämlich ausschließlich dort, wo es kalt ist und wo Eisschollen auf dem Meer schwappen. In absehbarer Zeit also kann man nicht mit einer Adriatisierung der Möwe rechnen. Darauf deutet auch ihr sehr sprechender lateinischer Name hin: Pagophila eburnea: meereisliebend, elfenbeinfarbig.

Die Meereisliebende brütet auf den Inseln der hohen Arktis, außer Spitzbergen also auch in Kanada, Grönland und den russischen Inseln. Sogar im Winter bleibt sie in der Arktis, fliegt aber nicht weiter nördlich als die Packeisgrenze, und nur so weit nach Süden, bis es die ersten Sonnenstrahlen gibt. Im Sommer fliegen Möwen vereinzelt sogar bis in die Nähe des Nordpols – wenn das Eis aufgebrochen genug und Nahrung auffindbar ist.

Ganz ab und zu verflattern sich einzelne Exemplare auch mal richtig weit nach Süden und tauchen dann plötzlich in New York auf. Eine besonders neugierige Möwe wurde 1997 in St.-Peter-Ording gesichtet.

Was ist so besonders an dieser Möwe? Wie gesagt, ist sie ganz weiß, anders als alle anderen Möwen. Nur ihre Augen und Beine sind schwarz, der Schnabel gelb. Wie viele es wirklich gibt von ihr, weiß man nicht, man weiß ja überhaupt so wenig von manchen Tieren. Schätzungen gehen weit auseinander, weil sich die Elfenbeinmöwe genauso wie der Eisbär bevorzugt in Gefilden aufhält, die für den Menschen immer noch schwer zu erreichen sind. In Spitzbergen gibt es vermutlich mehr Eisbären als Elfenbeinmöwen; dort brüten wohl gerade mal um die 200 Elfenbeinmöwenpaare; das ist sehr wenig im Vergleich zu anderen Vogelarten, bei denen die Zahl auch mal in die Hunderttausende geht: 850.000 Brutpaare beispielsweise bei der Dickschnabellumme.

Besorgniserregend ist allerdings, dass die Population der Elfenbeinmöwen vor allem in Kanada um 85 Prozent gesunken ist. Nun kann es sein, dass sie den Standort gewechselt haben, es kann aber auch sein, dass sie tatsächlich sterben. Denn Elfenbeinmöwen haben die höchste Konzentration von PCB und DDT in ihren Eiern. Das ist unschwer auf die robbenfleischhaltige Kost zurückzuführen, die auch den Eisbären und Inuit zu schaffen macht: Im Fett von Robben (und Walen) sammeln sich die ganzen Giftstoffe, die wir in unsere Meere abwassern, besonders gut an.

Auf Spitzbergen nisten Elfenbeinmöwen vor allem im Nordosten und Osten, was wegen ihrer Vorliebe für meereisige Gegenden nicht verwundert ¬ dort bleibt das Eis nun mal am längsten. Mit etwas Glück allerdings kann man sie auch in Longyearbyen oder Ny-Alesund erspähen, nämlich in der Nähe der Hundezwinger, wo auch mal Robbenfleisch verfüttert wird. Das mag die Möwe.

Auch deswegen ist man sofort aufgeregt, wenn man eine Elfenbeinmöwe erspäht: Weil sie nicht selten die Begleitung von Eisbären sind. Weil es einfacher ist, als dauernd selber zu jagen, fressen sie gerne die Reste von Eisbärenmahlzeiten und sogar deren Kot, der ja immer noch recht reichhaltig ist.

Die Elfenbeinmöwe ist ein schlankes, elegant wirkendes Tier, nicht so präsent wie die viel größere Eismöwe; sie wiegt nur ein knappes halbes Kilo und bringt es auf eine Spannweite bis 120 Zentimeter.

