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Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 93- Wo ist das Eis?

Was ist da los in der Antarktis? Dort gibt es so wenig Meereis wie nie zuvor.

Heute beschäftigen wir uns mit dem Meereis in der Antarktis. Denn leider gehen nun auch dort recht beunruhigende Dinge vor sich.

Worum geht es?
Während das Meereis der Arktis schon seit Jahrzehnten abnimmt, schien es lange Zeit, als würde das Meereis der Antarktis von der Erderwärmung unberührt bleiben. Seit einigen Jahren aber hat sich das verändert. Seit 2016 liegt nun auch in der Antarktis die Ausdehnung des Meereises, also diejenige Fläche des Meers, die im Winter mit Eis bedeckt ist, unter dem langjährigen Durchschnitt. Jetzt wurde ein Extremwert ermittelt: Seit Beginn der Satellitenmessungen Ende der 1970er Jahre wurde noch nie ein so geringer Wert verzeichnet. Noch nie gab es zu dieser Jahreszeit – dem Hochwinter in der Antarktis – so wenig Meereis.

Wovon reden wir genau?
Am 4. Juli waren nur 12,3 Millionen Quadratkilometer der Antarktis mit Eis bedeckt. Das sind rund 2,7 Millionen Quadratkilometer weniger als im langjährigen Mittel von 1981 bis 2010. Das entspricht ungefähr der siebenfachen Fläche Deutschlands. Ermittelt wurden diese Zahlen am National Snow and Ice Data Center (NSIDC) an der US-Universität von Boulder, Colorado, ähnliche Zahlen ermittelte das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven (AWI). Es ist allerdings nicht so, dass Eis schmilzt – es bildet sich einfach weniger. Der jahreszeitliche Rhythmus des Schmelzens und erneuten Wachsen des Eises hat einen Schlag bekommen, sozusagen.

Eine tolle interaktive Grafik dazu ist hier zu finden (Antarctic markieren):
https://nsidc.org/arcticseaicenews/charctic-interactive-sea-ice-graph

Woran liegt das?
Die Ursachen dieser für die Antarktis außergewöhnlichen Entwicklung sind noch nicht eindeutig zuzuordnen, sagen Forschende des AWI. Sie benennen aber die gestiegenen Lufttemperaturen als einen beeinflussenden Faktor: Über der gesamten Antarktis mit Ausnahme des Amundsensee-Rossmeer-Sektors liegen die Lufttemperaturen derzeit zwischen zwei und drei Grad Celsius oberhalb des langjährigen Mittelwertes der Jahre 1971 – 2000. Im Bereich der Bellingshausensee und des südlichen Weddellmeers sogar mehr als sechs Grad Celsius oberhalb des Langzeitwertes, in der Amundsensee dagegen ist es kälter als sonst.
Auf dieser Grafik sieht man die Abweichungen von den Durchschnittswerten sehr anschaulich:

Warum war die Situation in der Antarktis bisher anders als in der Arktis?
In der Arktis kann man den Meereisrückgang eindeutig auf die globale Erwärmung und die in der Arktis beobachtete polare Verstärkung zurückführen. Diese Zusammenhänge erkläre ich sehr anschaulich auch in meinem letzten Buch. In der Antarktis dagegen war der globale Erwärmungstrend noch nicht eindeutig zu verzeichnen. Lediglich im Bereich der Antarktischen Halbinsel hat sich in den letzten 50 Jahren ein deutlicher Erwärmungstrend von 0,5 °C pro Jahrzehnt eingestellt.
Der Grund dafür: Warme Luftmassen schaffen es nicht so leicht in die Antarktis. Der Antarktische Kontinent ist durch seinen Eisschild und den dadurch hervorgerufenen Polarwirbel durch einen starken Westwindgürtel (polarer Jetstream) vom Zustrom warmer Luftmassen aus mittleren Breiten abgeschirmt.

Was ist nun zu erwarten?
Der Winter in der Antarktis dauert noch eine Weile: Das Eis wächst dort immer bis Mitte September, bis zum sogenannten Meereismaximum. Danach kommt langsam der Frühling und Sommer, das Eis beginnt zu schmelzen und die Fläche nimmt ab. Es verbleiben nun also noch etwa sechs Wochen bis zu diesem Maximum, in denen der polare Winter und das Eiswachstum die Situation verändern können.
Eines sei aus der Entwicklung jedoch auch jetzt schon abzulesen, heißt es in einer Mitteilung des AWI: Die globale Erwärmung und damit die Auswirkungen auf das Klimasystem der Erde sind zunehmend auch in der bisher vom globalen Austausch weitestgehend unbeeinflussten Antarktis spürbar.

