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Birgit Lutz

In ihrer Polarkolumne, die ab 2021 immer freitags auf unserer Homepage neu erscheint, schreibt die Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz über alle Themenfelder der Polarregionen - von großen Erlebnissen und kleinen Momenten auf eigenen Reisen über aktuelle Entwicklungen in Arktis und Antarktis bis hin zu praktischen Informationen für Ihre Reisevorbereitung oder Empfehlungen zur Polarliteratur.

Notizen aus dem Eis 97 – Walrosse, die gemütlichen Dickhäuter

Die Walrosse lagen dicht beieinander, im roten Abendlicht. Sie rülpsten und furzten vor sich hin, dass es nur so eine Freude war. Großartig!

Nie werde ich meine erste Begegnung mit Walrossen an Land vergessen. Es war bei meiner zweiten Reise in die Arktis, zum ersten Mal ging ich mit einer Gruppe auf die Tiere zu, die da so ruhig am Strand lagen. Diese ganze absonderliche Szenerie, diese seltsam urtümlichen Geschöpfe, die an Land so schwerfällig wirken (aber dann doch schnell robben können, wenn sie wollen!) und im Wasser so schnell sind, die Einsamkeit dieses Orts im entlegenen Franz-Joseph-Land, das Abendlicht, das alles schöner machte – davon trage ich für immer ein inneres Foto in mir.

Bis dahin hatte ich wenig Berührung mit Walrossen gehabt – wie auch. Dabei sind es, wie alle Tiere eigentlich, faszinierende Wesen. Sie sind perfekt angepasst an den Lebensraum des hohen Nordens, fühlen sich wohl, wenn es kalt ist, liegen am liebsten auf Meereis oder arktischen Stränden herum und fressen Unmengen der Sandklaffmuschel, die in kalten, flachen Wassern vorkommt. Deswegen begegnet man Walrossen meist in Küstennähe.

Dass es dem Walross so kuschelig warm ist, liegt vor allem an seiner dicken Lederhaut mit einer Fettschicht darunter. Diese Haut ist so zäh und dick, dass sie hervorragend gegen Eisbären schützt, die sie nur schwer durchbeißen können. Diese Zähigkeit wurde dem Walross aber zum Verhängnis, als Jäger auftauchten: Denn seine Lederhaut war bald beliebt als Werkstoff, zum Beispiel als Riemen in Motoren aller Art.

Aus Spitzbergen zog sich das Walross deswegen immer weiter zurück nach Osten, eben nach Franz Joseph Land, wo weniger Jäger hinkamen. Bis vor wenigen Jahren wagten sich die Weibchen mit ihren Jungen immer noch nicht wieder aus ihrer Schutzzone heraus. Sie blieben auf den russischen Inseln, während die Männchen schon mal erkundeten, wie es in Spitzbergen war. Nur zur Paarung trafen sich die Männlein und Weiblein in der Mitte, dann kehrten sie auf ihre Inselgruppen zurück. Erst seit einigen Jahren sieht man auch im Osten Spitzbergens wieder Weibchen und Junge – eine schöne Entwicklung!

Dann allerdings muss man mehr Abstand halten von den Kolonien, denn die Walross-Weibchen verstehen so gar keinen Spaß, wenn es um ihre Jungen geht. Von Kolonien mit Jungen geht eine viel höhere Aggressivität aus – da werden auch mal Schlauchboote angegriffen und durchlöchert, dass es nur so pfeift.

Abstand halten muss man allerdings auch an Land, denn wenn man die Tiere aufscheucht, kann es passieren, dass sie alle zusammen ins Wasser flüchten und dabei ihre Kinder zertrampeln – das ist leicht passiert, wenn man als Walross-Mann 1200 Kilo wiegt und die Weibchen auch noch bis zu 800 Kilo auf die Waage bringen. Auch wenn die Babys schon bei der Geburt mehr als 50 Kilo schwer sind, kann das für sie zu viel sein. Also ist hier Vorsicht geboten, denn daran will man ja wirklich nicht schuld sein.