Wann Elfenbeinmöwen geschlechtsreif sind, weiß man auch nicht, aber in Bezug auf ihr Paarverhalten haben sie eine Lösung gefunden, die auch manch Mensch mittlerweile ganz praktisch findet: die monogame Saisonehe. Das heißt, sie paaren sich und ziehen miteinander ihre Jungen auf, aber in der nächsten Saison gibt es einen neuen Partner, neues Glück.

Für ihre Nestbauwahl sind sie nicht ausgesprochen festgelegt: Nester gibt es sowohl auf Kiesstränden als auch an Meeresklippen oder Felsen weiter im Inland. Das Nest ist nicht aufwändig gebaut, etwas Pflanzenmaterial, ab und an ein paar Federn, fertig. Zu viel Trubel mögen die Möwen nicht, die Kolonien sind meistens nicht groß und die einzelnen Nester haben gebührenden Abstand. Vielleicht ist die Elfenbeinmöwe die Norwegerin unter den Möwen, wer weiß.

Zwischen Mitte Juni und Mitte Juli legt das Elfenbeinweibchen meistens zwei Eier, die dann Weibchen und Männchen zusammen etwa dreieinhalb Wochen bebrüten. Nach etwa sieben Wochen fliegen die Jungen aus dem Nest. Die Jungvögel haben dann noch braunschwarze Punkte auf ihrem weißen Federkleid und kein reinweißes Gesicht. Dieses Gefieder bleibt über den ersten Winter, erst das adulte Tier ist dann ganz weiß.

Sein ganzes Leben verbringt die Möwe dann am und auf dem Meereis, immer bei Temperaturen, bei denen Menschen zumindest warme Wollpullover, wenn nicht dicke Daunenkleidung benötigen, und allerlei andere Hilfsmittel noch dazu. Diese enorme Überlebensfähigkeit ist es auch, was mich von Anfang an so fasziniert hat an diesen kleinen Lebewesen. Die Möwe fühlt sich pudelwohl in Schnee und Eis; ohne kann sie gar nicht. Auch deswegen freue ich mich über alle Gäste, die diese Leistung zu würdigen wissen und nicht achtlos an ihr vorbei nach einem Eisbären suchen. So, wie meine Vogel-Reisenden.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

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Die Meereisliebende brütet auf den Inseln der hohen Arktis, außer Spitzbergen also auch in Kanada, Grönland und den russischen Inseln. Sogar im Winter bleibt sie in der Arktis, fliegt aber nicht weiter nördlich als die Packeisgrenze, und nur so weit nach Süden, bis es die ersten Sonnenstrahlen gibt. Im Sommer fliegen Möwen vereinzelt sogar bis in die Nähe des Nordpols – wenn das Eis aufgebrochen genug und Nahrung auffindbar ist.

Ganz ab und zu verflattern sich einzelne Exemplare auch mal richtig weit nach Süden und tauchen dann plötzlich in New York auf. Eine besonders neugierige Möwe wurde 1997 in St.-Peter-Ording gesichtet.

Was ist so besonders an dieser Möwe? Wie gesagt, ist sie ganz weiß, anders als alle anderen Möwen. Nur ihre Augen und Beine sind schwarz, der Schnabel gelb. Wie viele es wirklich gibt von ihr, weiß man nicht, man weiß ja überhaupt so wenig von manchen Tieren. Schätzungen gehen weit auseinander, weil sich die Elfenbeinmöwe genauso wie der Eisbär bevorzugt in Gefilden aufhält, die für den Menschen immer noch schwer zu erreichen sind. In Spitzbergen gibt es vermutlich mehr Eisbären als Elfenbeinmöwen; dort brüten wohl gerade mal um die 200 Elfenbeinmöwenpaare; das ist sehr wenig im Vergleich zu anderen Vogelarten, bei denen die Zahl auch mal in die Hunderttausende geht: 850.000 Brutpaare beispielsweise bei der Dickschnabellumme.