Welche Folgen hat das fehlende Meereis für das Ökosystem?
Für das Leben im Meer ist es ein großer Unterschied, ob das Meer zeitweise von Eis bedeckt ist oder nicht – auch das erkläre ich in meinem letzten Buch. Denn es gibt zahlreiche Arten, die direkt im Eis leben, erklärt der Meeresbiologe Hauke Flores vom AWI: „Dazu zählen etwa Eisalgen, verschiedene Einzeller, Schnecken, quallenartige Tiere und kleine Krebse. Diese Arten sind direkt betroffen, wenn es weniger Eis gibt.“
Und: Auch der Krill, eines der wichtigsten Tierchen im antarktischen Nahrungsnetz, besiedelt im Larvenstadium den Raum unter dem Meereis. „Je weniger Meereis, desto weniger Krill“, so Flores, „ aber Krill ist eine zentrale Nahrungsgrundlage für zahlreiche weitere Arten. Dazu zählen Wale, Robben und auch Pinguine.“

Um darzustellen, wie ungewöhnlich die Entwicklung ist, hat der Mathematik-Professor Eliot Jacobson die Abweichungen vom Mittelwert in einer Grafik zusammengefasst und in seinem Twitter-Kanal veröffentlicht. Anhand dieser Grafik sieht man, wie das Meereis der Antarktis pulsierend zu- und abnimmt, immer in einem bestimmten Bereich. Das Jahr 2023 allerdings weicht davon weit ab. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Events betrug bisher 1:7,4 Millionen.

In meinem Buch sagte der Glaziologe Dr. Andreas Alexander, sie würden in ihren Studien nun teils Werte messen, die außerhalb aller bisherigen Skalen lägen. Das hier ist so ein Beispiel.

Was allerdings sehr auffallend ist, dass diese durchaus dramatisch zu nennende Entwicklung leider sehr wenig berichtet wird. Arktis und Antarktis sind die Klimaanlage unserer Erde. Wenn deren Kühl-Aggregate versagen, wird sich das Leben auf unserem Planeten grundlegend verändern. Deswegen ist es noch wichtiger, dass wir uns weiterhin für das Aufhalten der Klimakrise einsetzen.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

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Worum geht es?
Während das Meereis der Arktis schon seit Jahrzehnten abnimmt, schien es lange Zeit, als würde das Meereis der Antarktis von der Erderwärmung unberührt bleiben. Seit einigen Jahren aber hat sich das verändert. Seit 2016 liegt nun auch in der Antarktis die Ausdehnung des Meereises, also diejenige Fläche des Meers, die im Winter mit Eis bedeckt ist, unter dem langjährigen Durchschnitt. Jetzt wurde ein Extremwert ermittelt: Seit Beginn der Satellitenmessungen Ende der 1970er Jahre wurde noch nie ein so geringer Wert verzeichnet. Noch nie gab es zu dieser Jahreszeit – dem Hochwinter in der Antarktis – so wenig Meereis.

Wovon reden wir genau?
Am 4. Juli waren nur 12,3 Millionen Quadratkilometer der Antarktis mit Eis bedeckt. Das sind rund 2,7 Millionen Quadratkilometer weniger als im langjährigen Mittel von 1981 bis 2010. Das entspricht ungefähr der siebenfachen Fläche Deutschlands. Ermittelt wurden diese Zahlen am National Snow and Ice Data Center (NSIDC) an der US-Universität von Boulder, Colorado, ähnliche Zahlen ermittelte das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven (AWI). Es ist allerdings nicht so, dass Eis schmilzt – es bildet sich einfach weniger. Der jahreszeitliche Rhythmus des Schmelzens und erneuten Wachsen des Eises hat einen Schlag bekommen, sozusagen.