Das auffälligste Merkmal des Odobenus rosmarus, salopp übersetzt, „der auf den Zähnen geht“, sind dessen Stoßzähne. Die des Männchens sind länger und oft recht gerade und eckig geformt, während die des Weibchens kürzer und runder sind. Obwohl sie so hervorstehend sind, sind sie für das Überleben der Walrosse aber nicht von Bedeutung: Es wurden schon viele Walrosse ohne Zähne gesehen, denen es ganz prima ging. Die Zähne werden wohl vor allem im Kampf mit Artgenossen eingesetzt, zur Fortbewegung dienen sie jedenfalls nicht, auch zum Fressen brauchen sie die Zähne nicht: Die Muscheln werden mit ihren enorm kräftigen Lippen leergesaugt, und ab und zu soll das auch einer Robbe widerfahren, die plötzlich kein Gehirn mehr hat. So die Sage.

Meine beeindruckendste Walross-Beobachtung hat gerade erst stattgefunden: Auf einer Spitzbergenreise besuchten wir eine Walross-Kolonie, die gleichzeitig auch Besuch von einem Fuchs bekam. Der Fuchs (Polarfüchse sind etwa katzengroß) hatte vor den Walrossen wenig Angst und schwänzelte unentwegt um sie herum; die Walrosse allerdings machte das recht nervös. Es schien ein bisschen wie die Angst eines Elefanten vor einem Mäuschen.

Das Beste allerdings sollte noch kommen: Gegen Ende unserer Landung tauchte am Horizont ein Eisbär auf. Flugs waren wir auf dem Schiff zurück und warteten nun geduldig, was da passieren möge. Der noch junge Eisbär näherte sich in der Tat den Walrossen, und nun wähnten wir uns bald mitten in einer Naturdokumentation: Die alten Walross-Männer blieben völlig unberührt liegen – weniger als vom Fuchs! – und der Eisbär hielt respektvoll Abstand.

Aber die ungestümen Jugendlichen machten sich mächtig wichtig im Wasser. Der Eisbär sprang immer wieder in die Wellen, aber nie richtig hinein ins Wasser – offensichtlich wusste er, wie chancenlos er dort den jungen Bullen ausgeliefert wäre. Diese wiederum wussten, dass sie sich nur im Wasser sicher fühlen konnten und blieben fein im Nass. Diese ganze Szene gehört in den 15 Jahren Arktisreisen sicher zu einer der wunderbarsten Beobachtungen, die ich je gemacht habe. Anderthalb Stunden konnten wir die Interaktion von Walross, Fuchs und Bär beobachten. Ein Traum war das, und am Ende hatte ich viele neue innere Fotos, die ich auf ewig behalten werde.

Bis in zwei Wochen!

Eure
Birgit Lutz

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Bis dahin hatte ich wenig Berührung mit Walrossen gehabt – wie auch. Dabei sind es, wie alle Tiere eigentlich, faszinierende Wesen. Sie sind perfekt angepasst an den Lebensraum des hohen Nordens, fühlen sich wohl, wenn es kalt ist, liegen am liebsten auf Meereis oder arktischen Stränden herum und fressen Unmengen der Sandklaffmuschel, die in kalten, flachen Wassern vorkommt. Deswegen begegnet man Walrossen meist in Küstennähe.

Dass es dem Walross so kuschelig warm ist, liegt vor allem an seiner dicken Lederhaut mit einer Fettschicht darunter. Diese Haut ist so zäh und dick, dass sie hervorragend gegen Eisbären schützt, die sie nur schwer durchbeißen können. Diese Zähigkeit wurde dem Walross aber zum Verhängnis, als Jäger auftauchten: Denn seine Lederhaut war bald beliebt als Werkstoff, zum Beispiel als Riemen in Motoren aller Art.