Besorgniserregend ist allerdings, dass die Population der Elfenbeinmöwen vor allem in Kanada um 85 Prozent gesunken ist. Nun kann es sein, dass sie den Standort gewechselt haben, es kann aber auch sein, dass sie tatsächlich sterben. Denn Elfenbeinmöwen haben die höchste Konzentration von PCB und DDT in ihren Eiern. Das ist unschwer auf die robbenfleischhaltige Kost zurückzuführen, die auch den Eisbären und Inuit zu schaffen macht: Im Fett von Robben (und Walen) sammeln sich die ganzen Giftstoffe, die wir in unsere Meere abwassern, besonders gut an.

Auf Spitzbergen nisten Elfenbeinmöwen vor allem im Nordosten und Osten, was wegen ihrer Vorliebe für meereisige Gegenden nicht verwundert ¬ dort bleibt das Eis nun mal am längsten. Mit etwas Glück allerdings kann man sie auch in Longyearbyen oder Ny-Alesund erspähen, nämlich in der Nähe der Hundezwinger, wo auch mal Robbenfleisch verfüttert wird. Das mag die Möwe.

Auch deswegen ist man sofort aufgeregt, wenn man eine Elfenbeinmöwe erspäht: Weil sie nicht selten die Begleitung von Eisbären sind. Weil es einfacher ist, als dauernd selber zu jagen, fressen sie gerne die Reste von Eisbärenmahlzeiten und sogar deren Kot, der ja immer noch recht reichhaltig ist.

Die Elfenbeinmöwe ist ein schlankes, elegant wirkendes Tier, nicht so präsent wie die viel größere Eismöwe; sie wiegt nur ein knappes halbes Kilo und bringt es auf eine Spannweite bis 120 Zentimeter.

Wann Elfenbeinmöwen geschlechtsreif sind, weiß man auch nicht, aber in Bezug auf ihr Paarverhalten haben sie eine Lösung gefunden, die auch manch Mensch mittlerweile ganz praktisch findet: die monogame Saisonehe. Das heißt, sie paaren sich und ziehen miteinander ihre Jungen auf, aber in der nächsten Saison gibt es einen neuen Partner, neues Glück.

Für ihre Nestbauwahl sind sie nicht ausgesprochen festgelegt: Nester gibt es sowohl auf Kiesstränden als auch an Meeresklippen oder Felsen weiter im Inland. Das Nest ist nicht aufwändig gebaut, etwas Pflanzenmaterial, ab und an ein paar Federn, fertig. Zu viel Trubel mögen die Möwen nicht, die Kolonien sind meistens nicht groß und die einzelnen Nester haben gebührenden Abstand. Vielleicht ist die Elfenbeinmöwe die Norwegerin unter den Möwen, wer weiß.

Zwischen Mitte Juni und Mitte Juli legt das Elfenbeinweibchen meistens zwei Eier, die dann Weibchen und Männchen zusammen etwa dreieinhalb Wochen bebrüten. Nach etwa sieben Wochen fliegen die Jungen aus dem Nest. Die Jungvögel haben dann noch braunschwarze Punkte auf ihrem weißen Federkleid und kein reinweißes Gesicht. Dieses Gefieder bleibt über den ersten Winter, erst das adulte Tier ist dann ganz weiß.

Sein ganzes Leben verbringt die Möwe dann am und auf dem Meereis, immer bei Temperaturen, bei denen Menschen zumindest warme Wollpullover, wenn nicht dicke Daunenkleidung benötigen, und allerlei andere Hilfsmittel noch dazu. Diese enorme Überlebensfähigkeit ist es auch, was mich von Anfang an so fasziniert hat an diesen kleinen Lebewesen. Die Möwe fühlt sich pudelwohl in Schnee und Eis; ohne kann sie gar nicht. Auch deswegen freue ich mich über alle Gäste, die diese Leistung zu würdigen wissen und nicht achtlos an ihr vorbei nach einem Eisbären suchen. So, wie meine Vogel-Reisenden.

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