Eine tolle interaktive Grafik dazu ist hier zu finden (Antarctic markieren):
https://nsidc.org/arcticseaicenews/charctic-interactive-sea-ice-graph

Woran liegt das?
Die Ursachen dieser für die Antarktis außergewöhnlichen Entwicklung sind noch nicht eindeutig zuzuordnen, sagen Forschende des AWI. Sie benennen aber die gestiegenen Lufttemperaturen als einen beeinflussenden Faktor: Über der gesamten Antarktis mit Ausnahme des Amundsensee-Rossmeer-Sektors liegen die Lufttemperaturen derzeit zwischen zwei und drei Grad Celsius oberhalb des langjährigen Mittelwertes der Jahre 1971 – 2000. Im Bereich der Bellingshausensee und des südlichen Weddellmeers sogar mehr als sechs Grad Celsius oberhalb des Langzeitwertes, in der Amundsensee dagegen ist es kälter als sonst.
Auf dieser Grafik sieht man die Abweichungen von den Durchschnittswerten sehr anschaulich:

Warum war die Situation in der Antarktis bisher anders als in der Arktis?
In der Arktis kann man den Meereisrückgang eindeutig auf die globale Erwärmung und die in der Arktis beobachtete polare Verstärkung zurückführen. Diese Zusammenhänge erkläre ich sehr anschaulich auch in meinem letzten Buch. In der Antarktis dagegen war der globale Erwärmungstrend noch nicht eindeutig zu verzeichnen. Lediglich im Bereich der Antarktischen Halbinsel hat sich in den letzten 50 Jahren ein deutlicher Erwärmungstrend von 0,5 °C pro Jahrzehnt eingestellt.
Der Grund dafür: Warme Luftmassen schaffen es nicht so leicht in die Antarktis. Der Antarktische Kontinent ist durch seinen Eisschild und den dadurch hervorgerufenen Polarwirbel durch einen starken Westwindgürtel (polarer Jetstream) vom Zustrom warmer Luftmassen aus mittleren Breiten abgeschirmt.

Was ist nun zu erwarten?
Der Winter in der Antarktis dauert noch eine Weile: Das Eis wächst dort immer bis Mitte September, bis zum sogenannten Meereismaximum. Danach kommt langsam der Frühling und Sommer, das Eis beginnt zu schmelzen und die Fläche nimmt ab. Es verbleiben nun also noch etwa sechs Wochen bis zu diesem Maximum, in denen der polare Winter und das Eiswachstum die Situation verändern können.
Eines sei aus der Entwicklung jedoch auch jetzt schon abzulesen, heißt es in einer Mitteilung des AWI: Die globale Erwärmung und damit die Auswirkungen auf das Klimasystem der Erde sind zunehmend auch in der bisher vom globalen Austausch weitestgehend unbeeinflussten Antarktis spürbar.

Welche Folgen hat das fehlende Meereis für das Ökosystem?
Für das Leben im Meer ist es ein großer Unterschied, ob das Meer zeitweise von Eis bedeckt ist oder nicht – auch das erkläre ich in meinem letzten Buch. Denn es gibt zahlreiche Arten, die direkt im Eis leben, erklärt der Meeresbiologe Hauke Flores vom AWI: „Dazu zählen etwa Eisalgen, verschiedene Einzeller, Schnecken, quallenartige Tiere und kleine Krebse. Diese Arten sind direkt betroffen, wenn es weniger Eis gibt.“
Und: Auch der Krill, eines der wichtigsten Tierchen im antarktischen Nahrungsnetz, besiedelt im Larvenstadium den Raum unter dem Meereis. „Je weniger Meereis, desto weniger Krill“, so Flores, „ aber Krill ist eine zentrale Nahrungsgrundlage für zahlreiche weitere Arten. Dazu zählen Wale, Robben und auch Pinguine.“

Um darzustellen, wie ungewöhnlich die Entwicklung ist, hat der Mathematik-Professor Eliot Jacobson die Abweichungen vom Mittelwert in einer Grafik zusammengefasst und in seinem Twitter-Kanal veröffentlicht. Anhand dieser Grafik sieht man, wie das Meereis der Antarktis pulsierend zu- und abnimmt, immer in einem bestimmten Bereich. Das Jahr 2023 allerdings weicht davon weit ab. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Events betrug bisher 1:7,4 Millionen.

In meinem Buch sagte der Glaziologe Dr. Andreas Alexander, sie würden in ihren Studien nun teils Werte messen, die außerhalb aller bisherigen Skalen lägen. Das hier ist so ein Beispiel.

Was allerdings sehr auffallend ist, dass diese durchaus dramatisch zu nennende Entwicklung leider sehr wenig berichtet wird. Arktis und Antarktis sind die Klimaanlage unserer Erde. Wenn deren Kühl-Aggregate versagen, wird sich das Leben auf unserem Planeten grundlegend verändern. Deswegen ist es noch wichtiger, dass wir uns weiterhin für das Aufhalten der Klimakrise einsetzen.

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