Aus Spitzbergen zog sich das Walross deswegen immer weiter zurück nach Osten, eben nach Franz Joseph Land, wo weniger Jäger hinkamen. Bis vor wenigen Jahren wagten sich die Weibchen mit ihren Jungen immer noch nicht wieder aus ihrer Schutzzone heraus. Sie blieben auf den russischen Inseln, während die Männchen schon mal erkundeten, wie es in Spitzbergen war. Nur zur Paarung trafen sich die Männlein und Weiblein in der Mitte, dann kehrten sie auf ihre Inselgruppen zurück. Erst seit einigen Jahren sieht man auch im Osten Spitzbergens wieder Weibchen und Junge – eine schöne Entwicklung!

Dann allerdings muss man mehr Abstand halten von den Kolonien, denn die Walross-Weibchen verstehen so gar keinen Spaß, wenn es um ihre Jungen geht. Von Kolonien mit Jungen geht eine viel höhere Aggressivität aus – da werden auch mal Schlauchboote angegriffen und durchlöchert, dass es nur so pfeift.

Abstand halten muss man allerdings auch an Land, denn wenn man die Tiere aufscheucht, kann es passieren, dass sie alle zusammen ins Wasser flüchten und dabei ihre Kinder zertrampeln – das ist leicht passiert, wenn man als Walross-Mann 1200 Kilo wiegt und die Weibchen auch noch bis zu 800 Kilo auf die Waage bringen. Auch wenn die Babys schon bei der Geburt mehr als 50 Kilo schwer sind, kann das für sie zu viel sein. Also ist hier Vorsicht geboten, denn daran will man ja wirklich nicht schuld sein.

Das auffälligste Merkmal des Odobenus rosmarus, salopp übersetzt, „der auf den Zähnen geht“, sind dessen Stoßzähne. Die des Männchens sind länger und oft recht gerade und eckig geformt, während die des Weibchens kürzer und runder sind. Obwohl sie so hervorstehend sind, sind sie für das Überleben der Walrosse aber nicht von Bedeutung: Es wurden schon viele Walrosse ohne Zähne gesehen, denen es ganz prima ging. Die Zähne werden wohl vor allem im Kampf mit Artgenossen eingesetzt, zur Fortbewegung dienen sie jedenfalls nicht, auch zum Fressen brauchen sie die Zähne nicht: Die Muscheln werden mit ihren enorm kräftigen Lippen leergesaugt, und ab und zu soll das auch einer Robbe widerfahren, die plötzlich kein Gehirn mehr hat. So die Sage.

Meine beeindruckendste Walross-Beobachtung hat gerade erst stattgefunden: Auf einer Spitzbergenreise besuchten wir eine Walross-Kolonie, die gleichzeitig auch Besuch von einem Fuchs bekam. Der Fuchs (Polarfüchse sind etwa katzengroß) hatte vor den Walrossen wenig Angst und schwänzelte unentwegt um sie herum; die Walrosse allerdings machte das recht nervös. Es schien ein bisschen wie die Angst eines Elefanten vor einem Mäuschen.

Das Beste allerdings sollte noch kommen: Gegen Ende unserer Landung tauchte am Horizont ein Eisbär auf. Flugs waren wir auf dem Schiff zurück und warteten nun geduldig, was da passieren möge. Der noch junge Eisbär näherte sich in der Tat den Walrossen, und nun wähnten wir uns bald mitten in einer Naturdokumentation: Die alten Walross-Männer blieben völlig unberührt liegen – weniger als vom Fuchs! – und der Eisbär hielt respektvoll Abstand.

Aber die ungestümen Jugendlichen machten sich mächtig wichtig im Wasser. Der Eisbär sprang immer wieder in die Wellen, aber nie richtig hinein ins Wasser – offensichtlich wusste er, wie chancenlos er dort den jungen Bullen ausgeliefert wäre. Diese wiederum wussten, dass sie sich nur im Wasser sicher fühlen konnten und blieben fein im Nass. Diese ganze Szene gehört in den 15 Jahren Arktisreisen sicher zu einer der wunderbarsten Beobachtungen, die ich je gemacht habe. Anderthalb Stunden konnten wir die Interaktion von Walross, Fuchs und Bär beobachten. Ein Traum war das, und am Ende hatte ich viele neue innere Fotos, die ich auf ewig behalten werde.

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Birgit Lutz